Zum Stand der Blogosphäre…

Das Internet verändert sich und wie das mit Veränderungen so ist: manche gehen unbemerkt vonstatten und werden mir erst vollständig bewusst, wenn die Auswirkungen abgeschlossen sind und der vorherige Zustand spürbar nicht mehr vorhanden ist…

Für mich verhält es sich so mit der Blogosphäre. An anderer Stelle habe ich dieses Gefühl bereits vor einiger Zeit versucht zu artikulieren: “Blogs sind tot.” (im SocioEconomics Blog).

Besser ist dies im Spreeblick Blog ausgedrückt worden (zum Artikel: “2013: Das Web zurückerobern”).

Die Auswirkungen sind schon enorm, denn anstatt den NutzerInnen Kompetenzen abzuverlangen, nämlich die Kompetenz, die technischen Anforderungen zu erlernen/meistern, die notwendig sind um mitspielen zu können – in früheren Zeiten noch häufiger mit den Worten “RTFM!” (“Read the Fucking Manual”) ausgedrückt, kauen uns heute Facebook, Google+ oder Twitter alles so weit vor, dass wir kollektiv zu unmündigen Anwendern degradiert werden und eigentlich nur noch den Input liefern müssen.

Selbst wenn man sich selbst nicht zu den unmündigen Anwendern zählt, kann man sich der Konsequenzen letztlich nicht entziehen, weil man, um mitspielen zu können, dort präsent sein muss, wo die Masse ist (und die ist nicht verstreut in der Blogosphäre, sondern zentriert auf Facebook).

Das spielt aus meiner Sicht eine große Rolle. Zwar könnte man sagen: Es kommt auf die Inhalte an, ist doch egal ob ich meine Gedanken bei Facebook mit meinen Kontakten teile oder im eigenen Blog, aber aus meiner Sicht ist das überhaupt nicht egal.

Internetplattformen sind den Inhalten gegenüber nicht neutral.

Das ist eine wesentliche Erkenntnis, die meines Erachtens völlig verkannt wird. Um einen Aspekt hervorzuheben (der auch im Spreeblick-Blogpost genannt wird): Früher oder später wird einer der vielen URL-Shortener Dienste wie tiny.url, bit.ly oder wie sie alle heißen seinen Dienst einstellen. Daran habe ich keinen Zweifel. Mit dem Untergang eines dieser Dienste werden große Mengen an Tweets ihren Inhalt verlieren.

Wir wissen also bereits, dass wir hier eine Art Bibliothek von Alexandria haben, die früher oder später abbrennen wird, aber obwohl möglich, unternehmen wir nichts dagegen, stapeln weiter mit Kerosin getränktes Papier und hoffen, dass schon alles gut gehen wird.

Dass das Internet nichts vergessen würde ist eine Illusion, die manche Menschen glauben, die nicht verstehen, warum sie ältere Sachen von sich selbst in Suchmaschinen finden.

Facebook und co. erfüllen einfach einen anderen Zweck. Viele Leute haben früher auf ihren Blogs exakt das gemacht, was Facebook leistet. Die Leute brauchen jetzt natürlich kein Blog mehr, weil Facebook für manche Sachen halt einfacher ist.
(von Julian Fietkau als Kommentar im SocioEconomics Blog)

Jepp, es ist einfacher. Meine Meinung mit meinen Facebook-Freunden zu teilen ist sehr viel einfacher, weil ich dann wesentlich flapsiger, umgangssprachlich und weniger differenziert schreiben kann, als wenn ich in einem weltöffentlichen Blogbeitrag meine Gedanken ausdrücken möchte. Außerdem hat sich auch ein gewisser Konsenz herausgebildet, sich auf Facebook über seine Bekannten auf dem laufenden zu halten, anstatt deren RSS-Feeds zu abonnieren.

Nunja…

Es lässt sich jedoch jede Menge tun, um dies zu verhindern. Wir können – und das geht zu allererst an mich selbst – wieder mehr bloggen, auch wenn es sich nur um einen kleinen Link handelt, den man postet. Wir können – und das geht zu allererst an mich selbst – wieder mehr Blogs verlinken und wieder mehr auf Blogs kommentieren statt auf Facebook oder Twitter.

Ein schöner Vorsatz für das neue Jahr, dem ich mich selbst anschließen möchte.

Wer übrigens mehr darüber erfahren möchte, wie innerhalb der Blogosphäre Meinungen und Ideen (technisch) ausgetauscht werden können der sollte sich dringend dieses Video von Julian Fietkau über “Interaktionsformen in der Blogosphäre” ansehen:

Update 16.00 Uhr: Bin gerade auf diesen Artikel gestoßen, der in der pessimistischen Sichtweise des Spreeblick-Artikel ein Generationenproblem erkennt, herrlich zu lesen 🙂

Ein Gedanke zu „Zum Stand der Blogosphäre…

  1. Durch die Abschaltung des Google Reader hat dieser Blogbeitrag für mich nochmals an Bedeutung gewonnen. Inzwischen das dritte mal innerhalb des letzten halben Jahres, dass ich mich sehr unwohl fühle was die Zukunft eines Internets angeht, wie ich es mir wünsche.

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