Verhalten und Handeln – Handlungstheorie in der Soziologie

Beschäftigen sich Soziologen mit Motiven für Handlungen? Foto von Wadem: http://www.flickr.com/photos/wadem/ (CC: BY, SA)

Beschäftigen sich Soziologen mit Motiven für Handlungen?
Foto von Wadem: http://www.flickr.com/photos/wadem/ (CC: BY, SA)

Die Vorlesungsaufzeichnung der zweiten Sitzung beginnt mit der Frage, wie Handlungsmotive miteinander zusammenhängen. Der Frage nach Handlungsmotiven sind keine Grenzen gesetzt, man kann immer noch eine Metaebene aufmachen.

Ein Beispiel bei Weber: Jemand hackt Holz – ein Verhalten, dass sich beobachten lässt (man sieht, das Holz gespalten wird). Es wird daraus noch nicht ersichtlich, wieso das Holz gehackt wird, es sind unterschiedlichste Motive möglich. Motive können sich natürlich auch überlagern (z.B. wenn man mit einer Handlung unterschiedliche Motiv verfolgt).

Möglich wäre bei dieser Handlung unter anderem, dass die holzhackende Person zugehörig zu einer sozialen Gruppe sein möchte (“Lebensstilgruppe”), in der es üblich ist, das eigene Heim mit Holz, in eigenen Öfen zu beheizen. Vor diesem Hintergrund, als Symbol biografischen Erfolges, könnte die Handlung eingebettet sein in eine Theorie der sozialen Schichtung und Konzepte der Aufwärtsmobilität.

Bourdieu, unter anderem, hat derartige Lebensstilanalysen gemacht (auch bezogen auf Einrichtungen, Speißen, etc.). In bestimmten sozialen Schichten oder Klassen, werden bestimmte Formen des Geschmacks erworben, die charakteristisch sind, für die jeweilige Gruppierung. Aus diesem Grund kommt es dazu, dass auch scheinbar lapidare soziale Handlungen, wie das Holzhacken, soziologisch untersucht werden.

Der Abbruchpunkt, ab wann man zusätzliche Motivebenen nicht weiter betrachtet, erfolgt pragmatisch.
Wobei nicht nur weitere Metaebenen für Handlungen aufgemacht werden können, sondern eine Handlung auch in kleinere Teile zerlegt werden kann. Ausblickend von Teilhandlungen ist jede Folgehandlung, die ermöglich wird, auf die Seite des Motivverstehens gerückt. Man kann also Verhaltenssequenzen interpunktieren durch eine Betrachtung nach der Frage nach dem Verstehen des Motivs und der Handlung.

Daran schließt sich an: Wo man Handlungen ausmacht, welche ihrer Bestandteile als Teilhandlungen, oder lediglich als Verhalten innerhalb einer großen Handlung gesehen werden… das entscheidet man willkürlich, bzw. kann nicht beantwortet werden.

Soziale Beziehungen

Warum benötigen wir diesen Begriff? Bei sozialem Handeln ist danach gefragt, ob man sich auf andere bezieht (eine psychologische Fragestellung). Bei der Betrachtung von sozialen Handlungen muss man fragen, ob und wie andere Akteure ins Spiel kommen.

Von einer sozialen Beziehung kann man sprechen, wenn wechselseitig aufeinander bezogenes soziales Handeln vorliegt. Das genügt als Einstieg in die Definition.

Bei Weber heißt es:
“Soziale Beziehung soll ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer heißen. Die soziale Beziehung besteht also durchaus und ganz ausschließlich: in der Chance, dass in einer (sinnhaft) angebbaren Art sozial gehandelt wird, einerlei zunächst: worauf diese Chance beruht. (In: Wirtschaft und Gesellschaft, Kapitel 1, § 3).”

Soziale Beziehungen können nach Weber also auch von kurzer Dauer sein (als Beispiel werden zufällige Begegnungen auf der Straße genannt – “Encounters” bei Goffmann). Begegnungen auf der Straße, von Personen die sich kennen, sind aber eher weniger gemeint, bzw. müssen anders betrachtet werden.
Es gibt also soziale Beziehungen, die meisten dauerhaften Beziehungen, die unterbrechbar sind. Es fragt sich also, wann eine soziale Beziehung als bestehend behandelt werden kann, wenn sie unterbrochen ist. Darauf bezieht sich der zweite Teil von Webers Definition, es wird die Chance genannt.

Zwischenfrage aus dem Publikum: Wie steht es mit Imagined Communities (also beispielsweise auch Nationen)? Antwort: Die Zugehörigkeit zu einer dieser Gruppen bzw. soziale Beziehung innerhalb dieser Gruppe, kann im Alltag als Handlungsgrundlage bedeutsam sein.

In der Sozialdimension ist der Begriff der sozialen Beziehung variabel – eine Obergrenze ist nicht angebbar, es kann sich auch um sehr große und sogar imaginierte Gruppen handeln. Wobei die Gruppenzugehörigkeit nicht in jedem Kontext anwendbar bzw. maßgeblich ist.
Inhalt einer sozialen Beziehung kann vieles sein: Ehe, Feindschaft, Freundschaft, etc.
Der Sinngehalt der Beziehung ergibt sich dann daraus.
Soziale Beziehungen können auch tradiert werden – z.B. Familienfehden, die sich über Generationen vererben.

Max Weber spricht daher auch davon, dass der Begriff der sozialen Beziehung amorph ist.

Sinnzuschreibungen innerhalb einer sozialen Beziehung können stark divergieren. Konfliktäre Beziehungen können symmetrisch oder asymmetrisch (Machtbeziehung im Sinne Webers – gekennzeichnet durch Über- / Unterlegenheit) sein.

Entsprechend der Definition von Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung bei Weber können soziale Beziehungen konsensuell sein:

§ 9. »Vergemeinschaftung« soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns – im Einzelfall oder im Durchschnitt oder im reinen Typus – auf subjektiv gefühlter ( affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht.
»Vergesellschaftung« soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung beruht.

Auch asymmetrische Beziehungen können auf Konsens beruhen, beispielsweise wenn Personen als Führungsfiguren akzeptiert werden.

Wichtiger Hinweis: Durch das Konzept der sozialen Beziehung ist auch das Verhältnis zwischen einer Person und einem Konstrukt, wie etwa einem Staat, abgedeckt.

Bestimmungsgründe des Handelns (unterschiedliche Motive) unterscheidet Max Weber wie folgt:
Zweckrationalität, wertrationalität, Affektuell, Traditional.
Weber spricht von Typen des Handelns (z.B. zweckrationales Handeln):

§ 2. Bestimmungsgründe sozialen Handelns: Wie jedes Handeln kann auch das soziale Handeln bestimmt sein 1. zweckrational: durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Außenwelt und von anderen Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als »Bedingungen« oder als »Mittel« für rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene eigne Zwecke, – (…)

Bei diesem Punkt handelt es sich um den Leittypus für die gesamte Typologie der Bestimmungsgründe des Handelns und steht daher im folgenden im Fokus, auch wenn die Definition noch weiter ginge:

(…)2. wertrational: durch bewußten Glauben an den – ethischen, ästhetischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden – unbedingten Eigenwert eines bestimmten Sichverhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg, – 3. affektuell, insbesondere emotional: durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen, – 4. traditional: durch eingelebte Gewohnheit.

Es geht bei Zweckrationalität um das rationale Bestreben durch Handeln bestimmte Zwecke zu realisieren. Das dazu eingesetzte Handeln ist also ein Mittel. Um Rationalität zu überprüfen, überprüft man die eingesetzten Mittel darauf, ob sie geeignet sind, den gewünschten Zweck zu verwirklichen. Ein wichtiges Nebenelement ist beim zweckrationalen Handeln die Abwägung – Rationalität hat Grenzen, bei unterschiedlichen Möglichkeiten muss man sich manchmal für eines entscheiden, weil rational betrachtet nicht eine der Alternativen vorzuziehen ist. Rationalität des Handelns ist von sozialen Ermöglichungsbedingungen von Rationalität abhängig (z.B. auch von technischen Möglichkeiten).

Bei wertrationalem Handeln steht ebenfalls Rationalität im Vordergrund, aber es geht nicht um die optimale Realisierung von Zwecken sondern um Werte. Beispielsweise absolute Pazifisten, als Extrembeispiel, die unter keinem Umstand jemanden töten würden. Dies könnte, je nach den Umständen, unter zweckrationalen Gesichtspunkten als irrational bezeichnet werden.

Affektuelles handeln ist durch Affekte und Gefühlslagen bestimmt. Ebenfalls nicht rational ist traditionales Handeln.

Abschließend wird nochmals klargestellt, dass es sich hier um (Ideal-)typen handelt. Es gibt Überlagerungen und Mischformen.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.
(um selbst nochmals nachhören zu können)

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