Triangulation in der Soziologie

Bezüglich meines Studiums habe ich festgestellt, dass die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Soziologie viel spannender und erkenntnisreicher abläuft, wenn ich im Vorfeld mit den aktuellen Handlungsfeldern und den korrespondierenden Erkenntnisständen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der berufliches Praxis konfrontiert bin. Diese verwenden offenkundig (in unterschiedlicher Auswahl) die selben Grundlagen, wodurch sich mir die enorme Relevanz für eine wissenschaftliche Tätigkeit viel besser erschließt, als wenn wie üblich, die Inhalte scheinbar zusammenhanglos präsentiert und gelernt werden sollen, nur weil die Studien- und Prüfungsordnung dies so vorschreibt.

Eine Gelegenheit diesen Erkenntnisstand und die Handlungsfelder einzusehen bot sich mir bei der bildungssoziologischen Forschungswerkstatt der DGS, Sektion Bildung und Erziehung.

Einen der spannenden Einblicke dort verdanke ich Dr. Anna Brake und Jörg Eulenberg, die jeweils die Frage nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher methodischer Ansätze, also der Frage etwa, ob sich qualitative und quantitative Methoden vereinen lassen, nachgegangen sind. Im nachfolgenden möchte ich keinen “Paradigm-War” nachzeichnen, noch bin ich bezüglich der epistemologischen Grundlagen aller möglichen methodischen Ansätze im klaren. Wichtig scheint mir allerdings, die Relevanz der epistemologischen Grundlagen der methodischen Herangehensweise zu benennen und mir die Notwendigkeit zur Begründung des gewählten theoretischen und dazu notwendigerweise der darauf abgestimmten methodischen Herangehensweise, bei wissenschaftlichen Untersuchungen, hinter die Ohren zu schreiben.

Im einführenden Lehrbuch meines Studiums, empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen von Andreas Diekmann, findet man die Behauptung (S.19):

“Je nach Fragestellung und Untersuchungsziel empfiehlt sich die Auswahl unterschiedlicher Methoden, häufig auch von Methodenkombinationen. Nicht jede Methode ist bei einer spezifischen Fragestellung gleichermaßen gut geeignet. Gelegentlich werden auch mehrere Methoden zur Beantwortung ein und derselben Forschungsfrage eingesetzt (Triangulation, “cross examination”). Das Vertrauen in ein Resultat wächst, wenn mit unterschiedlichen Methoden das gleiche Ergebnis erzielt wird. Als Musterbeispiel eines praktizierten Methodenpluralismus kann heute noch die klassische “Marienthal-Studie” (Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel (1. Aufl., 1933) 1960) über die Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit gelten.”

Problematisiert wurde bei der bildungssoziologischen Tagung die Behauptung, man könne mehrere Methoden kombinieren um ein und dieselbe Forschungsfrage zu beantworten.

Lässt sich durch Triangulation soziale Realität genauer darstellen? Foto: Josh Pesavento “man in park (triangulation)“, Lizenz: CC 2.0: BY

Lässt sich durch Triangulation soziale Realität genauer darstellen?
Foto: Josh Pesavento “man in park (triangulation)“, Lizenz: CC 2.0: BY

Die Kritik an Triangulation zielt dabei insbesondere darauf ab, dass mit diesem Begriff die Vorstellung transportiert wird, dass man eine objektiv vorhandene Realität soziologisch vermessen könne und dies durch den Einsatz unterschiedlicher Herangehensweisen noch genauer funktioniert.

Tatsächlich geschieht in empirischen Arbeiten, auch bei denen, die den Begriff Triangulation verwenden, aber etwas anderes: Ein Untersuchungsgegenstand wird konstituiert und damit konstruiert.

Meiner Einschätzung nach ist das so zu verstehen dass beispielsweise konkrete Formen sozialer Ungleichheit nicht als losgelöste Tatsache begriffen werden dürfen, die einfach so vorhanden sind. Stattdessen wird in empirischen Arbeiten über soziale Ungleichheit zunächst begründet angenommen (konstituiert), dass eine Form der sozialen Ungleichheit besteht um dann anschließend die Ursache dieser sozialen Ungleichheit mit empirischen Methoden herauszuarbeiten.

Auch die Quantifizierung des konstituierten Phänomens, also etwa wenn durch quantitative Untersuchung belegt ist, dass alle untersuchten Subjekte die Meinung vertreten, von sozialer Ungleichheit betroffen zu sein, ist als Teil einer Konstituierung zu verstehen.

Das bedeutet, dass Untersuchungsgegenstände von sozialwissenschaftlichen Arbeiten Konstruktionsprozessen unterliegen. Von der Behauptung, dass damit Realität valider dargestellt, quasi vermessen werde, sollte man Abstand nehmen. Der Begriff Triangulation ist daher aufgrund seines Potenzials, unzulässige epistemologische Konsequenzen zu ziehen, eher abzulehnen.

Über die Vereinbarkeit von quantitativen und qualitativen Methoden um soziale Zusammenhänge besser begründen zu können, ist damit übrigens noch nichts gesagt. Wobei man im Einzelfall wohl sehr genau darauf achten muss und begründen sollte, welchen Mehrwert die Verwendung eines zusätzlichen Zuganges für das Erkenntnisinteresse in der jeweiligen wissenschaftlichen Arbeit darstellt. Dies gilt auch für die Kombination unterschiedlicher rein-qualitativer oder quantitativer Verfahren. Dabei können die, der Methode innewohnenden, Erkenntnismöglichkeiten noch weit unterschiedlicher ausfallen, bis zu dem Grad, an dem Methoden zu unterschiedliche Voraussetzungen mit sich bringen, um überhaupt kombiniert werden zu können.

3 Gedanken zu „Triangulation in der Soziologie

  1. Karl Popper sagt:

    Ich halte dagegen:

    Der Wissenschaftler konstruiert eine Theorie bzw. leitet Hypothesen daraus ab.

    Anschließend versucht er die Hypothesen zu widerlegen und benutzt hierzu verschiedene (geeignete) Methoden. Solange die Hypothesen der Prüfung standhalten, die Ergebnisse aller Methoden den Erwartungen nicht widersprechen, sind sie nützliche Fiktionen, die unser handeln leiten können (z.B. weil sich immer wieder zeigt, dass Kinder von einem Kindergartenbesuch profitieren).

    Den Falsifikationismus/kritischen Rationalismus (den ich hier SEHR verkürzt dargestellt habe) sollte man ernst nehmen.

    Es grüßen Karl Popper, Imre Lakatos und Hans Albert.

  2. Hallo Karl Popper,

    vielen Dank für das Teilen dieser Überlegungen.

    Ob und wie Hypothesen konstruiert werden, sagt jedoch nichts darüber aus, ob nicht auch der Untersuchungsgegenstand konstruiert wird.

    Insofern sehe ich nicht so Recht, wie die dargestellten Überlegungen in Zusammenhang mit meinem Blogbeitrag stehen…

    Gruß
    Michael Karbacher

  3. Karl Popper sagt:

    Eben. Es gibt nicht *den* Untersuchungsgegenstand, der unabhängig von der Untersuchung ist (deswegen wird er ja durch die Untersuchung konstruiert). Man erfährt den Untersuchungsgegenstand (bzw. etwas über ihn) nur durch die Prüfung der Hypothesen.

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