Subjektiver Sinn bei Alfred Schütz: “Weil” versus “Um-zu”

Mit Alfred Schütz geht es in der Vorlesungsaufzeichnung “soziologische Handlungstheorie” zurück zu den Klassikern der Soziologie. Es geht in dieser Sitzung darum, eine weitere Handlungskategorie kennenzulernen.

Zunächst wird die Frage behandelt, wie es denn möglich ist, dass Gesagtes verstanden wird. Es gibt hier etwas, das im Alltag selbstverständlich zu funktionieren scheint. Jedenfalls bis auf kleine Pannen hin und wieder. Auch Alltagsakteure müssen folglich über bestimmte Methoden verfügen, wenn auch unterbewusst, um mit ihren Handlungen, wozu auch Kommunikation zählt, intersubjektiven Sinn herstellen zu können.

Schütz hat sich mit derartigen Fragen in einer philosophischen Betrachtungsweise auseinandergesetzt, was von Garfinkel um eine experimentelle Perspektive erweitert wurde. Garfinkel bezeichnete diese Alltagsmethoden, mit denen intersubjektives Verständnis hergestellt wird, in Anschluss an Schütz, als Ethnomethoden. Letztlich entwickelte sich diese Richtung hin zu einer ethnologischen Kommunikationsanalyse, deren Ziel darin liegt, zu analysieren, wie Verstehen erreicht wird.

Soweit zur groben Vorschau.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Das Hauptwerk von Alfred Schütz: “Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt” (1932), entstand, zeitlich und inhaltlich anknüpfend an das Werk und den Handlungsbegriff von Max Weber.
Alfred Schütz setzt beim Begriff des subjektiven Sinnes an, der bei Weber schwach ausgeprägt ist, und radikalisiert diesen.

Die Perspektive eines Akteurs und eines externen Beobachters wird bei Schütz dekomponiert.
Bei Schütz ist mit diesem externen Beobachter nicht mehr ein Wissenschaftler, wie noch bei Max Weber, sondern ein weiterer Akteur gemeint.

Der subjektive Sinn lässt sich bei Schütz in Sach- Zeit- und Sozialdimension aufteilen.

Bei der Sachdimension kann der Sinn einer Handlung je nach sachlicher Einbettung variieren.

Zur Verdeutlichung dient ein Beispiel, das bereits in der ersten Veranstaltung über Max Weber genannt wurde. Folgendes Verhalten wird beobachtet:

Eine Person spaltet Holzscheite.

Mit der Beschreibung dieses Verhaltens ist bereits ein bestimmter subjektiver Sinn unterstellt, nämlich, dass Holzscheite gespalten werden sollen. Durch den unterstellten subjektiven Sinn, dass die Axt geschwungen wird um Holz zu spalten, lässt sich diese Handlung dem Motivsystem der “Um-zu-Motive” nach Alfred Schütz zuordnen.

Denkbar wäre alternativ, dass Holz benötigt wird, für einen (unnötigen) Kachelofen, der Teil eines Lebensstils ist, durch den also Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, oder sozialer Aufstieg symbolisiert werden soll.

Je nach sachlicher Einbettung wachsen der Handlung weitere Sinnelemente zu. So lassen sich beispielsweise zahlreiche Sedimente der Biographie, als Vernetzung von Handlungsplänen, abbilden, um Handlungen vollständig zu verstehen, was als Fremdbeobachter jedoch kaum möglich ist. Somit ist subjektiver Sinn ein Limesbegriff (man kann sich subjektivem Sinn annähern, ihn jedoch nicht vollständig erfassen).

Bei der Zeitdimension lässt sich ebenfalls zunächst das um-zu-Motiv konstatieren. Handlung wird hierbei imaginiert, als schon ausgeführt. Der Wunsch, ein (vorgestellt als bereits ausgeführtes) Ziel zu realisieren, wird wirksam, um ein Verhalten zu motivieren.

Dabei kann jedoch einiges schief gehen. Auf dem Weg einen Handlungswunsch zu erfüllen (z.B. von A nach B zu reisen), könnte man beispielsweise eine andere Handlung, etwa einen Unfall, vollziehen.
Um diese Handlung nachvollziehen zu können, kann man zwar zunächst nach den “Um-zu-Motiven” fragen, dies wäre jedoch nicht hilfreich, die Handlung des Unfalls nachzuvollziehen, weil man den Unfall nicht begangen hat, um etwas zu erreichen.

Daher gibt es zur Unterscheidung die “Weil-Motive”, die die biographischen Hintergründe berücksichtigen. Hier wäre beispielsweise herauszuarbeiten, dass der/die Akteur schon immer leichtsinnig war oder Risiken unterschätzt hat. Damit kann man sich der Handlung “Unfall” besser nähern.

Motivsysteme lassen sich also grundsätzlich in “Um-zu-Motive” und “Weil-Motive” unterscheiden:

Motivsysteme des Akteurs nach Alfred Schütz. Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 243.

Motivsysteme des Akteurs nach Alfred Schütz.
Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 243.

Eine interessante Frage, die nachfolgend aufgeworfen wird, ist, wieso der Mangel an Informationen über Handlungsmotive (beispielsweise der biographischen Hintergründe) im Alltag nicht zu stärkeren Kommunikationsproblemen führt, als dies der Fall ist. Häufig scheint “aktuelles Verstehen” zu genügen. Übergeordnete Handlungsziele könnten irrelevant sein. Beispielsweise interessiert es einen Bäcker nicht, was ich mit den gekauften Brötchen anfangen möchte und wieso ich Brötchen lieber als Vollkornstangen kaufe, etc.

Ein spannender Punkt, den ich bei Gelegenheit nochmals aufgreifen möchte. Mir schwant, dass die Kommunikation im Alltag durchaus regelmäßig defizitär ist, was möglicherweise ursächlich für viele Konflikte ist.

Alfred Schütz meint, dass im Alltag Handlungen durch Alltagsakteure typisiert werden. Damit ist ein gewisses Maß an Abstraktion von Handlungen gemeint, um rollenspezifische Handlungen, anstatt nur personenspezifischer Handlungen, aufzuzeigen. Rollenspezifische Handlungen lassen sich wiederum abstrahieren, um situationsabhängige Handlungsmuster, in denen sowohl Personen als auch Rollen austauschbar sind, vorstellbar zu machen.

Stufen der Abstraktion von Typisierungen nach Alfred Schütz. Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 247.

Stufen der Abstraktion von Typisierungen nach Alfred Schütz.
Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 247.

Eine Aussage des Dozenten, die ich zunächst wirken lassen muss: “Stufen der Abstraktion von Typisierungen etablieren Schwellen der Indifferenz in Hinblick auf das, was Gegenstand des Verstehens sein muss. Was unterhalb der Schwelle liegt, muss nicht mitverstanden werden, um hinreichend in einer sozialen Situation zu verstehen.” Gemeint ist damit wohl, dass intersubjektives Verstehen erreicht wird, indem die Ansprüche an intersubjektives Verstehen reduziert werden. Wir verstehen einander vielleicht nur oberflächlich und wollen bzw. müssen einander auch nicht tiefergehend verstehen, um im Alltag zurecht zu kommen.

Soweit zunächst meine Perspektive auf die achte Sitzung der Vorlesung über soziologische Handlungstheorie. In der nächsten Sitzung geht es weiter mit dem Thema intersubjektiver Sinn und um einen Übergang von Alfred Schütz zu George Herbert Mead.

Ein Gedanke zu „Subjektiver Sinn bei Alfred Schütz: “Weil” versus “Um-zu”

  1. […] biographischen Elemente, oder zukunftsgerichteter Handlungspläne, wie sie Alfred Schütz für die Interpretation subjektiven Handlungssinns eingeführt hat, in Form von kommunikativen Anschlussmöglichkeiten in Relation zu einer […]

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