Soziologische Phänomenologie

Die Phänomenologie findet sich in vielen soziologischen Arbeiten als Beschreibung für die empirische Herangehensweise der Autor_Innen.

Darunter verstehe ich in der Regel, dass in der jeweiligen Arbeit Material empirisch untersucht wird und im untersuchten Material Dinge vorgefunden werden, die in einem positiven oder negativen Erklärungszusammenhang mit der Forschungsthese stehen. Wenn die Möglichkeit der Falsifikation nicht gegeben ist, weil man es nicht mit einer einfachen These, sondern mit der Suche nach Wirkungszusammenhängen zu tun hat, sollte der phänomenologische Ansatz die Möglichkeit bieten, im Material “Dinge” zu finden, die den Wirkungszusammenhang näher spezifizieren oder ihn vielleicht auch unwahrscheinlich erscheinen lassen. Das wäre schließlich auch ein Erkenntnisgewinn.

Ein Forschungsprozess mit phänomenologischer Herangehensweise liefe also exemplarisch in etwa so ab: Eine Forschungsthese wird aufgestellt, empirisches Material wird gesammelt oder erhoben und im empirischen Material werden Dinge gefunden, die die die aufgestellte These falsifizieren können.

Da ich mir nicht sicher bin, inwiefern diese relativ einfache Beschreibung ausreichend den Kern einer phänomenologischen Herangehensweise in soziologischen Arbeiten beschreibt, möchte ich meine Kenntnisse in diesem Bereich mit etwas Fachliteratur anreichern.

Phänomenologie bezeichnet einen Zusammenhang von wissenschaftlichen Disziplinen, sowie eine philosophische Methode und Denkhaltung bezeichnet.
Phänomenologie ist eine Wissenschaft vom Phänomen. Mit Phänomen sind dabei in der Phänomenologie nicht Gegenstände gemeint, wie sie scheinen, sondern so, wie sie für uns sind.

Husserl versteht Phänomene also, als die Art und Weise wie uns ein Gegenstand gegeben ist.
Die Phänomenologie, insbesondere als Methode, steht in engem Zusammenhang mit epistemologischen Fragen, also mit Fragen danach, was denn überhaupt herausgefunden werden kann. Phänomenologie begreift sich als einen Zugang, der aus der subjektiven Perspektive den Zugang zur Welt und die Fundamente der Wissenschaften untersucht. Dabei ist wichtig, wie wir etwas erkennen.

Auch Immanuel Kant hat bereits etwa die Frage nach den intellektuellen Voraussetzungen zu Forschen aufgeworfen, Husserl geht jedoch davon aus, dass hier keine erkenntnistheoretischen Grundlagen angehäuft werden können, sondern der Zugang zum Forschungsgegenstand jeweils zu den Sachen selbst erfolgen müsse.

Nach Husserl muss dazu alles subjektive vermieden werden, alle Annahmen müssen reduziert werden und der Forschende muss sich zudem von allen Traditionen, und von allem, was dem Gegenstand zugeschrieben wird freimachen.

Damit wäre der Grundstock zum Verständnis der Phänomenologie zwar bereits gelegt, jedoch bleibt noch die Frage nach der spezifisch soziologischen Phänomenologie. Um diese besser verorten zu können habe ich in einen Blick in das Handbuch Soziologische Theorien geworfen, in dem sich ein Beitrag von Hubert Knoblauch über die Soziologische Phänomenologie findet. Hier eine teilweise Zusammenfassung des Beitrages:

Die phänomenologisch orientierte Soziologie ist eine Verbindung der durch Husserl geprägten philosophischen Phänomenologie mit der Soziologie, die insbesondere durch Alfred Schütz im Bereich der Wissenssoziologie vollzogen wurde (vgl. Knoblauch, S. 299). Die Fruchtbarmachung der Phänomenologie für die Wissenssoziologie beeinflusste weitreichend auch andere Bereiche der Soziologie, bis hin zur interpretativen Wende und ist daher mitursächlich für die Etablierung der qualitativen Sozialforschung (vgl. ebd, S. 299).
Die vorsoziologische, philosophische, Phänomenologie nach Husserl zeichnet sich durch eine streng geregelte Herangehensweise an einen als wirklich geltenden Gegenstand aus, die beinhaltet, die eigene Beobachterperspektive zu reflektieren, um den Konstruktionsvorgang der jeder Beobachtung beiwohnt zu minimieren (vgl. ebd, S. 300). Husserl prägte im Zusammenhang mit der Beschreibung von Bewusstseinsleistungen, die etwa exemplarisch für das Verstehen von Wörtern, ohne diese auszusprechen, erlernt worden sein müssen, den Begriff der Lebenswelt (vgl. ebd, S. 301). Da die subjektiven Bewusstseinsleistungen in der philosophischen Phänomenologie auch in einem Zusammenhang mit den subjektiven Bewusstseinsleistungen anderer stehen und von diesen beeinflussbar scheinen, entwickelte Husserl zur Ursachenerklärung ein Modell der transzendentalen Intersubjektivität, welches im späteren Verlauf für die Soziologie und eine eigenständige phänomenologische Soziologie, zugunsten des symbolischen Interaktionismus nach Mead aufgegeben wurde (vgl. ebd, S. 303, f.). Auch die Definition der Soziologie von Max Weber, nach der Soziologie eine Wissenschaft sein soll, die soziales Handeln deutend verstehen will, wobei Handlung ein menschliches Verhalten, mit dem ein subjektiver Sinn verbunden wird, ist, lieferte einen Anknüpfungspunkt zur Phänomenologie, da sich diese mit der Welt als einem Sinnphänomen beschäftigt, und in der phänomenologischen Reduktion eine Methode bietet, das Zustandekommen subjektiven Sinns zu erklären (vgl. ebd, S. 304).

Im weiteren werden im Beitrag von Hubert Knoblauch noch der Einfluss und die Rezeption der Phänomenologie auf die Wissenssoziologie, die Etnomethodologie und den durch Berger und Luckmann geprägten Sozialkonstruktivismus dargestellt. Im Kern geht es bei der phänomenologischen Soziologie darum, dei Methoden der transzendentalen Phänomenologie zu der Reduktion und edetische Variation (Variation der Eigenschaften eines Gegenstandes um das Wesensnotwendige herauszufinden) gehört, als empirische Sozialforschung anzuwenden (vgl. ebd, S. 317).
Entscheidend ist ferner, die phänomenologische Soziologie oder Sozialphänomenologie von phänomenologisch orientierter Soziologie abzugrenzen. Hubert Knoblauch stellt etwa dar, dass die gegenwärtige angelsächsische phänomenologische Soziologie auf schmalen Kenntnissen der Phänomenologie aufbaut (vgl. ebd, S. 317).

Mein persönliches Fazit ist, dass ich damit bislang leider nur an der Oberfläche gekratzt habe und eigentlich für ein tieferes Verständnis eine komplette Vorlesungsreihe zu diesem Thema besuchen müsste. Für das erste genügt es mir allerdings, zukünftig ein etwas besseres, wenn auch noch unvollständiges, Verständnis davon zu haben, was gemeint sein könnte, wenn in soziologischen Veröffentlichungen von einem phänomenologisch orientierten Zustand gesprochen wird.

Literatur: Knoblauch, Hubert (2009): Phänomenologische Soziologie. In: Handbuch Soziologische Theorien, 1. Auflage, Wiesbaden, S. 299 – 322

Ein Gedanke zu „Soziologische Phänomenologie

  1. Hier eine ganz gute Definition von Phänomenologie: „Gesamtheit der Phänomene, die mit der Interaktion einer Klasse von Einheiten verbunden ist“.*

    Die Definition ist so unspezifisch, dass sie für jede Wissenschaftsdisziplin angepasst werden muss. Es muss also jeweils die Klasse von Einheiten bestimmt werden, die miteinander in Interkation stehen und welche Phänomene mit der Interkation im Zusammenhang stehen.

    *Humberto R. Maturana/Francisco J. Varela in: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des Erkennens. Frankfurt am Main. 5. Auflage. S. 273

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.