Rationalität als soziologische Charakteristik für die moderne Gesellschaft

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

In der dritten Vorlesungsaufzeichnung der Veranstaltung “Handlungstheorie” geht es zunächst erneut um Max Weber. Der Fokus auf ihn soll in dieser Sitzung den Abschluss finden, anschließend wird es um Talcott Parsons gehen.

Zwei Gedanken zur Wiederholung der letzten Sitzungen:
Um unterbrochene, soziale Beziehungen, erfassen zu können (also beispielsweise wenn ein Paar kurzzeitig getrennt ist), benötigen wir das Konzept der Chance.
Soziale Beziehungen können aus zwei oder mehr Personen bestehen, diese müssen sich noch nicht kennen, es können sogenannte “imagined communities” sein, wie beispielsweise eine Nation. Eine solche soziale Beziehung kann als Handlungsgrundlage aktiviert werden. Man kann ggf. andere Menschen, innerhalb dieser sozialen Beziehung, ansprechen und diese soziale Beziehung damit aktivieren.

Bestimmungsgründe des Handelns
Hier gilt es noch einiges Nachzutragen von der letzten Sitzung. Dieses Kapitel spielt eine wichtige Übergangsrolle zur Handlungstheorie nach Talcott Parsons.
Die Bestimmungsgründe für Handlungen sind bei Weber in vier Idealtypen unterteilt: Zweckrational, wertrational, affektuell und traditional.
Zweckrationalität steht im Fokus und die anderen Handlungstypen (bzw. Bestimmungsgründe des Handelns) könnte man aus diesem Handlungstyp extrapolieren durch Reduzierung der Rationalität. Die Ziele der Handlung stehen dabei nicht im Fokus, sondern die zur Erreichung des Zieles eingesetzten Mittel.

“Über Nebenfolgen ist der spezifische Zweck einer einzelnen Handlung verknüpft mit anderen Handlungsmöglichkeiten.”
Handlungen sind auch vor dem Hintergrund zu sehen, welche alternativen Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und welche Konsequenzen eine Handlung hervorruft, die nicht das erwünschte Ziel bezwecken.
Über die Kategorie der Nebenfolgen können einzelne Handlungen auch im Kontext von Handlungszusammenhängen rationalisiert werden.
(In anderen Theorien wird von Handlungssystemen gesprochen, merkt der Dozent an… könnte man mal nachschlagen).

Traditionales Handeln beruht (ausschließlich) auf eingelebten Gewohnheiten. Beispiele sollte man sich dazu selbst ausdenken, die im Vortrag genannten sind etwas abstrus. Sobald man Gründe für das Handeln hat, jenseits davon, dass man etwas schon immer so gemacht hat, ist es kein traditionales Handeln in Reinform mehr.

Na, kommt ihr noch mit? Foto: “Mr. Green in the Study” von Alex Eylar http://www.flickr.com/photos/hoyvinmayvin/3142958768/ (Lizenz: CC: BY, NC, SA)

Na, kommt ihr noch mit?
Foto: “Mr. Green in the Study” von Alex Eylar
http://www.flickr.com/photos/hoyvinmayvin/3142958768/
(Lizenz: CC: BY, NC, SA)

Als nächstes steht an, unter inhaltlich soziologischen Gesichtspunkten, nachzuarbeiten.

Wozu dienen die besprochenen Begriffe innerhalb der Soziologie?

Weber war ein forschender Soziologe, der nach Materialuntersuchungen Kategorien gebildet hat, wie die der Bestimmungsgründe sozialen Handelns.
Die Ausgangsannahme ist zunächst bei Weber, dass die Mehrheit allen Handelns traditionales Handeln ist. Wir überlegen nicht für jede Tätigkeit, was sie uns nützt oder ob sie mit unseren Werten kongruent ist.
Traditionales Handeln meint nicht nur Traditionen von alters her, sondern, dass Gewohnheitsbildung immer wieder neu stattfindet.
Vom Modus des traditionalem Handeln kann schnell umgeschalten werden, etwa wenn man in eine Situation kommt, die einen emotional tangiert. Traditionales Handeln und affektuelles Handeln sind daher komplementär, bzw. stehen in einer Komplementärbeziehung.
Weber geht davon aus, dass die Gesellschaft einen rationalisierungsprozess durchläuft.

Beispielsweise ist ökonomisches Handeln gewinnorientiert.
Aufgrund von Konkurrenzsituationen müssen Produktionsverfahren effektiver gestaltet werden.
Weiteres Beispiel wäre die Wissenschaft. Auch hier geht es darum, auf Basis logischer Argumentation und methodischer Kontrolle immer neues Wissen zu produzieren. Es gibt wohl noch viele weitere Beispiele für gesellschaftliche Rationalisierungsprozesse im weber’schen Sinn, was charakteristisch ist, für die moderne Gesellschaft.

Die Antwort, wie es dazu kam, ist in der protestantischen Ethik von Max Weber zu finden. Nach Weber ist der asketische Protestantismus mit seinem religiösen Geboten, wie der rationalen Gestaltung innerweltlichen Handelns, ursächlich. In diesem Glauben werden Verdienste, die im Leben erworben werden, mit Sünden verrechnet. Dementsprechend sind die Gläubigen daran interessiert, möglichst viele Handlungen zu verrichten, die entsprechend diesem Glauben als gut gelten. Weltliche Berufe sind in diesem Glauben Teil der gottgeschaffenen Ordnung und damit ist deren Erfüllung geeignet, gleichzeitig den göttlichen Willen zu erfüllen. Wer in der Lage ist, Gewinn zu akkumulieren, hat damit einen Indikator dafür, von Gott gesegnet zu sein.

Die geistesgeschichtliche Grundlage für die institutionelle Verankerung der Anforderung auf Zweckrationalität, liegt nach Max Weber also in der Religion begründet. In der weiteren Entwicklung sterben diese religiösen Wurzeln dann nach Weber zwar langsam ab, aber werden gleichsam durch die gesellschaftliche Institutionalisierung (z.B. Märkte, Konkurrenz) beibehalten.

Webers Systematik (die Unterscheidung in vier Handlungstypen), war also im Prinzip ein Prozess der Abstraktion, also Herausbildung von Idealtypen, aus empirischen Material. Diese dienen wiederum als Werkzeug, um die unterschiedlichen Motivationselemente freizulegen. Weber ist damit erstmal abgeschlossen und es folgt als nächstes Werte und Normen als Orientierungsgrundlage bei Talcott Parsons. Dazu dann mehr im nächsten Blogbeitrag zu dieser Veranstaltungsserie.

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