Triangulation in der Soziologie

Bezüglich meines Studiums habe ich festgestellt, dass die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Soziologie viel spannender und erkenntnisreicher abläuft, wenn ich im Vorfeld mit den aktuellen Handlungsfeldern und den korrespondierenden Erkenntnisständen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der berufliches Praxis konfrontiert bin. Diese verwenden offenkundig (in unterschiedlicher Auswahl) die selben Grundlagen, wodurch sich mir die enorme Relevanz für eine wissenschaftliche Tätigkeit viel besser erschließt, als wenn wie üblich, die Inhalte scheinbar zusammenhanglos präsentiert und gelernt werden sollen, nur weil die Studien- und Prüfungsordnung dies so vorschreibt.

Eine Gelegenheit diesen Erkenntnisstand und die Handlungsfelder einzusehen bot sich mir bei der bildungssoziologischen Forschungswerkstatt der DGS, Sektion Bildung und Erziehung.

Einen der spannenden Einblicke dort verdanke ich Dr. Anna Brake und Jörg Eulenberg, die jeweils die Frage nach der Vereinbarkeit unterschiedlicher methodischer Ansätze, also der Frage etwa, ob sich qualitative und quantitative Methoden vereinen lassen, nachgegangen sind. Im nachfolgenden möchte ich keinen “Paradigm-War” nachzeichnen, noch bin ich bezüglich der epistemologischen Grundlagen aller möglichen methodischen Ansätze im klaren. Wichtig scheint mir allerdings, die Relevanz der epistemologischen Grundlagen der methodischen Herangehensweise zu benennen und mir die Notwendigkeit zur Begründung des gewählten theoretischen und dazu notwendigerweise der darauf abgestimmten methodischen Herangehensweise, bei wissenschaftlichen Untersuchungen, hinter die Ohren zu schreiben.

Im einführenden Lehrbuch meines Studiums, empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen von Andreas Diekmann, findet man die Behauptung (S.19):

“Je nach Fragestellung und Untersuchungsziel empfiehlt sich die Auswahl unterschiedlicher Methoden, häufig auch von Methodenkombinationen. Nicht jede Methode ist bei einer spezifischen Fragestellung gleichermaßen gut geeignet. Gelegentlich werden auch mehrere Methoden zur Beantwortung ein und derselben Forschungsfrage eingesetzt (Triangulation, “cross examination”). Das Vertrauen in ein Resultat wächst, wenn mit unterschiedlichen Methoden das gleiche Ergebnis erzielt wird. Als Musterbeispiel eines praktizierten Methodenpluralismus kann heute noch die klassische “Marienthal-Studie” (Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel (1. Aufl., 1933) 1960) über die Folgen der Langzeitarbeitslosigkeit gelten.”

Problematisiert wurde bei der bildungssoziologischen Tagung die Behauptung, man könne mehrere Methoden kombinieren um ein und dieselbe Forschungsfrage zu beantworten.

Lässt sich durch Triangulation soziale Realität genauer darstellen? Foto: Josh Pesavento “man in park (triangulation)“, Lizenz: CC 2.0: BY

Lässt sich durch Triangulation soziale Realität genauer darstellen?
Foto: Josh Pesavento “man in park (triangulation)“, Lizenz: CC 2.0: BY

Die Kritik an Triangulation zielt dabei insbesondere darauf ab, dass mit diesem Begriff die Vorstellung transportiert wird, dass man eine objektiv vorhandene Realität soziologisch vermessen könne und dies durch den Einsatz unterschiedlicher Herangehensweisen noch genauer funktioniert.

Tatsächlich geschieht in empirischen Arbeiten, auch bei denen, die den Begriff Triangulation verwenden, aber etwas anderes: Ein Untersuchungsgegenstand wird konstituiert und damit konstruiert.

Meiner Einschätzung nach ist das so zu verstehen dass beispielsweise konkrete Formen sozialer Ungleichheit nicht als losgelöste Tatsache begriffen werden dürfen, die einfach so vorhanden sind. Stattdessen wird in empirischen Arbeiten über soziale Ungleichheit zunächst begründet angenommen (konstituiert), dass eine Form der sozialen Ungleichheit besteht um dann anschließend die Ursache dieser sozialen Ungleichheit mit empirischen Methoden herauszuarbeiten.

Auch die Quantifizierung des konstituierten Phänomens, also etwa wenn durch quantitative Untersuchung belegt ist, dass alle untersuchten Subjekte die Meinung vertreten, von sozialer Ungleichheit betroffen zu sein, ist als Teil einer Konstituierung zu verstehen.

Das bedeutet, dass Untersuchungsgegenstände von sozialwissenschaftlichen Arbeiten Konstruktionsprozessen unterliegen. Von der Behauptung, dass damit Realität valider dargestellt, quasi vermessen werde, sollte man Abstand nehmen. Der Begriff Triangulation ist daher aufgrund seines Potenzials, unzulässige epistemologische Konsequenzen zu ziehen, eher abzulehnen.

Über die Vereinbarkeit von quantitativen und qualitativen Methoden um soziale Zusammenhänge besser begründen zu können, ist damit übrigens noch nichts gesagt. Wobei man im Einzelfall wohl sehr genau darauf achten muss und begründen sollte, welchen Mehrwert die Verwendung eines zusätzlichen Zuganges für das Erkenntnisinteresse in der jeweiligen wissenschaftlichen Arbeit darstellt. Dies gilt auch für die Kombination unterschiedlicher rein-qualitativer oder quantitativer Verfahren. Dabei können die, der Methode innewohnenden, Erkenntnismöglichkeiten noch weit unterschiedlicher ausfallen, bis zu dem Grad, an dem Methoden zu unterschiedliche Voraussetzungen mit sich bringen, um überhaupt kombiniert werden zu können.

Einführung in die Systemtheorie: Das AGIL-Schema von Talcott Parsons

Nach “The Structure of Social Action” von 1937, hat sich Talcott Parsons in den 40er und frühen 50er Jahren zunächst der Theorie sozialer Systeme zugewandt und ist daher mit dem Strukturfunktionalismus in Berührung geraten, aus dem sich seine Theorie nur allmählich freigearbeitet hat. Niklas Luhmann meint, dass dies in Rückgriff auf die Vorstellung “Action is System” geschehen ist und es sich in den Kreuztabellen als Ergebnis darstellt. Darin wird dargestellt, dass vier Komponenten zusammenwirken müssen, damit eine Handlung entsteht.

Eine Darstellung dieser Kreuztabellen kann man hier finden. Da ich mir über die eingeräumten Nutzungsrechte nicht im klaren bin, verzichte ich darauf, das Bild hier direkt einzubetten.

In der Kreuztabelle werden je zwei Variablen gegenübergestellt.
Die Horizontale Achse steht für die handlungstheoretische Komponente des Satzes “Action is System”. “Instrumente” steht dabei für die Mittel des Handels und “Consummatory”, auch konsumatorisch, beschreibt, was Eintritt, wenn der Zweck erreicht ist und eine Perfektion des Systems zustandegekommen ist.
Die Vertikale Achse (Internal/External) steht für die systemtheoretische Komponente von “Action is System”.

Es gibt von Talcott Parsons selbst keine Anweisung für eine Deduktion der Inhalte dieser Kreuztabelle, sondern um plausible Benennungen dessen, was verstanden werden muss bezüglich der Kombination von Variablen.

Bei der Kombination von internaler und externaler Orientierung geht es um Anpassung. Das System instrumentalisiert die Außenbeziehungen und versucht einen Zustand zu erreichen in dem befriedigende Verhältnisse zwischen System und Umwelt hergestellt sind. Im Falle des sozialen Systems ist dies bei Parsons hauptsächlich die Wirtschaft.

In der Kombination von Außenbeziehungen und konsumatorischer Werteverwirklichung sieht Parsons “Goal attainment” (Zielerreichung) als relevant.
Im Bereich sozialer Systeme schreibt Parsons diese Aufgabe dabei dem Bereich der Politik zu.

Die Kombination von konsumatorisch und internaler Orientierung, wird als Integration charakterisiert. Ein System integriert Handeln und damit Handelnde, wenn es ihnen befriedigende konsumatorische Möglichkeiten beschafft.

Die Kombinationsmöglichkeit instrumentell und internal wird von Parsons mit dem merkwürdigen Ausdruck “latent pattern maintenance” versehen. Dahinter steht die Überlegung, dass Strukturen dauerhaft verfügbar sein müssen, wobei sie nicht ständig aktualisiert werden. Es entsteht die Frage, wie garantiert werden kann, wie Strukturen aktualisiert werden können, auch wenn sie in Zwischenphasen latent bleiben. Für Parsons

Das Ergebnis dieser Überlegungen ist das oben verlinkte AGIL-Schema. Ein vier-Funktionen Schema: Adaptation, Goal attainment, Integration, Latent patternment.
Parsons besteht darauf, dass es nur diese vier Funktionen geben kann und dass diese eine Gesamtrepräsentation der Handlungsmöglichkeiten des Handlungssystems ermöglicht und dass alle Ausweitungen eine Artikulation dieses vier-Funktionen Schemas sei.

Parsons ist damit einer der großen Theoriekonstrukteure, die ein eigentümliches Konstruktionsmuster ausprobieren und dann sichtbar machen, was man mit dem Theoriemuster erreichen kann, wie sich das Design der Theorie auswirkt und wie es etwa zu einer dialektischen Theorie kontrastiert. Parsons ist damit die Sichtbarkeit einer gewissen Theoriearchitektur zu verdanken, was auch deren Kritik ermöglicht.

Parsons wird, entsprechend dieser Vorgaben, ermöglicht, eine Schwerpunktsetzung vorzunehmen. Talcott Parsons spricht hier vom Primat einer Funktion, wodurch ein System um eine Funktion herum gebildet wird. Beispielsweise um die Funktion Adaptation im Bereich der sozialen Realisierung von Handlung, ein System von Wirtschaft.

Wie kann aber ein solches System überhaupt ein System sein? Wie kann in einem solchen abgesonderten Komplex Handlung zustandekommen? Nach Parsons muss dazu wiederum auch in dem für Adaptation reservierten Bereich alle Funktionen erfüllt sein müssen. Also muss auch wirtschaftliches Handeln wieder eigene adaptive Funktionen erfüllen, eigene Ziele erreichen (goal attainment), es muss eigene Strukturen im Zustand von Latenz erhalten können (latent pattern maintenance) und es muss wiederum integriert sein.

Das AGIL Schema

Das AGIL-Schema (einfache Version).
Bild von Bernd Oliver Suenderhauf CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Also kommen auch in jedem einzelnen, ausdifferenzierten, funktionsspezialisierten Systems, alle anderen Funktionen wieder vor.

Das führt zu dem Gesamttheorem, dass das System in sich selbst wiederholt werden kann. Aus jeder der vier Boxen, können also wiederum vier Teilsysteme entstehen, woraus wieder je vier Teilsysteme entstehen können.
Wie oft dies möglich ist, ist eine praktische Frage an die erreichbare Komplexität des Systems und der Handlungswirklichkeit. Darüber braucht man kein endgültiges Urteil zu fällen, bzw. ist die Theorie in diesem Fall offen, die Frage lässt sich empirisch entweder nachweisen oder nicht.

Diese irritierende und störende Multiplikationsvorschrift des Systems, in sich selbst hinein, bietet historische, aktuelle realistische Interpretationsmöglichkeiten. Parsons versucht in seinen Entwicklungsüberlegungen diese auszunutzen, was nur in dem Maße gelingen kann, die Boxen mit Plausibilität zu versorgen, also welche Realität hinter einer kombinatorischen Möglichkeit tatsächlich steckt. Hierin liegt die Schwierigkeit, da dieses Problem, wie geschildert, nicht deduktiv gelöst werden kann. Auch theoretische Kreativität ist hier gefordert.

Eine der bemerkenswerten Einsichten von Talcott Parsons ist, dass Systemreferenzen unterschieden werden müssen, man muss wissen, auf welcher Systemebene der Detaillierung des Gesamtkomplexes argumentiert wird.

Zur Veranschaulichung zunächst ein Beispiel aus der Ebene des allgemeinen Handlungssystem, welches die allgemeinste Ebene ist, die in dieser Theorie vorgesehen ist. An dieser Stelle wird eine spätere Theorie der Human Condition außer Acht gelassen.
Was garantiert die Möglichkeit von Handlung als solche? Hier ist die adaptive Funktion durch einen “behavioural organism” gesetzt. Damit ist nicht die ganze Biologie, etwa die Anatomie eines menschlichen Körpers gemeint, sondern lediglich das Verhalten, was ein Organismus leisten muss, um die Verhaltenskomponente des Handelns zustande zu bringen.
Der Handelnde wird also aufgelöst und ein Teil von ihm ist der behavioural organism. Parsons platziert den behavioural organism in die Box instrumentell/passiv. Dies lässt sich kritisieren, zeigt jedoch, dass der Organismus bei Parsons als die Komponente von Handeln gesehen wird, die sich Außenbedingungen anpasst und sich langfristige Gleichgewichte mit externen ökologischen Bedingungen sucht. Es zeigt, dass die Ökologie auf das Handeln nur in dem Sinne einwirkt, dass sie den behavioural organism beeinflusst, nicht aber den kulturellen Aspekt des Handelns. Beispielsweise muss die Temperatur konstant gehalten werden können, in Anpassung an die Umwelt, um das Gehirn mit Blut zu versorgen.
Die Box der Zielerreichung (goal attainment) ist beim allgemeinen Handlungssystem durch die Persönlichkeit besetzt. Es wird durch die Psyche kontrolliert, ob Handlungen befriedigend ablaufen, bzw. ob sie sich an der Zielerreichung erfreuen können. Auch hier gibt es den Doppeleffekt, einerseits zu Fragen, wieso ausgerechnet diese Box gewählt wird, andererseits entsteht dadurch ein Anreiz herauszufinden, welche Erkenntnisse sich aus dieser Zuordnung gewinnen lassen.
Die nächste Box kombiniert konsumatorische und internale Richtlinien. Parsons setzt hier das soziale System ein.
Wieso dient das soziale System der Integration, verstanden als Herstellung einer internen Ordnung unter Gegenwartsaspekten? Nach Parsons kommt es darauf an, die Handlungen verschiedener Organismen und Personensysteme miteinander zu kombinieren. Personen müssen mit ihren Beiträgen in ein Handlungsnetz, bestehend aus mehreren Personen, eingesetzt werden.
Für den Fall des latent pattern maintenance, bzw. für die Kombination von instrumenteller Organisierung mit internalen Orientierungen, also auf das Handlungssystems selbst, setzt Parsons Kultur ein. Der Kulturbegriff Parsons deckt auch die Wiederverwendung sprachlicher Reden, von Werkzeugen und anderer Kulturgüter mit ein.

Das allgemeine Handlungssystem wird also aufgeteilt in die Funktionssysteme: Adaption, Persönlichkeit, Soziales System und Kultur.

Das adaptive Subsystem des integrativen Subsystems des Handlungssystems wird als Wirtschaft bezeichnet. Es kommt zur Ausdifferenzierung dieses Komplexes immer dann, wenn langfristige Adaptierung des Handlungssystems an Umweltsituationen eine Rolle spielt. Grob gesagt, wenn es zu Kapitalbildung kommt, also wenn ein Geldmechanismus eingeführt wird, der dafür sorgt, dass man immer auf noch unvorhergesehene Umweltreaktionen reagieren kann.

Der Realismus dieser Konzeption liegt darin, dass der Geldmechanismus die zentrale Rolle für die Ausdifferenzierung des Systems spielt. Die evolutionäre Errungenschaft “Geld” hat überhaupt erst dazu geführt, dass sich Wirtschaft als Teilsystem ausdifferenziert und sich dadurch die Anpassungsbedingungen an die Umwelt verbessern.

Die goal attainment Funktion wird bei Parsons im Bereich des sozialen Systems definiert als Politik. Dies hat ebenfalls Kritik hervorgerufen, weil es mit vorangegangenen Definitionen von Politik kollidierte. Die Besonderheit der Politik liegt in der Sicherung konsumatorischer, also in sich gegenseitig befriedigende Zustände. Dies kollidiert mit dem “normalen” Politikbegriff, als eine instrumentelle Einrichtung, die immer bessere Leistungen und Sozialzustände zu erreichen versucht. Politik muss nach Parsons in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, die im Moment der Entscheidung kollektiv binden, also anerkannt werden, die befriedigen und die auf dem Glauben an Politiker beruhen.
Die Integrationsfunktion wird für das soziale System erfüllt durch “Gemeinschaft”…..

An dieser Stelle benötige ich eine kleine Denk- und Verschnaufpause 🙂 So weit also der Einstieg in das AGIL-Schema von Talcott Parsons…

Niklas Luhmann – Einführung in die Systemtheorie

Im Wintersemester 1991/1992 hat Niklas Luhmann an der Universität Bielefeld eine Vorlesung, bestehend aus 14 Sitzungen, zum Thema “Einführung in die Systemtheorie” gehalten. Diese Vorlesung kann als Audioaufzeichnung beim Carl-Auer Verlag für fünf Euro pro Sitzung käuflich erworben werden.

In diesem und zukünftigen Blogbeiträgen versuche ich die Sitzungen sowohl inhaltlich zusammenzufassen und dabei nachzuvollziehen, als auch referenzierte Theorien, und zu einem kleineren Teil mein persönliches Vorwissen und Einschätzungen, miteinzubeziehen.

Die erste Sitzung wird mit der Frage begonnen, ob es etwas wie Systemtheorie, auf dem aktuellen Stand der Forschung in der Soziologie, überhaupt gibt.
Luhmann unterstellt der Soziologie eine tiefe Theoriekrise. In der soziologischen Literatur und in soziologischen Einführungsveranstaltungen findet ein Rückgriff auf Klassiker, wie Max Weber, Georg Simmel, Émile Durkheim und andere statt. Die Konturen des Faches Soziologie werden durch diese Klassiker, und weniger über zeitgenössische Soziolog_Innen, bestimmt, wobei das nicht bedeutet, dass zeitgenössischen Soziolog_Innen gegenüber diesen Klassikern unkritisch wären. Eine theoretische Beschreibung der Probleme, in der sich die moderne Gesellschaft, beispielsweise in Fragen der Ökologie, auf Ebene von Individuen, bezüglich therapiebedürftigkeit und vieles andere mehr befindet, findet nicht statt.

Die Einführung in die Systemtheorie findet in drei Teilen statt.
Niklas Luhmann möchte in der Veranstaltung zunächst zeigen, wie man bislang in der Soziologie mit systemtheoretischen Formen gearbeitet hat, und wie man diese nicht weiter verfolgt wurden, nachdem Grenzen erreicht worden sind. Im zweiten, umfangreicheren Teil, sollen interdisziplinäre Theorieanstrengungen vorgestellt werden, um in ihnen nach soziologisch verwertbaren Ansätzen zu suchen. Im dritten Teil sollen aus den gesichteten Theorien Ansatzpunkte entwickelt werden, um soziologische Theoriebildung voranzutreiben.

Zunächst eine Skizzierung dessen, was sich in der Soziologie in den vereinigten Staaten in den 40er und 50er Jahren, als soziologische Systemtheorie herausgebildet hat.
Dies kann in die Bereiche Strukturfunktionalismus (oder Bestandsfunktionalismus), sowie in das Werk von Talcott Parsons unterteilt werden.

Beide systemtheoretische Ansätze wurden Ende der 60er Jahre, stark ideologisch geprägt, kritisiert, wodurch es zu einem Ende an einer weiteren Arbeit an soziologischer Systemtheorie kam.
Die Beschäftigung mit der Systemtheorie wird laut Luhmann in den USA auch heute (zur Zeit der Vorlesung, 1991) mit Verwunderung zur Kenntnis genommen und als überholt angesehen.

Der Strukturfunktionalismus als Systemtheorie ist eine wichtige Grundlage bei Luhmann. Foto von Nick Hughes, Lizenz: CC 2.0: BY, Werk: Structures // 2

Der Strukturfunktionalismus als Systemtheorie ist eine wichtige Grundlage bei Luhmann.
Foto von Nick Hughes, Lizenz: CC 2.0: BY, Werk: Structures // 2

Aufgrund von Disziplinbarrieren können Soziolog_Innen, die die Beschäftigung mit Systemtheorien kritisieren, nicht wahrnehmen, was transdisziplinär im Bereich der Systemtheorie geleistet wird.
Wobei diese Disziplinbarrieren nicht unüberwindbar sein müssen.

Von heute aus gesehen weisen die Ansätze, die in den 40er und 50er Jahren entwickelt wurden, erhebliche Schwächen auf.
Damals war Ausgangspunkt für den Strukturfunktionalismus ethnologische Forschung, die mit isolierten Stämmen gearbeitet hat, die als begrenzbar und damit erforschbar erschienen. Von dieser ethnologischen Forschung lassen sich keine allgemeine Rückschlüsse auf biologische, oder psychische Erklärungen über die Menschheit ableiten.

Talcott Parsons hat diese Beschränkung plausibel erklärt, indem er unterstellte, dass Soziolog_Innen einen begrenzten Gegenstand vor Augen haben müssten um zu forschen. In der Soziologie gibt es kein Äquivalent für Naturgesetze, vermutlich auch nicht in einem rein statistischen Sinne. Insofern bräuche es eine Zweittheorie, die sich bestimmte Systemtheorien als Ausgangspunkt vorstellt um zu bestimmen, welche Funktionen zur Erhaltung des Strukturmusters dienen.

Dies hat zu Fragen geführt, wie die Bestandsvoraussetzungen einer Gesellschaft aussehen, also welche Mindestanforderung an Erhaltung und Problemlösung erfüllt sein müssen, damit eine Gesellschaft bestehen kann.

Dies hat allerdings bestenfalls zu einem Katalog von Bestandsvoraussetzungen geführt, die theoretisch nicht weiter begründet werden konnten.
Primärer Hintergedanke war dabei, dass für eine Gesellschaftstheorie sowohl der Bereich der Politik, der Familie, der Wirtschaft, sowie grundlegende Werte miteinbezogen werden müssen.

Diese Schwäche scheint Niklas Luhmann bis heute kaum korrigierbar. Ein zweites Problem ist, dass die Begriffsarbeit durch den strukturfunktionalen Ansatz beschränkt war. Es machte insbesondere kaum Sinn, weiter nach der Funktion von Strukturen zu fragen, oder Begriffe wie Bestand/Bestandsvoraussetzung/Variable, oder den methodologischen Apparat weiter aufzulösen.
Die begriffliche Arbeit an einer Theorie wurde also beschränkt durch die Annahme, dass ein strukturierter Gegenstand vorgegeben sei.

Ein dritter Einwand ist, dass für den Bestand von Gesellschaften keine klaren Kriterien angegeben werden können, weil eine solche Theorie sowohl den Bereich des abweichenden Verhaltens miteinbeziehen muss, als auch gravierender, die historische Frage, in welchem Zeitraum ein Bestand identisch gehalten wird und welches Ausmaß an Strukturänderungen am sozialen System dazu veranlassen würden, eine Systemänderung anzunehmen. Dies lässt sich am Begriff der Revolution verdeutlichen, der die Frage aufwirft, ob es sich vor- und nachher um unterschiedliche Gesellschaften handelt. Es sind keine klaren Kriterien erkennbar, die einen Zustand von Gesellschaft oder Nicht-Gesellschaft erkennen lassen, im Gegensatz zur Biologie, wo die Frage nach Leben oder Tod klarer differenzierbar ist.

Das Fehlen dieser Kriterien kann für die Soziologie bedeuten, dass die Frage der Identität eines Systems im System selber und nicht durch Aussenbeobachter gestellt und beantwortet werden muss. Ein System muss selbst die Frage beantworten, ob es sich durch Veränderung von Strukturen so weit geändert hat, dass es nicht mehr das selbe ist.

Durch diese Modifikation lässt sich verstehen, weshalb in den 50er und frühen 60er Jahren die Differenz zwischen modernen und traditionalen Gesellschaften eine große Rolle gespielt hat. Auch Überlegungen, wie traditionale Gesellschaften in den Modus einer modernen Gesellschaft zu überführen sind, hat die Frage nach Modernisierungskonzepten gefördert und unklar gemacht, wo die Grenze der Identität eines Systems ist.

Die Frage nach Gesellschaft, oder Nicht-Gesellschaft muss aus der Gesellschaft beantwortet werden. Foto von Antonin Rémond, Lizenz: CC: BY; Titel: Protests in Paris

Die Frage nach Gesellschaft, oder Nicht-Gesellschaft muss aus der Gesellschaft beantwortet werden.
Foto von Antonin Rémond, Lizenz: CC: BY; Titel: Protests in Paris

Das Konzept des Bestands- oder Strukturfunktionalismus führt zu dieser Frage. Wenn man diese Frage nur mit einer Anspruchnahme einer Selbstbeschreibung, einer internen Thematisierung im System beantworten möchte, hat man Probleme der Selbstreferenz, die in diesem Rahmen nicht beantwortet werden.

Diese Schwächeerscheinung der ersten Typik soziologischer Systemtheorie wurde diskutiert und lag als Literatur in den 60er Jahren vor, was allerdings nicht ausgereicht hat um die Systemtheorie prinzipiell und vollständig als theoretischen Ansatz abzulehnen. Im normalen Duktus eines wissenschaftlichen Fortschrittes konnte man das, was man in diesem theoretischen Rahmen erforscht hat, nicht einfach negieren, ohne den Kern in einen neuen theoretischen Rahmen zu überführen, was jedoch nicht stattgefunden hat.
Mit Verzicht auf den Strukturfunktionalismus und die Limitierung von Forschung durch Bestandsvoraussetzungen wurden gewisse Erkenntnisse aufgegeben und diese wurden bislang nicht in andere Theoriesätze eingebaut.

In der Soziologiegeschichte sind daher nicht nur die Klassiker, die die Soziologie begründet haben, sondern auch die Forschung der 40er und 50er Jahre in den USA relevant.

Die ideologischen Gründen, die zur Ablehnung und Aufgabe der systemtheoretischen Forschung geführt haben, beruhten vor allem auf der Vermutung, dass von deren Theoriegrundlagen aus keine ausreichend radikale Kritik an der modernen Gesellschaft möglich sei.

Die Normalisierung sozialer Zustände nach dem zweiten Weltkrieg hatte zunächst den positiven Aspekt, Vertrauen darauf zu erlangen, innerhalb moderner Gesellschaften Zustände verbessern zu können.
In den 60er/70er Jahren wurde deutlich, dass es entweder nur mit sehr hohen Kosten, bzw. vielleicht sogar gänzlich unmöglich ist, zu einer gerechten Verteilungsordnung, die die ganze Weltbevölkerung umfasst.
Auch wurde in der Soziologie sichtbar, dass bei aller Forschungsoffenheit des politischen Systems, es dennoch unmöglich war, soziologisches Wissen in die Praxis zu tragen.
Der Systembegriff wurde folglich als eher technisch, als Hilfsmittel für Planer verstanden, die daran interessiert sind, Verhältnisse zu verbessern und zu rationalisieren.

Damit sei erklärt, weshalb weniger die inhaltlichen Gesichtspunkte bezüglich der Systemtheorie, als vielmehr ideologisch geprägte Gründe ausschlaggebend für den vorläufigen Niedergang der Theorie waren.

Die verbreitete Vorstellung, die Theorie von Talcott Parsons sei dem Strukturfunktionalismus zuzuordnen wird von Niklas Luhmann nicht geteilt. Parsons habe diese Zuordnung nie geteilt und sich offen vom Strukturfunktionalismus abgewandt und seine eigenen Theoriebemühungen davon unterschieden. Wobei einzuschränken ist, dass Parsons mit seinem Buch “The Social Systems” dem Strukturfunktionalismus eine theoretische Rechtfertigung geliefert hat, auch wenn er den Strukturfunktionalismus selbst immer nur als zweitbeste Theorie charakterisiert hat.

Talcott Parsons Gesamtwerk kann nach Niklas Luhmann mit einem einzigen Satz “Action is System” zusammengefasst werden.
Das ist insofern bemerkenswert, als dass in der Zeit nach Parsons Handlungstheorie mit Rückgriff z.B. auf Max Weber und verschiedene Formen der Rational Choice Theorie modern wurde (siehe hier im Blog) und sich eine Kontroverse zu Systemtheorie entwickelt hat, als Stünde Handlungstheorie und Systemtheorie im Gegensatz zueinander, wobei Handlungstheorie eher als subjektorientiert und eher in der Lage psychische Zustände in die Soziologie aufzunehmen imstande erscheint und der Systemtheorie die Abbildung von Makrostrukturen unterstellt wird.

Handlung und System sind unvereinbare Paradigmen? Niklas Luhmann meint, dass Menschen dazu gebracht werden müssten, Talcott Parsons zu lesen, wenn sie dies meinen.

Parsons hat versucht eine Theorie zu entwickeln, in der sich Handlung und System nicht trennen lassen, bzw. dass Handlung nur als System möglich ist.
Der Ausgangspunkte für diese These war für Parsons eine Bestandsaufnahme soziologischer Theorie, also der Versuch zu erkennen, ob in Klassikern (Weber, Durkheim, etc.) etwas gemeinsames zu finden ist. Die gefundene Gemeinsamkeit war der Zusammenhang zwischen Systembildungen (übergreifende Ordnungen) und Handlungen. Parsons zieht, vereinfacht gesagt, die Handlungskomponente seines Systems aus dem Werk Max Webers und die Systemkomponente seiner Theorie aus dem Werk von Èmile Durkheim.

Talcott Parsons geht davon aus, dass eine einzelne Handlung eine emergente Eigenschaft der Realität ist.
Mit anderen Worten: Es gibt Komponenten, die zusammenkommen müssen, um Handlungen zu ermöglichen. Soziolog_Innen müssen diese Komponenten identifizieren und von dort aus eine analytische Theorie des Handelns entwerfen. Parsons spricht in diesem Zusammenhang von analytischem Realismus, womit er meint, dass es um die Emergenz wirklichen Handelns und nicht um eine nur begriffliche Konstruktion geht. Analytisch ist die Theorie insofern, als dass sie Komponenten beim Zustandekommen von Handlungen analysiert, die nicht selbst Handlungen sind.

Das Phänomen Handlung wird also in Einzelelemente zerlegt, von denen nicht alle Komponenten aus Minihandlungen, unter anderen Handlungen, bestehen, sondern etwas anderes sind.

Zunächst geht es bei Talcott Parsons dabei, in Anlehnung an Max Weber, um ein primäres Handlungsverständnis und daher um die Unterscheidung von Zweck und Mittel.
Diese Unterscheidung führt zu der Frage, welches Normschema der Wahl von Zwecken und der Zulassung von Mitteln zugrunde liegt. Dabei nahm Parsons einen Rückgriff auf Èmile Durkheim, und die Annahme, dass Gesellschaft nur möglich sei, wenn genügend moralischer Konsens besteht. Damit ist nachvollziehbar, dass es soziale Vorgaben geben muss und die Wahl von Zwecken und Mitteln nicht Einzelnen völlig frei überlassen ist.

Somit geht es bei Parsons nicht nur um eine Optimierung des Zweck-Mittel Verhältnis, sondern auch um die Bedingungen der Möglichkeit und Grade der Freiheit des Arrangements, die einem Individuum erlaubt sind. Wissenssoziologisch kann man diese Frage vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise sehen, auf die Parsons mit seiner Theorie reagiert, auch wenn er sich gegen eine rein utilitaristische Begründung von Soziologie gewandt hat.

Die Frage nach den Werten, durch die eine Gesellschaft die individuellen Wahlfreiheiten von Zwecken und Mitteln beschränkt, führt zu dem weiteren Problem, wie denn der Handelnde in den Handlungsbegriff eingeht.

Ausgehend vom Handlungsbegriff könnte man annehmen, dass Handelnde handeln und ohne Handelnde keine Handlung zustande kommt. Daraus könnte man folgern, dass Handlung Ausdruck des Willens von Handelnden ist und damit die gemeinten Elemente subsidiär zueinander stehen.

Talcott Parsons geht allerdings davon aus, dass Handlung zustande kommt, wenn Zwecke und Mittel unterschieden werden können, wenn es kollektive Wertvorgaben gibt und wenn ein Akteur (handelnde Person) zur Verfügung steht, die die Handlung durchführen kann.

Die handelnde Person ist also nur ein Element im Zustandekommen von Handlung. Handlung wird nicht den Handelnden untergeordnet, sondern die handelnde Person der Handlung.

So weit zur Ausgangslage in “The Structure of Social Action” 1937 von Talcott Parsons.

Im späteren Verlauf hat sich Parsons als Soziologe in den 40er und frühen 50er Jahren zunächst der Theorie sozialer Systeme zugewandt und ist daher mit dem Strukturfunktionalismus in Berührung geraten, aus dem sich seine Theorie nur allmählich freigearbeitet hat. Niklas Luhmann meint, dass dies in Rückgriff auf die Vorstellung “Action is System” geschehen ist und es sich in den Kreuztabellen als Ergebnis darstellt. Darin wird dargestellt, dass vier Komponenten zusammenwirken müssen, damit Handlung entsteht…

Soweit die ersten 40 Minuten aus der Einführung in die Systemtheorie. Da die Niederschrift der Aussagen kein ganz leichtes unterfangen ist und ich manche Stellen sehr oft nacheinander anhören muss, um sie intellektuell nachvollziehen und dann auch wiedergeben zu können, kann ich leider nicht versprechen, dass dieses Skript so regelmäßig erscheint, wie das bei meiner Zusammenfassung der Vorlesung zu Handlungstheorie geschehen ist. Da Niklas Luhmann aber offensichtlich ein nicht gänzlich unwichtiger Soziologe ist, werde ich mich bemühen, noch weitere Skripte liefern zu können. Mit inhaltlichem Feedback auf diesen Blogbeitrag und anregende, gehaltvolle, Diskussionen über den Inhalt des ersten Teiles, könnt ihr möglicherweise meine Motivation dazu steigern.

Harold Garfinkel – Kommunikative Dekonstruktion von Intersubjektivität

Professor Dr. Ludwig Schneider leitet die Skizzierung der Perspektive von Harold Garfinkel ein, mit der Herleitung, dass bei George Herbert Mead alles daraufhin ausgerichtet ist, zu erklären, wie Intersubjektivität auf der Ebene gemeinsam geteilten subjektiven Sinnes möglich ist.
Da der “generalised other” bei Mead seinen Schwerpunkt in der Ebene der regelgeleiteten Kommunikation (game-Phase) hat, könnte man davon ausgehen, als Vereinfachung, dass gleich sozialisierte Menschen, mit dem gleichen subjektiven Sinn sozialisiert werden.
Zurückdenkend an Alfred Schütz ist jedoch die “Generalthese reziproker Perspektiven” eine Idealisierung, die Handelnde vornehmen müssen, um Handeln aufeinander abzustimmen. Diese Idealisierung, die durch Individuen vorgenommen wird, kann sich als falsch erweisen kann. In bestimmten Fällen ist das Risiko Missverständnissen zu unterliegen sehr hoch, insbesondere wenn zu viele Annahmen über das Vorverständnis des anderen getroffen werden.

Daraus ergibt sich die Frage, ob die Auswahl von Typisierungen auf Seiten der Interaktionspartner grundsätzlich so geartet ist, dass sich Schwierigkeiten ergeben. Harold Garfinkel versucht diese Hypothese empirisch durch Experimente sichtbar zu machen. In diesen Experimenten wird versucht, systematisch, Krisen zu provozieren.

Harold Garfinkel hat seine Studierenden damit beauftragt, Tic Tac Toe mit Versuchspersonen zu spielen. Sie wurden angewiesen, eine offene Regelverletzung vorzunehmen. Sie sollten das Kreuz (oder den Kreis) der anderen Person ausradieren und ihr eigenes Zeichen an diese Stelle setzen.

Was passiert, wenn Spielregeln offen verletzt werden? Tic-Tac-Toe; Foto von Katie Walker; Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Was passiert, wenn Spielregeln offen verletzt werden?
Tic-Tac-Toe; Foto von Katie Walker; Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Wie soll nun die Versuchsperson den subjektiven Sinn dieser Handlung, die offensichtliche Regelverletzung, interpretieren?
Harold Garfinkel wollte beobachten, wie Personen darauf reagieren. Zu den Reaktionen gehörten Verärgerung, Unverständnis und Verwunderung.

In diesem Experiment hatten die Spielregeln den Charakter, bzw. die Bedeutung von Normen. Andererseits dienen die Regeln als Einrichtung der Sinninterpretation – als Verknüpfung eines Verhaltens mit einem subjektiven Sinn.

Um diese erste Skizzierung besser einordnen zu können, verknüpft Prof. Dr. Schneider die empirische Herangehensweise Garfinkels mit Alfred Schütz und Talcott Parsons, deren Schüler Harold Garfinkel war. Bei Talcott Parsons stand noch das Problem sozialer Ordnung im Fokus, was bei ihm durch die gemeinsame Orientierung an normativen Standards gelöst ist. Harold Garfinkel ist stärker im Theorieuniversum von Alfred Schütz zu verorten, hat aber noch insoweit Kontakt zur Theorie von Parsons, als dass er danach fragt, welchen Gestaltwechsel das Problem sozialer Ordnung nach der Theorie von Alfred Schütz erfährt.

Er erklärt soziale Ordnung durch die regelgeleiteten Aktivitäten des Alltagslebens. Die Mitglieder der Gesellschaft erleben die Regeln moralischer Ordnung als selbstverständliche Alltagshandlungen. Harold Garfinkel spricht ferner von natürlichen Tatsachen des Lebens. Die Regeln erscheinen den Akteuren also nicht als soziale Normen, sondern als Selbstverständlichkeiten.

Harold Garfinkel möchte auf empirischem Wege erfahren, wie das Problem sozialer Ordnung kontinuierlich gelöst wird, an Stellen, an denen es durch Störungen manifest wird.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Da in den empirischen Tic-Tac-Toe Experimenten Harold Garfinkels keine Möglichkeit der Interpretation, innerhalb der Spielregeln, bestand, auch nicht als Spielbetrug, weil die Handlung sehr offensichtlich geschah, schienen die Spielzüge (ausradieren eines gesetzten Zeichens und Ersatz) als sinnlos.

Da in den Experimenten Störungen in artifizielle Situationen eingeführt werden, könnte man einwerfen, dass hier keine relevanten Übertragungen auf das alltägliche Leben möglich sind.
Harold Garfinkel hat diese Experimente jedoch lediglich als Anlass genommen um daraus Erkenntnisse über mögliche Basisregeln zu gewinnen und ob derartige Basisregeln auch in alltäglichen Situationen anzutreffen sind.

Die Antwort, die Garfinkel auf diese Frage gegeben hat, ist, dass die Generalthese reziproker Perspektiven, wie kennengelernt bei Alfred Schütz, eine Basisregel alltäglicher Kommunikation ist.
Wenn man versucht, diese Generalthese in alltäglichen Situationen zu durchbrechen, müsste dies durch ähnliche Verstöße wie in der Experimentsituation geschehen.

Ein Beispiel zwischen Personen A und B (die sich gut kennen) aus einem Alltagsgespräch könnte sein:

A: Ich hatte einen platten Reifen.
B: Was meinst du damit, “ein platter Reifen”?

Die Aussage von B macht hier keinen Sinn, weil sie unterstellt, dass die Aussage von A für den Adressaten (B) nicht verständlich ist. Als wüsste er nicht, was ein platter Reifen ist.
Die Versuchsperson A schien zunächst verblüfft und deutete Unverständnis darüber an, wie der Ausdruck “platter Reifen” nicht verstanden werden kann.

A: Was für eine verrückte Frage!

Durch diese Aussage wird angedeutet, dass keine normale Deutung der Frage zugewiesen werden kann. Bei ähnlich gelagerten Situationen wird teils am Geisteszustand der Person gezweifelt, die den Regelverstoß begeht.

In etwa formuliert Prof. Dr. Schneider: Dass die Motive des Regelverstoßenden für eine solche Frage nicht nachvollziehbar sind, bedeutet, dass der Versuch der Markierung einer Störung im Bereich der Übereinstimmung der Auslegungsrelevanzen weiter verarbeitet wird innerhalb einer Kommunikation, als eine Störung im Bereich der motivationalen Relevanzen.

Damit ist m.E. angedeutet, dass es nicht bei der Interpretation des Gesagten bleibt, sondern dass darüber hinaus Motivation für die unverständliche Aussage oder Frage gesucht wird. Teils bis zur Unterstellung von abnormalen Motiven (wie beispielsweise Geisteskrankheit).

In diesen empirischen Untersuchungen wurden Störungen provoziert, die aus Perspektive der Versuchspersonen völlig unplausibel waren. Daher waren auch keine leichten Reparaturen möglich.

Soweit der Einstieg in die Theorie kommunikativer Dekonstruktion von Intersubjektivität.

George Herbert Mead – Handlungssinn als Produkt sozialer Interaktion

Bislang wurde Handlungssinn in den Mitschnitten der Veranstaltung Handlungstheorie definiert, durch die Sinnvermeinung der Akteure im subjektiven Sinn. Handlungssinn ist also der Sinn, den Akteure selbst mit ihrem Handeln verbinden. Interaktion wurde definiert als der Prozess, in dem die subjektiven Sinnzuschreibungen, die Akteure mit ihrem Handeln verbinden, so miteinander verknüpft werden, das auch andere den Sinn in ausreichender Weise erraten.

Aus der Formulierung “Handlungssinn als Produkt sozialer Interaktion” lässt sich herauslesen, dass Sinn bei Mead erst durch den Kontext der Interaktion entsteht, so jedenfalls seine These. Die Abhängigkeitsbeziehung wird also umgekehrt, so dass sie so zu verstehen ist, dass Sinn, also intersubjektiv erzeugter Sinn, entsteht, und erst dann verinnerlicht, also subjektiviert wird.

Mead geht von einem elementaren Schema aus, das die objektive Sinnstruktur der Gestenkommunikation beschreibt. Zwei Organismen, die einander gegenüberstehen, vollziehen bestimmte Gesten und handeln den Sinn gemeinsam aus.
Der Begriff “Organismen” ist von Mead bewusst gewählt und soll verdeutlichen, dass die Individuen mit ihren Handlungen, bzw. Gesten, erst nach einem Aushandlungsprozess zu einem subjektiven Sinn kommen, der aus dem intersubjektiven Sinn, bzw. dem objektiv entstandenen Sinn, abgeleitet ist.

Mit diesem Video lässt sich diese These möglicherweise nachvollziehen:

Gesten, etwa der Knochen im Maul des Hundes auf der linken Seite, werden von anderen Akteur interpretiert. Was im Video leider noch fehlt, ist die Verdeutlichung, dass erst durch die Reaktion auf die Geste objektiver Sinn entsteht, den anschließend dann die Akteure auch verstanden haben, was nichts anderes meint, dass die Akteure ein subjektives Verständnis davon erlangen, was die Geste objektiv bedeutet.

Als Gedankenexperiment: Zwei Wesen sind noch nicht in der Lage, mit Verhalten Sinn zu verknüpfen. Jedoch verfügen diese Wesen, als Produkt biologischer Evolution, über bestimmte Verhaltensprogramme. Sie treten immer wieder in Interaktionen ein. Ferner gehen wir davon aus, dass beide Organismen auf der Basis der Interaktionen lernen können, also Erwartungen ausbilden.
Ein Ergebnis könnte dann sein, dass die Organismen in der Lage sind, mit ihren Gesten bestimmte Handlungsreaktionen zu beabsichtigen. So lässt sich erklären, wieso es zunächst so scheinen mag, dass bereits in einer vorgenommenen Handlung subjektiver Sinn vorhanden ist, was nach der These von Mead ja eigentlich nicht zutrifft. Subjektiver Sinn, der Interaktionen vorgelagert ist, wäre also eine Konsequenz aus bereits früher ausgehandelten Sinnobjektivierungen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erklären, weshalb der symbolische Interaktionismus von Mead auch eine der wichtigen Sozialisationstheorien in der Soziologie sind.

Schreien, als Geste eine Kleinkindes beispielsweise, könnte verschiedene Möglichkeiten anzeigen. Körperliches Unwohlsein aufgrund von Krankheit, Hunger, etc..
Wenn man dann als Reaktion versucht, das Kind zu füttern, ist dies Ausdruck einer Deutung des Verhaltens und erzeugt eine Interaktionssequenz. Das Kind kann daraufhin Erwartungen ausbilden und mit zunehmender Ausbildung des Bewusstseins wird es zukünftig dann möglicherweise nicht einfach schreien, nur als Ausdruck körperlichen Unwohlseins, sondern als ganz bewusste Handlung, um gefüttert zu werden, die aufgrund der Erinnerung ausgeführt wird, dass das Verhalten (schreien) in der Vergangenheit bestimmte Reaktionen (füttern) ausgelöst hat.

Wichtig ist hierbei insbesondere die Unterstellung, dass es sich nicht lediglich um eine Synchronisation von Verhaltensprogrammen handelt, wie etwa bei Instiktverhalten, sondern um sinnstrukturierte Verhaltensweisen.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Die Argumentationsfigur Meads gilt es weiter auszufüllen.

Das Modell der Gestenkommunikation Meads lässt sich sowohl auf die Beschreibung der Kommunikation von menschlichen, als auch nichtmenschlichen Organismen anwenden.

Wenn das Verhalten von Tieren deutend beobachtet wird, stellt sich die Frage, inwiefern der Bedeutungsaspekt innerhalb der Interaktion, von Tieren selbst realisiert wird. Nur wenn dies geschieht, also der Status einer Reaktionsankündigung realisiert wird, kann der Geste ein Sinn, bzw. eine Bedeutung, innerhalb der Interaktion der Tieren unterstellt werden. Nur unter dieser Voraussetzung kann die Reaktion auch verhältnismäßig erfolgen.
Ein Fluchtverhalten ist beispielsweise eine von verschiedenen angemessenen Reaktion auf eine Drohung. Bestimmte Reaktionsverhalten lassen sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit beobachten, die eine Zufälligkeit unwahrscheinlich machen.
Wie ist der sinnhafte Zuschnitt der Reaktion zu erklären?
In der Biologie würde dies vermutlich durch Selektionsmechanismen erklärt werden. Tiere, die anders reagieren würden, haben verminderte Lebenschancen und sterben aus.
Mead fragt sich, unter welchen Voraussetzungen der objektiv strukturell verkörperte Sinn zu einem subjektiven Sinn wird.
Mead meint hierzu, dass wenn sich ein komplexes zentrales Nervensystem entwickelt, das zulässt, dass vergangene Verhalten mit zukünftigen Verhalten verknüpft werden, kann objektiver Sinn in subjektive Sinn umgewandelt werden. Wie dies (auch biologisch) genau von statten gegangen ist, ist bei Mead nicht herauszulesen.

Eine Voraussetzung dafür, objektiven Sinn zu subjektivem Sinn werden zu lassen ist ein Bewusstsein für das eigene Selbst.
Selbstbewusstsein unterstellt einen Dualismus zwischen demjenigen der spricht und demjenigen, auf den sich der Sprecher bezieht.
Der Bezug kann dabei auch auf die eigene Person erfolgen. Wenn ich beispielsweise über mein Studium nachdenke, beziehe ich mich dabei auf mich selbst.
Um zu erklären, wie dieser reflexive Selbstbezug, der Voraussetzung für die Fähigkeit ist, Absichten zu entwickeln, die man sich selbst zuschreibt, entstanden ist, macht Mead weiter vom Gebrauch der Integrationsfigur gebrauch.
Mead geht davon aus, dass das Selbstbewusstsein dialogisch strukturiert ist, also die Form inneren Sprechens hat. Es entsteht durch die eigene Reaktion auf andere.
Mit der Verinnerlichung der Reaktion anderer, übernimmt man selbst die Perspektive anderer Personen auf das eigene Verhalten, und damit eine Relation zu sich selbst.
Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Übernahme der Perspektive bestimmter anderer, also zunächst etwa spezifischer sozialisatorischer Bezugspersonen, oder der Perspektive allgemeinerer Einheiten.
Mead unterscheidet zwischen einem specific other und einem generalised other. Es gibt verschiedene Abstraktionsstufen der Konstruktion eines generalisierten Anderen, etwa in der Zeit, oder über Individuen hinweg, oder nur über Handlungsmuster.

Play und Game sind wichtige Elemente bei George Herbert Mead. Foto von Rod (irodman), http://www.flickr.com/photos/streetwalker/8336863/ Lizenz: CC: BY, SA, NC (3.0)

Play und Game sind wichtige Elemente bei George Herbert Mead.
Foto von Rod (irodman), http://www.flickr.com/photos/streetwalker/8336863/
Lizenz: CC: BY, SA, NC (3.0)

Die Entwicklung der Übernahme der Perspektive anderer, unterscheidet Mead in die drei Stufen: play, game und universelle Kooperation.

Zunächst wird in der Play-Stufe die Erfahrung mit der/n sozialisatorischen Bezugsperson(en) verinnerlicht. Auf dieser Stufe ist das Kind noch strukturell egozentrisch und kann keine Entscheidung darüber treffen, ob Verhalten die als angenehm oder unangenehm wahrgenommen werden, als richtig oder falsch einzustufen sind.

In der Stufe des Game, bzw. der regelgeleiteten Kommunikation, ist die Fähigkeit entwickelt, zwischen Standardmustern und tatsächlich beobachtetem Verhalten zu unterscheiden. Entsprechend ist hier die Unterscheidung zwischen richtig oder falsch möglich, auch in Bezug auf das eigene Handeln.
Es stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten bestehen, wenn in dieser Phase keine gemeinsamen Regeln zur Verfügung stehen, beispielsweise weil die Akteure unterschiedlich sozialisiert wurden und dementsprechend Handeln anders verinnerlicht haben.

Dieser Fall wird durch die Phase der universellen Kooperation skizziert. Es wird darin durch die Akteure versucht, im bestehenden Diskursuniversum auf Basis rationaler Entscheidungen, übergeordnete Regeln zu finden.
Im Bereich der Moralphilosophie etwa, wird versucht, Prinzipien zu finden, die Handlungen übergeordnet sind, und diese zu bewerten helfen.

Soweit der Einstieg in die Theorien von George Herbert Mead. Wie angekündigt werde ich dieses Thema nochmals für ein Referat über Sozialisation nach Nichtversetzung aufgreifen, wobei ich mich darin auch noch stark mit Herbert Blumer befassen werde. In der nächsten Sitzung der Veranstaltung Handlungstheorie wird es um Harold Garfinkel gehen.

Alfred Schütz – Das Problem der Intersubjektivität

Da ich mich als Vorbereitung auf ein Referat über Sozialisation nach Nichtversetzung gerade mit dem symbolischen Interaktionismus und mit George Herbert Mead beschäftige, freut es mich, dass der Name Mead auch im Titel der neunten Sitzung Handlungstheorie enthalten ist.

Zunächst geht es jedoch, anschließend an die letzte Sitzung, erneut um intersubjektives Verstehen und das, was Alfred Schütz zu diesem Thema niedergeschrieben hat.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Mead und Schütz werden dennoch gleich zu Beginn gegenübergestellt. Alfred Schütz versucht zunächst subjektiven Sinn zu fassen, um dann danach zu fragen, wie daraus intersubjektiver Sinn wird. Mead dagegen stellt diese Frage auf den Kopf. Bei Mead liegt intersubjektiver Sinn vor dem subjektiven Sinn. Da ich mich bereits etwas mit symbolischen Interaktionismus beschäftigt habe, gehe ich davon aus, dass damit beispielsweise Gesten gemeint sind, die erst dadurch intersubjektiv verständlich werden, in dem auf die Gesten in einer bestimmten Art und Weise reagiert wird. Mead hat übrigens von Schütz keine Kenntnis erlangt (umgekehrt schon).

Dies ist allerdings nur eine Vorwegnahme und Umrisslinie um Schütz und Mead miteinander in Bezug zu setzen.

Es geht weiter mit einer Frage, die bereits in der letzten Sitzung aufgeworfen wurde:
Wenn es so ist wie Schütz behauptet, dass der subjektive Sinn eines Akteurs von einem anderen nie vollständig erfasst wird, wie ist dann intersubjektives Verstehen möglich?
Die Antwort von Schütz lautet, dass nie der vollständige, sondern ein reduzierter, typischer Sinn, verstanden wird. Dadurch wird eine Differenz in den Sinnbegriff eingezogen. Beispielsweise können Begriffe Gegenstände bezeichnen (Denotation; Beispielsweise “Orange”), aber es ist auch Möglich, dass Unterscheidung eine Rolle spielt, bzw. bei dem auch Eigenschaften des beschriebenen Gegenstandes relevant sind (Konotation; Beispielsweise könnte mit dem Begriff “Orange” ja vielleicht auch eine Blutorange gemeint sein). Wobei selbst der Begriff der Blutorange eine Vielzahl von Objekten bestimmten Typs fassen kann. Die einzelnen Objekte können noch immer enorm voneinander abweichen. Eine vollständige Beschreibung, die von keinem Aspekt mehr ergänzt werden kann, ist nicht möglich. Ein Beispiel welches mir dazu einfällt, ist die unter Juristen berühmte Definition des Begriffes “Eisenbahn” durch ein Urteil des Reichsgericht 1879.

Was markiert den Bezugspunkt von Typisierungen?
Bestimmte Eigenschaften scheinen bei Typisierungen konstant zu sein. Ein Tisch beispielsweise kann sehr unterschiedliche Formen haben um noch als Tisch wahrgenommen zu werden. Möglicherweise hängt die Möglichkeit der Wahrnehmung als Tisch davon ab, ob die Verwendung als Tisch noch möglich ist. Schütz generalisiert diesen Gedanken. Die Problemrelevanz konstituiert die Typisierung. Begriffe zielen also auf Zwecke des Handelns. Die Subsumtion eines Gegenstandes unter einen Begriff hängt davon ab, ob sich der Gegenstand für den Zweck eignet, der mit dem Begriff verknüpft ist.
Für Personen gilt dies gleichermaßen, Handlungsmuster bestimmter Personenkategorien sind relevant, bei denen die Individuen austauschbar sind. So sind beispielsweise wir nicht auf persönliche Personenkenntniss angewiesen um Ärzten vertrauen zu schenken.
Der Bereich möglicher Interaktionspartner expandiert damit sehr stark, weil hinreichend intersubjektives Verstehen erreicht ist damit das persönliche, zeitintensive, intime Kennenlernen anderer Individuen für die meisten zwischenmenschlichen Beziehungen wegfallen kann.

Dieses Gedankenexperiment dient auch als Nahtstelle zur qualitativen Sozialforschung, bei der Handlungssequenzen aufgezeigt und analysiert werden. Beispielsweise bei der Transkription festgehaltener natürlicher Interaktionsverläufen, die anschließend empirisch analysiert werden. Die vorgestellte Theoriebildung, im Rahmen der Handlungstheorie, ist eine kategoriale Vorbereitung einer solchen Analyse. Die Unterscheidung etwa, zwischen Rollentypischen Handlungsmustern oder individualspezifischen Handlungsmustern ist dabei höchst relevant.

Ungeklärt ist noch die Lösung des Problems der Koordinierung der Auswahl von Typisierung durch die Individuen. Dies geschieht innerhalb der Kommunikation, durch die Verwendung von Markierungen – bestimmte kleine Hinweise werden in Gesprächen gegeben, die bestimmte Eigenschaften des angesprochenen Typs markieren. Dadurch verständigen sich Personen darüber, welche Typisierung gerade die relevante Handlungsgrundlage innerhalb der Kommunikation ist. Auch dabei können Konflikte entstehen.

Generalthese reziproker Perspektiven
Das Problem der Koordination von Typisierungen ist auch dabei relevant. Man kann sich das zunächst räumlich vorstellen: Wenn sich Personen auf gegenüberliegenden Seiten eines Objektes befinden, beschreiben sie das Objekt aus ihrer Perspektive. Wenn Sie den Standpunkt tauschen, beschreiben sie den Standpunkt aus der Perspektive, die vorher die andere Person eingenommen hat. Die Beschreibungen dürften ein hohes Maß an Ähnlichkeit aufwerfen. Diese Idealisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte ist insbesondere bei großen räumlichen Distanzen relevant. Etwa Reiseliteratur – Leser_Innen gehen davon aus, dass sie das beschriebene auch so gesehen hätten, wenn sie selbst vor Ort gewesen wären. Auch für die zeitliche Ebene gilt dies, es wird eine Individualisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte unterstellt, wenn gedacht wird, dass man aus einer Beschreibung über Vergangenheit davon ausgeht, dass man den beschriebenen Sachverhalt auch so erlebt hätte, wäre man dabei gewesen.

Es ist jedoch denkbar, dass diese Individualisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte offensichtlich nicht gegeben ist. Darin müsste nicht strategische Absicht stecken, es könnte auch an dem eingeschränkten Blick (kognitiver Zentrismus) des beschreibenden liegen.

Neben der räumlichen und zeitlichen Idealisierung, ist also auch die Anlegung der Gesichtspunkte der Bedeutsamkeit, bzw. die Selektionskriterien die verwendet werden um Beschreibungen anzufertigen, für die Austauschbarkeit der Standpunkte Idealisiert.

Schütz unterscheidet drei Typen von idealisierten Relevanzsystemen, die zur Beschreibung von Sachverhalten verwendet werden. Diese werden in der Vorlesung nur angedeutet, sind also bei Interesse in der Literatur zu recherchieren. Grundsätzlich werden motivationale- (Um-zu; Weil), thematische-, und Auslegungsrelevanzen bei Schütz unterschieden.

Zusammenfassend lässt sich der Ansatz Schütz zusammenfassen mit der Feststellung, dass Intersubjektivität als Ergebnis eines Konstruktionsprozesses erscheint, der innerhalb von Kommunikation ständig mitläuft. Dies wird später in der Veranstaltung in Zusammenhang mit Konversationsanalyse vertieft werden.

George Herbert Mead wird am Ende der Veranstaltung noch angefangen, um eine inhaltliche Einheit zu schaffen werde ich das das Thema: “Handlungssinn als Produkt sozialer Interaktion” zusammen mit der Fortsetzung des Themas in der nächsten Sitzung Handlungstheorie, in einem späteren Blogbeitrag behandeln.

Bewältigungsstrategien – Bloggen als Distinktionsmittel

Bei Gesprächen über meine Offenbarung, mich umfänglich der Soziologie widmen zu wollen, ist eine regelmäßige Entgegnung, dass mein eigentliches Ziel, mit oder innerhalb der Soziologie, noch unklar erscheint.

Gefühlt nähere ich mich der Antwort auf die Frage, was ich mit soziologischen Theorien und Methoden eigentlich erreichen möchte, mittlerweile stark an. Aus diesem Grund möchte ich zwischen die Beiträge über soziologische Theorien und Methoden hier im Blog, einen weiteren, stärker selbstreflexiven Beitrag einschieben.

Bereits kurz nach Beginn meines Studiums der Sozialökonomie habe ich begonnen in einem Bereich zu arbeiten, in dem Hochschuldidaktik im Fokus steht. Es interessiert und fasziniert mich, wie innerhalb der Institution Universität Hamburg versucht wird, institutionelle Bildungsprozesse zu erforschen und umzugestalten um letztlich Individuen bessere Unterstützung und Lernmöglichkeiten zu ermöglichen.

Gerade an der Universität Hamburg wurde hier in den letzten Jahren, insbesondere dank dem Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung, eine Menge getan. So ist beispielsweise die sogenannte ZEITLast-Studie weit über die Grenzen Hamburgs, mindestens im Bereich der erziehungswissenschaftlich geprägten Erforschung von Hochschulen, eine Pflichtlektüre.

Meiner Einschätzung nach sind didaktischen Methoden jedoch relativ enge Grenzen gesetzt. Entscheidender (und interessanter) als die Gestaltung und Organisation von Bildungseinrichtungen sind in meinen Augen die persönlichen Strategien zur Bewältigung von Problemen, in, aber insbesondere auch außerhalb von Bildungseinrichtungen, die Individuen aufgrund ihrer sozialen Herkunft zur Verfügung stehen. Dabei geht es auch nicht nur um finanzielle Mittel, sondern insbesondere darum, wie man mit Problemen umgeht, wie schnell man aufgibt, welche Kontakte man knüpft, ob es gelingt Motivationsquellen zu finden um mit den teils willkürlichen und drögen Anforderungen im Studienalltag zurecht zu kommen etc.

Das Interessiert mich. In diesem Bereich möchte ich etwas machen. Vielleicht nur, um mich selbst gegen eine Klasse zur Wehr zu setzen, von der ich mich selbst ausgeschlossen fühle.

Das hier insbesondere Pierre Bourdieu relevant ist, ist mir klar. Beim Besuch der 3. Bildungssoziologische Forschungswerkstatt der Sektion Bildung und Erziehung, der deutschen Gesellschaft für Soziologie, hatte ich auch bereits Gelegenheit mich mit einigen zeitgenössischen Forscher_Innen, sowie aktuellen Forschungsprojekten, die in meine angestrebte Richtung gehen, vertraut zu machen.

Eine Idee die ich im Wintersemester, in Form meines empirischen Praktikums, verarbeiten möchte lautet: Bloggen ist ein Distinktionsmittel

Meine These lautet, dass Kommunikation im Social Web, also Twitter, Google+, oder in Blogs, insbesondere innerhalb von sozial gehobenen Milieus stattfindet und ein Distinktionsmittel gegenüber unteren Milieus darstellt, deren Mitglieder nicht in der Lage, oder nicht gewillt sind, sich in Form von Blogbeiträgen oder Tweets auszudrücken, bzw. zur Schau zu stellen.
Präsenzen im Internet, in Form von Blogs oder Profilen bei G+, Twitter, etc., stellen soziales Kapital dar, das auf unterschiedliche Weise profitabel genutzt werden kann.
Eine weitere These ist, dass lediglich Facebook unter den Social Media Diensten auch von unteren Milieus genutzt wird, wobei der Grund dafür herauszuarbeiten ist.

Natürlich werde ich daran noch zu basteln haben. Damit sei aber zunächst nachgetragen was, innerhalb bzw. mit der Soziologie, ich erreichen möchte.

Empfehlen möchte ich Leser_Innen, die in der Soziologie fremd sind, und mit meinem Beitrag daher nichts anfangen können, diesen Film über Pierre Bourdieu und sein Hauptwerk: Die feinen Unterschiede.

Subjektiver Sinn bei Alfred Schütz: “Weil” versus “Um-zu”

Mit Alfred Schütz geht es in der Vorlesungsaufzeichnung “soziologische Handlungstheorie” zurück zu den Klassikern der Soziologie. Es geht in dieser Sitzung darum, eine weitere Handlungskategorie kennenzulernen.

Zunächst wird die Frage behandelt, wie es denn möglich ist, dass Gesagtes verstanden wird. Es gibt hier etwas, das im Alltag selbstverständlich zu funktionieren scheint. Jedenfalls bis auf kleine Pannen hin und wieder. Auch Alltagsakteure müssen folglich über bestimmte Methoden verfügen, wenn auch unterbewusst, um mit ihren Handlungen, wozu auch Kommunikation zählt, intersubjektiven Sinn herstellen zu können.

Schütz hat sich mit derartigen Fragen in einer philosophischen Betrachtungsweise auseinandergesetzt, was von Garfinkel um eine experimentelle Perspektive erweitert wurde. Garfinkel bezeichnete diese Alltagsmethoden, mit denen intersubjektives Verständnis hergestellt wird, in Anschluss an Schütz, als Ethnomethoden. Letztlich entwickelte sich diese Richtung hin zu einer ethnologischen Kommunikationsanalyse, deren Ziel darin liegt, zu analysieren, wie Verstehen erreicht wird.

Soweit zur groben Vorschau.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Das Hauptwerk von Alfred Schütz: “Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt” (1932), entstand, zeitlich und inhaltlich anknüpfend an das Werk und den Handlungsbegriff von Max Weber.
Alfred Schütz setzt beim Begriff des subjektiven Sinnes an, der bei Weber schwach ausgeprägt ist, und radikalisiert diesen.

Die Perspektive eines Akteurs und eines externen Beobachters wird bei Schütz dekomponiert.
Bei Schütz ist mit diesem externen Beobachter nicht mehr ein Wissenschaftler, wie noch bei Max Weber, sondern ein weiterer Akteur gemeint.

Der subjektive Sinn lässt sich bei Schütz in Sach- Zeit- und Sozialdimension aufteilen.

Bei der Sachdimension kann der Sinn einer Handlung je nach sachlicher Einbettung variieren.

Zur Verdeutlichung dient ein Beispiel, das bereits in der ersten Veranstaltung über Max Weber genannt wurde. Folgendes Verhalten wird beobachtet:

Eine Person spaltet Holzscheite.

Mit der Beschreibung dieses Verhaltens ist bereits ein bestimmter subjektiver Sinn unterstellt, nämlich, dass Holzscheite gespalten werden sollen. Durch den unterstellten subjektiven Sinn, dass die Axt geschwungen wird um Holz zu spalten, lässt sich diese Handlung dem Motivsystem der “Um-zu-Motive” nach Alfred Schütz zuordnen.

Denkbar wäre alternativ, dass Holz benötigt wird, für einen (unnötigen) Kachelofen, der Teil eines Lebensstils ist, durch den also Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, oder sozialer Aufstieg symbolisiert werden soll.

Je nach sachlicher Einbettung wachsen der Handlung weitere Sinnelemente zu. So lassen sich beispielsweise zahlreiche Sedimente der Biographie, als Vernetzung von Handlungsplänen, abbilden, um Handlungen vollständig zu verstehen, was als Fremdbeobachter jedoch kaum möglich ist. Somit ist subjektiver Sinn ein Limesbegriff (man kann sich subjektivem Sinn annähern, ihn jedoch nicht vollständig erfassen).

Bei der Zeitdimension lässt sich ebenfalls zunächst das um-zu-Motiv konstatieren. Handlung wird hierbei imaginiert, als schon ausgeführt. Der Wunsch, ein (vorgestellt als bereits ausgeführtes) Ziel zu realisieren, wird wirksam, um ein Verhalten zu motivieren.

Dabei kann jedoch einiges schief gehen. Auf dem Weg einen Handlungswunsch zu erfüllen (z.B. von A nach B zu reisen), könnte man beispielsweise eine andere Handlung, etwa einen Unfall, vollziehen.
Um diese Handlung nachvollziehen zu können, kann man zwar zunächst nach den “Um-zu-Motiven” fragen, dies wäre jedoch nicht hilfreich, die Handlung des Unfalls nachzuvollziehen, weil man den Unfall nicht begangen hat, um etwas zu erreichen.

Daher gibt es zur Unterscheidung die “Weil-Motive”, die die biographischen Hintergründe berücksichtigen. Hier wäre beispielsweise herauszuarbeiten, dass der/die Akteur schon immer leichtsinnig war oder Risiken unterschätzt hat. Damit kann man sich der Handlung “Unfall” besser nähern.

Motivsysteme lassen sich also grundsätzlich in “Um-zu-Motive” und “Weil-Motive” unterscheiden:

Motivsysteme des Akteurs nach Alfred Schütz. Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 243.

Motivsysteme des Akteurs nach Alfred Schütz.
Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 243.

Eine interessante Frage, die nachfolgend aufgeworfen wird, ist, wieso der Mangel an Informationen über Handlungsmotive (beispielsweise der biographischen Hintergründe) im Alltag nicht zu stärkeren Kommunikationsproblemen führt, als dies der Fall ist. Häufig scheint “aktuelles Verstehen” zu genügen. Übergeordnete Handlungsziele könnten irrelevant sein. Beispielsweise interessiert es einen Bäcker nicht, was ich mit den gekauften Brötchen anfangen möchte und wieso ich Brötchen lieber als Vollkornstangen kaufe, etc.

Ein spannender Punkt, den ich bei Gelegenheit nochmals aufgreifen möchte. Mir schwant, dass die Kommunikation im Alltag durchaus regelmäßig defizitär ist, was möglicherweise ursächlich für viele Konflikte ist.

Alfred Schütz meint, dass im Alltag Handlungen durch Alltagsakteure typisiert werden. Damit ist ein gewisses Maß an Abstraktion von Handlungen gemeint, um rollenspezifische Handlungen, anstatt nur personenspezifischer Handlungen, aufzuzeigen. Rollenspezifische Handlungen lassen sich wiederum abstrahieren, um situationsabhängige Handlungsmuster, in denen sowohl Personen als auch Rollen austauschbar sind, vorstellbar zu machen.

Stufen der Abstraktion von Typisierungen nach Alfred Schütz. Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 247.

Stufen der Abstraktion von Typisierungen nach Alfred Schütz.
Quelle: Wolfgang Ludwig Schneider: Grundlagen der soziologischen Theorie Band 1, 3. Auflage 2008, S. 247.

Eine Aussage des Dozenten, die ich zunächst wirken lassen muss: “Stufen der Abstraktion von Typisierungen etablieren Schwellen der Indifferenz in Hinblick auf das, was Gegenstand des Verstehens sein muss. Was unterhalb der Schwelle liegt, muss nicht mitverstanden werden, um hinreichend in einer sozialen Situation zu verstehen.” Gemeint ist damit wohl, dass intersubjektives Verstehen erreicht wird, indem die Ansprüche an intersubjektives Verstehen reduziert werden. Wir verstehen einander vielleicht nur oberflächlich und wollen bzw. müssen einander auch nicht tiefergehend verstehen, um im Alltag zurecht zu kommen.

Soweit zunächst meine Perspektive auf die achte Sitzung der Vorlesung über soziologische Handlungstheorie. In der nächsten Sitzung geht es weiter mit dem Thema intersubjektiver Sinn und um einen Übergang von Alfred Schütz zu George Herbert Mead.

Jürgen Habermas: kommunikatives Handeln und argumentativer Diskurs

Wie angekündigt, geht es in diesem Blogbeitrag weiter mit dem Thema “Kommunikatives Handeln bei Jürgen Habermas”, als Zusammenfassung und Reflexion über eine Sitzung aus einer Vorlesung über soziologische Handlungstheorie. Meine Zusammenfassung des vorangegangenen Teils findet sich hier.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Habermas nimmt an, dass durch jede Äußerung Geltungsansprüche erhoben werden.
In der Regel sind dies: Wahrhaftigkeit, normative Richtigkeit, Wahrheit und Verständlichkeit.

Wenn im Rahmen umgangssprachlicher Kommunikation alles glatt verläuft, kann damit gerechnet werden, dass Gesagtes akzeptiert und eingehalten wird.
Das muss aber nicht so sein. Es könnte beispielsweise der Geltungsanspruch Wahrhaftigkeit problematisch sein, wenn aufgrund früherer negativer Erfahrungen Gesagtes nicht mehr glaubwürdig ist.
Es stellt sich grundsätzlich die Frage, welcher berechtigte normative Anspruch an Aussagen und die Erwartung ihrer Erfüllung, je nach ihrer situiertheit, gestellt werden kann.

Argumentativer Diskurs hat die Funktion, problematisierte Geltungsansprüche durch Begründung einzulösen. Geltungsansprüche müssen zu Recht erhoben werden, weshalb sie zu begründen sind. Es findet damit ein Wechsel statt von einer Betrachtung einfachem kommunikativem Handelns, in dem Geltungsansprüche einfach akzeptiert werden, zu einer Kommunikationssitiation mit problematisierten Geltungsansprüchen, bei denen fraglich ist, ob sie zu Recht erhoben werden.
Damit Akteure glauben können, sich in einer Situation argumentativen Diskurses zu befinden, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein. Beispielsweise liegt das Kriterium der Zurechnungsfähigkeit nicht vor, wenn man sich mit kleinen Kindern, oder alkoholisierten Personen unterhält. Daneben gibt es weitere Voraussetzungen, die für einen argumentativen Diskurs erfüllt sein müssen. Auch die Machtverteilung innerhalb des argumentativen Diskurses müsste gleich verteilt sein, die Diskursteilnehmenden müssen ferner zustimmen oder widersprechen können. Bei Habermas sind als weitere Voraussetzungen “Keine zeitliche Begrenzung” und “Freisetzung von Handlungsdruck und dem Zwang zur Verarbeitung neuer Erfahrungen” zu finden.

Inwiefern diese Ausdifferenzierung des Rationalitätsbegriffes bei Jürgen Habermas noch mit dem Begriff Rationalität vereinbar ist, ist eine häufige geführte Debatte, erklärt Professor Schneider.

In Abhängigkeit von den verschiedenen Geltungsansprüchen gibt es Typen von argumentativen Diskursen. Für alle gelten gleichsam die genannten Voraussetzungen, damit tatsächlich von einem Diskurs gesprochen werden kann.

Zu unterscheiden sind die Argumentationstypen zur Einlösung des Geltungsanspruchs:

  • theoretischer Diskurs
  • moralisch-praktischer Diskurs
  • ästhetische Kritik
  • therapeutische Kritik
  • sinnexplikative Kritik

Diese Argumentationstypen unterscheiden sich bezüglich des Kommunikationsmodus (kognitiv, moralisch-praktisch, evaluativ, expressiv), des thematischen Geltungsanspruches (Wahrheit, Richtigkeit von Handlungsnormen, Angemessenheit von Wertstandards, Wahrhaftigkeit und Verständlichkeit) und des Weltbezuges (objektive Welt, soziale Welt, soziale Welt, subjektive Innenwelt und Sprache).

Es stellt sich beispielsweise die Frage, wie in den Sozialwissenschaften zwischen einem theoretischen und einem moralisch-praktischen Diskurs klar differenziert werden kann. Dies exemplarisch dafür, dass die Differenzierung grundsätzlich schwer fällt.

Zur Verdeutlichung: Bei Verständlichkeit, als thematischem Geltungsanspruch, und sinnexplikativem Diskurs, als Argumentationstyp zur Einlösung des Geltungsanspruchs, wäre eine mögliche Frage, wie ein Text ausgelegt werden muss. Beispielsweise müssen Gesetzestexte interpretiert werden, wenn sich die Frage stellt, ob ein Tatbestand sich unter diese Gesetzesnorm subsumieren lässt. Um eine solche Frage könnte sich also ein argumentativer Diskurs entfachen.

Eine These von Jürgen Habermas ist, dass Geltungsansprüche und entsprechende Argumentationstypen nicht in allen Gesellschaften sauber unterschieden werden. In archaischen Gesellschaften seien etwa die Geltungsansprüche miteinander verschmolzen. Aus Sicht des Mittelalters könnte etwa der Geltungsanspruch “Wahrheit” problematisiert werden, für Aussagen, die als ketzerisch eingestuft werden konnten.

Typologie des Handelns vor dem Hintergrund des kommunikativen Handlungsbegriffs. Quelle: Schneider, Wolfgang (2005), Grundlagen der soziologischen Theorie: Band 2: Garfinkel – RC – Habermas – Luhmann, S. 208

Typologie des Handelns vor dem Hintergrund des kommunikativen Handlungsbegriffs.
Quelle: Schneider, Wolfgang (2005), Grundlagen der soziologischen Theorie: Band 2: Garfinkel – RC – Habermas – Luhmann, S. 208

Aus dieser Darstellung ist, dank des Einbezugs der dem Handlungsbegriff korrespondierenden Geltungsansprüche, ersichtlich, dass die Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas einen umfassenden Anspruch erhebt und die anderen Handlungsbegriffe als Reduktionsformen kommunikativen Handelns dargestellt werden können. Dies lässt sich insbesondere darauf zurückführen, dass die Handlungstheorie von Jürgen Habermas zu einem späteren Zeitpunkt entwickelt wurde, als die bislang behandelten Theorien, etwa von Goffmann, Parsons oder gar Max Weber.

Soweit zu Jürgen Habermas in der Veranstaltung Handlungstheorie. In meinem nächsten, zusammenfassenden Blogbeitrag, wird es um Alfred Schütz gehen, und um die Frage, wie man von einer Analyse einzelner Sprechakte zu einer Gesellschaftstheorie kommt.

Kommunikatives Handeln nach Jürgen Habermas

Jürgen Habermas hat in Auseinandersetzung mit normorientierten und zweckrationalen Handlungsmotiven festgestellt, dass es Grenzfälle gibt, die beiden Motiven gleichermaßen zuzurechnen sind.
Vor diesem Hintergrund wird die Kategorie des dramaturgischen Handelns in der Vorlesung “Handlungstheorie” vorgestellt, die auf Erving Goffman zurückgeht.

Diese wurde in Auseinandersetzung mit Parsons normativistischer Handlungstheorie entwickelt. Erving Goffman geht davon aus (The Presentation of Self in Everyday Life (1959); dt.: Wir alle spielen Theater), dass ein wichtiges Handlungsziel immer ist, sich selbst in einer bestimmten Weise zu repräsentieren. Wenn man sich in sozialen Zusammenhängen bewegt, hat das Reputationseffekte (dieses Vokabular entstammt der Rational Choice Theory), daher ist der eigene Ruf ein wichtiger Aspekt des Handelns, der sich bei Goffman verselbstständigt zur Frage, wer man in den Augen der anderen sein möchte.

Jedes Handeln ist daher unter dramaturgischen Gesichtspunkten zu sehen – wie, und mit welchem Erfolg, wird die eigene Identität in sozialen Situationen inszeniert?

Inszenieren wir unser Handeln? Foto: Werner Wittersheim Lizenz: CC: BY, SA, NC http://www.flickr.com/photos/wwwuppertal/

Inszenieren wir unser Handeln?
Foto: Werner Wittersheim Lizenz: CC: BY, SA, NC
http://www.flickr.com/photos/wwwuppertal/

Normkonformität und Rationalität ist bei Goffman nachrangig, weil diese oftmals nicht im positiven Sinne handlungsleitend sind. Normativ wäre beispielsweise strebsames Verhalten in der Schule angesagt, in der Realität wird aber oftmals genau entgegen dieser normativen Festsetzung gehandelt, um nicht als strebsam zu gelten.

Nach Jürgen Habermas beschreibt jeder Handlungstyp, auch das dramaturgische Handeln nach Goffman, eine bestimmte Grenzkonstellation, also ein einseitige Betrachtung des Handelns. Er sucht daher nach einem Handlungsbegriff, der die unterschiedlichen Handlungstypen umfasst und kreiert dabei den kommunikativen Handlungstypus. Seine Leitthese ist, dass alle anderen Handlungstypen Grenzfälle des kommunikativen Handelns sind.

Wie ist das Konzept des kommunikativen Handelns beschaffen?
Habermas analysiert bestimmte Handlungen, nämlich einfache Äußerungen. Dafür orientiert er sich an der Sprechakttheorie von Austin und Searle.

Eine einfache Äußerung wäre beispielsweise: “Ich verspreche dir, morgen zu kommen”, die sich analysieren lassen.
“Ich verspreche dir(…)” ist ein performativer Teilsatz (to perform – vollziehen). Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass mit diesem Teilsatz eine Handlung vollzogen wird. Die Handlung besteht darin, ein Versprechen abgegeben zu haben. Alternative, ähnliche, Sprechhandlungen wären beispielsweise Ankündigungen, Drohungen, Erklärungen, Mitteilungen, etc.
Mit Worten lassen sich also Handlungen vollziehen.

Äußerungen haben eine doppelte Struktur. Neben dem performativen Teil gibt es einen propositionalen Teil, der aus dem besteht, auf das sich die Handlung bezieht. Zusammengenommen ergeben diese Teilsätze einen Illokutionären Akt – Ein Akt, der in der Sprache vollzogen wird (Illokutionär ist aus dem lateinischen abgeleitet). Äußerungen, die nicht explizit performativ sind, sind gleichsam als implizit performativ zu analysieren. Um die Handlung zu verstehen, muss man den nicht versprachlichten, performativen, Teil mit verstehen.

Mit dieser Ausgangsanalyse beginnt Jürgen Habermas. In Rückgriff auf Searle fragt Habermas dann, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit solche Handlungen erfolgreich ausgeführt werden können. An “Behaupten” oder “Feststellen” sind etwa verschiedene Bedingungen geknüpft. Es gilt die Regel des propositionalen Gehalts – d.h. es gibt Einschränkungen für diese Handlungen. “Ich verspreche, gestern zu kommen” ist nicht möglich, weil die Einschränkung verletzt wurde, dass man keine Versprechen nachträglich in der Vergangenheit erfüllen kann.
Ferner gibt es Einleitungsregeln. Als Beispiel: “Die Probleme mit dem Euro werden in drei Wochen zu Ende sein”. Wenn diese Handlung “Behauptung” nur auf einem Gefühl beruht, wäre es fraglich, ob es sich überhaupt um eine Behauptung handeln kann, vielleicht wäre es eher eine wage Mutmaßung.
Nach der Regel der Aufrichtigkeit muss erwartbar sein, dass eine richtige Sachlage dargestellt wird.

Was macht Habermas damit?
Er kreiert eine Theorie, nach der es verschiedene Aspekte von Rationalität gibt, die sich nicht auf Zweckrationalität reduzieren, sondern als kommunikative Rationalität deuten lassen.
Wahrheit, als Prämisse, ist ein zentrales Geltungskriterium für kommunikative Rationalität bei dem kognitive Rationalität impliziert ist.
Wahrhaftigkeit ist eine weitere Geltungsdimension bei Habermas, mit der ebenfalls bestimmte kommunikative Funktionen erfüllt werden.

Erfreulicherweise geht es in der nächsten Aufzeichnung dieser Vorlesung nochmals um Jürgen Habermas, da insbesondere der letzte Teil durch die etwas verworrene Darstellung und die fehlenden Folien schwer nachvollziehbar ist. Soweit erstmal meine Zusammenfassung der sechsten Sitzung zu soziologischen Handlungstheorien.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.