Ordnung statt Wahrheit

Wahrheit sei nicht sehr problematisch. Ordnung schon.

Eben bin ich bei der Lektüre eines Interviews mit Michel Foucault auf diesen Textausschnitt gestoßen:

(…) I would like to put forward a few “propositions” —not firm assertions but simply suggestions to be further tested and evaluated.
“Truth” is to be understood as a system of ordered procedures for the production, regulation, distribution, circulation, and operation of statements.
“Truth” is linked in a circular relation with systems of power that produce and sustain it, and to effects of power which it induces and which extend it—a “regime” of truth.
This regime is not merely ideological or superstructural; it was a condition of the formation and development of capitalism. And it’s this same regime which, subject to certain modifications, operates in the socialist countries (I leave open here the question of China, about which I know little). The essential political problem for the intellectural is not to criticize the ideological contents supposedly linked to science, or to ensure that his own scientific practice is accompanied by a correct ideology, but that of ascertaining the possibility of constituting a new politics of truth.
The problem is not changing people’s counciousnesses—or what’s in their heads—but the political, economic, institutional regime of the production of truth. It’s not a matter of emancipating truth from every system of power (which would be a chimera, for truth is already power) but of detaching the power of truth from the forms of hegemony, social, economic, and cultural, within which it operates at the present time. The political question, to sum up, is not error, illusion, alienated consciousness, or ideology; it is truth itself. Hence the importance of Nietzsche.

Truth and Power (1976) in: Chomsky Noam / Foucault Michel: The Chomsky-Foucault Debate On Human Nature.
Reprint 2006. New York

Noch unklar ist für mich nach wie vor, inwiefern Ordnung eine Alternative zu Wahrheit darstellen könnte, was sich genau hinter dem Begriff der Ordnung in diesem Zusammenhang eigentlich verbirgt und über welche Schritte diese Umstellung zu erreichen ist.
Da Ordnung problematisch sein soll, sind diese Unklarheiten erwartbar. Es geht wohl auch um das (klassische) Problem sozialer Ordnung. Da Wahrheit jedoch insgesamt in der Organisation Wissenschaft der wesentliche Bezugspunkt ist, erhoffe ich mir noch etwas mehr von der weiteren Beschäftigung mit diesem Themenkomplex.

3 Gedanken zu „Ordnung statt Wahrheit

  1. kusanowsky sagt:

    “Noch unklar ist für mich nach wie vor, inwiefern Ordnung eine Alternative zu Wahrheit darstellen könnte”

    Ordnung ist keine Alternative zur Wahrheit. Wahrheit wurde für die moderne Wissenschaft deshalb attraktiv, weil sie lernte, sie auf andere Weise zu begründen, nämlich durch Kritik, durch Verzicht auf Tradition, Autorität und absolute Gewissheit. Die moderne Wissenschaft konnte eine theologisch fundierte Weltsicht nicht mehr akzeptieren und hat auf dem Wege der Entfaltung transzendentaler Subjektivität verlernt, dass Wahrheit auch auf ganz andere Weise ermittelbar sein könnte. Die moderne Wissenschaft hat, wie die moderne Gesellschaft im ganzen, die Welt auf andere Weise empirisch gemacht, hat durch den Vollzug ihrer funktionalen Ausdifferenzierung die Kontingenz all ihrer Möglichkeiten in Erfahrung gebracht. Das dürfte für die Physik genauso gelten wie für die Soziologie. Diese Kontingenz schlägt sich nieder in der Trivialität und Banalaität ihrer Vollzugs, einzig gehindert und begrenzt durch Machtapparate wie z.B: Universitäten und ihren Bürokratien.
    Was wäre nun, wenn diese Machtapparate nicht mehr alternativlos Kommunikationen bündeln würden? Wenn also außerhalb von und bei Verzicht auf Kommunikation in Machtapparaten, Wissensproduktion möglich wäre? z.B. durch Selbstorganisation via Internet. Worauf käme es dann an? Immer noch auf Wahrheit durch Kritik?

  2. “Die moderne Wissenschaft hat, wie die moderne Gesellschaft im ganzen, die Welt auf andere Weise empirisch gemacht, hat durch den Vollzug ihrer funktionalen Ausdifferenzierung die Kontingenz all ihrer Möglichkeiten in Erfahrung gebracht. Das dürfte für die Physik genauso gelten wie für die Soziologie. Diese Kontingenz schlägt sich nieder in der Trivialität und Banalaität ihrer Vollzugs, einzig gehindert und begrenzt durch Machtapparate wie z.B: Universitäten und ihren Bürokratien.
    Was wäre nun, wenn diese Machtapparate nicht mehr alternativlos Kommunikationen bündeln würden? Wenn also außerhalb von und bei Verzicht auf Kommunikation in Machtapparaten, Wissensproduktion möglich wäre?”

    Die Einschränkung, die durch die Hinzunahme des Verzichts von Kommunikation in Machtapparaten erfolgt ist lässt mich etwas stutzen, weil dieser Fall für mich schwer vorstellbar ist.

    Die Umstände in einer solchen Gesellschaft müssten derart anders sein, dass ich von ansonsten gleichbleibenden Bedingungen kaum ausgehen kann.

    Als reines Gedankenexperiment ins Blaue hinein würde ich sagen, dass der Weg frei wäre auch außerhalb der Machtapparate Wissenschaft zu betreiben. Wobei dann eben die Frage ist, was diese Wissenschaft ist. Oder welches Wissen da geschaffen werden soll und wie es sich vom Alltagswissen unterscheidet. Ohne diese Differenzierung braucht es ja auch keine Wissenschaft als eigenes gesellschaftliches Funktionssystem.

    Angenommen es gibt wissenschaftliches Wissen (oder es wird erfunden) ohne Wahrheitsanspruch, das sich erfolgreich von Alltagswissen unterscheiden lässt:
    Durch die Demystifizierung von Wissenschaft in Machtapparaten wäre dann auch erwartbar, dass die freie wissenschaftliche Beschäftigung außerhalb von Machtapparaten neuen Anforderungen unterworfen sein dürfte.

    Da man auch in dieser Gesellschaft vielleicht noch seinen Lebensunterhalt wird finanzieren müssen gäbe es vielleicht weniger Wissenschaft insgesamt, die dann noch stärker entsprechend der Nachfrage orientiert ist. Oder Wissenschaft wird zu einer freien Betätigung jenseits der Ökonomie die sich mit Kunst verwechselbar macht und individuell quersubventioniert, oder staatlich gefördert, wird (wie bei E-Musik).

  3. kusanowsky sagt:

    “Die Umstände in einer solchen Gesellschaft müssten derart anders sein, dass ich von ansonsten gleichbleibenden Bedingungen kaum ausgehen kann.”

    Genau. Damit ist nur gesagt, dass die Dinge voraussetzungsreich sind. Es kommt aber gar nicht darauf an, diese Umstände näher zu spezifizieren, weil sie selbst ein Erfahrungsresultat sind, das nur schwer zustande kommen kann.
    Es würde für den Anfang schon völlig reichen, wenn man nur die Kontingenz der Zusammenhänge ernst nimmt: Wenn es auch anders geht, dann nur, wenn man etwas anderes macht. Aber gewiss: wer soll was anderes machen können, wenn keiner etwas anderes machen kann?

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