Niklas Luhmann – Einführung in die Systemtheorie

Im Wintersemester 1991/1992 hat Niklas Luhmann an der Universität Bielefeld eine Vorlesung, bestehend aus 14 Sitzungen, zum Thema “Einführung in die Systemtheorie” gehalten. Diese Vorlesung kann als Audioaufzeichnung beim Carl-Auer Verlag für fünf Euro pro Sitzung käuflich erworben werden.

In diesem und zukünftigen Blogbeiträgen versuche ich die Sitzungen sowohl inhaltlich zusammenzufassen und dabei nachzuvollziehen, als auch referenzierte Theorien, und zu einem kleineren Teil mein persönliches Vorwissen und Einschätzungen, miteinzubeziehen.

Die erste Sitzung wird mit der Frage begonnen, ob es etwas wie Systemtheorie, auf dem aktuellen Stand der Forschung in der Soziologie, überhaupt gibt.
Luhmann unterstellt der Soziologie eine tiefe Theoriekrise. In der soziologischen Literatur und in soziologischen Einführungsveranstaltungen findet ein Rückgriff auf Klassiker, wie Max Weber, Georg Simmel, Émile Durkheim und andere statt. Die Konturen des Faches Soziologie werden durch diese Klassiker, und weniger über zeitgenössische Soziolog_Innen, bestimmt, wobei das nicht bedeutet, dass zeitgenössischen Soziolog_Innen gegenüber diesen Klassikern unkritisch wären. Eine theoretische Beschreibung der Probleme, in der sich die moderne Gesellschaft, beispielsweise in Fragen der Ökologie, auf Ebene von Individuen, bezüglich therapiebedürftigkeit und vieles andere mehr befindet, findet nicht statt.

Die Einführung in die Systemtheorie findet in drei Teilen statt.
Niklas Luhmann möchte in der Veranstaltung zunächst zeigen, wie man bislang in der Soziologie mit systemtheoretischen Formen gearbeitet hat, und wie man diese nicht weiter verfolgt wurden, nachdem Grenzen erreicht worden sind. Im zweiten, umfangreicheren Teil, sollen interdisziplinäre Theorieanstrengungen vorgestellt werden, um in ihnen nach soziologisch verwertbaren Ansätzen zu suchen. Im dritten Teil sollen aus den gesichteten Theorien Ansatzpunkte entwickelt werden, um soziologische Theoriebildung voranzutreiben.

Zunächst eine Skizzierung dessen, was sich in der Soziologie in den vereinigten Staaten in den 40er und 50er Jahren, als soziologische Systemtheorie herausgebildet hat.
Dies kann in die Bereiche Strukturfunktionalismus (oder Bestandsfunktionalismus), sowie in das Werk von Talcott Parsons unterteilt werden.

Beide systemtheoretische Ansätze wurden Ende der 60er Jahre, stark ideologisch geprägt, kritisiert, wodurch es zu einem Ende an einer weiteren Arbeit an soziologischer Systemtheorie kam.
Die Beschäftigung mit der Systemtheorie wird laut Luhmann in den USA auch heute (zur Zeit der Vorlesung, 1991) mit Verwunderung zur Kenntnis genommen und als überholt angesehen.

Der Strukturfunktionalismus als Systemtheorie ist eine wichtige Grundlage bei Luhmann. Foto von Nick Hughes, Lizenz: CC 2.0: BY, Werk: Structures // 2

Der Strukturfunktionalismus als Systemtheorie ist eine wichtige Grundlage bei Luhmann.
Foto von Nick Hughes, Lizenz: CC 2.0: BY, Werk: Structures // 2

Aufgrund von Disziplinbarrieren können Soziolog_Innen, die die Beschäftigung mit Systemtheorien kritisieren, nicht wahrnehmen, was transdisziplinär im Bereich der Systemtheorie geleistet wird.
Wobei diese Disziplinbarrieren nicht unüberwindbar sein müssen.

Von heute aus gesehen weisen die Ansätze, die in den 40er und 50er Jahren entwickelt wurden, erhebliche Schwächen auf.
Damals war Ausgangspunkt für den Strukturfunktionalismus ethnologische Forschung, die mit isolierten Stämmen gearbeitet hat, die als begrenzbar und damit erforschbar erschienen. Von dieser ethnologischen Forschung lassen sich keine allgemeine Rückschlüsse auf biologische, oder psychische Erklärungen über die Menschheit ableiten.

Talcott Parsons hat diese Beschränkung plausibel erklärt, indem er unterstellte, dass Soziolog_Innen einen begrenzten Gegenstand vor Augen haben müssten um zu forschen. In der Soziologie gibt es kein Äquivalent für Naturgesetze, vermutlich auch nicht in einem rein statistischen Sinne. Insofern bräuche es eine Zweittheorie, die sich bestimmte Systemtheorien als Ausgangspunkt vorstellt um zu bestimmen, welche Funktionen zur Erhaltung des Strukturmusters dienen.

Dies hat zu Fragen geführt, wie die Bestandsvoraussetzungen einer Gesellschaft aussehen, also welche Mindestanforderung an Erhaltung und Problemlösung erfüllt sein müssen, damit eine Gesellschaft bestehen kann.

Dies hat allerdings bestenfalls zu einem Katalog von Bestandsvoraussetzungen geführt, die theoretisch nicht weiter begründet werden konnten.
Primärer Hintergedanke war dabei, dass für eine Gesellschaftstheorie sowohl der Bereich der Politik, der Familie, der Wirtschaft, sowie grundlegende Werte miteinbezogen werden müssen.

Diese Schwäche scheint Niklas Luhmann bis heute kaum korrigierbar. Ein zweites Problem ist, dass die Begriffsarbeit durch den strukturfunktionalen Ansatz beschränkt war. Es machte insbesondere kaum Sinn, weiter nach der Funktion von Strukturen zu fragen, oder Begriffe wie Bestand/Bestandsvoraussetzung/Variable, oder den methodologischen Apparat weiter aufzulösen.
Die begriffliche Arbeit an einer Theorie wurde also beschränkt durch die Annahme, dass ein strukturierter Gegenstand vorgegeben sei.

Ein dritter Einwand ist, dass für den Bestand von Gesellschaften keine klaren Kriterien angegeben werden können, weil eine solche Theorie sowohl den Bereich des abweichenden Verhaltens miteinbeziehen muss, als auch gravierender, die historische Frage, in welchem Zeitraum ein Bestand identisch gehalten wird und welches Ausmaß an Strukturänderungen am sozialen System dazu veranlassen würden, eine Systemänderung anzunehmen. Dies lässt sich am Begriff der Revolution verdeutlichen, der die Frage aufwirft, ob es sich vor- und nachher um unterschiedliche Gesellschaften handelt. Es sind keine klaren Kriterien erkennbar, die einen Zustand von Gesellschaft oder Nicht-Gesellschaft erkennen lassen, im Gegensatz zur Biologie, wo die Frage nach Leben oder Tod klarer differenzierbar ist.

Das Fehlen dieser Kriterien kann für die Soziologie bedeuten, dass die Frage der Identität eines Systems im System selber und nicht durch Aussenbeobachter gestellt und beantwortet werden muss. Ein System muss selbst die Frage beantworten, ob es sich durch Veränderung von Strukturen so weit geändert hat, dass es nicht mehr das selbe ist.

Durch diese Modifikation lässt sich verstehen, weshalb in den 50er und frühen 60er Jahren die Differenz zwischen modernen und traditionalen Gesellschaften eine große Rolle gespielt hat. Auch Überlegungen, wie traditionale Gesellschaften in den Modus einer modernen Gesellschaft zu überführen sind, hat die Frage nach Modernisierungskonzepten gefördert und unklar gemacht, wo die Grenze der Identität eines Systems ist.

Die Frage nach Gesellschaft, oder Nicht-Gesellschaft muss aus der Gesellschaft beantwortet werden. Foto von Antonin Rémond, Lizenz: CC: BY; Titel: Protests in Paris

Die Frage nach Gesellschaft, oder Nicht-Gesellschaft muss aus der Gesellschaft beantwortet werden.
Foto von Antonin Rémond, Lizenz: CC: BY; Titel: Protests in Paris

Das Konzept des Bestands- oder Strukturfunktionalismus führt zu dieser Frage. Wenn man diese Frage nur mit einer Anspruchnahme einer Selbstbeschreibung, einer internen Thematisierung im System beantworten möchte, hat man Probleme der Selbstreferenz, die in diesem Rahmen nicht beantwortet werden.

Diese Schwächeerscheinung der ersten Typik soziologischer Systemtheorie wurde diskutiert und lag als Literatur in den 60er Jahren vor, was allerdings nicht ausgereicht hat um die Systemtheorie prinzipiell und vollständig als theoretischen Ansatz abzulehnen. Im normalen Duktus eines wissenschaftlichen Fortschrittes konnte man das, was man in diesem theoretischen Rahmen erforscht hat, nicht einfach negieren, ohne den Kern in einen neuen theoretischen Rahmen zu überführen, was jedoch nicht stattgefunden hat.
Mit Verzicht auf den Strukturfunktionalismus und die Limitierung von Forschung durch Bestandsvoraussetzungen wurden gewisse Erkenntnisse aufgegeben und diese wurden bislang nicht in andere Theoriesätze eingebaut.

In der Soziologiegeschichte sind daher nicht nur die Klassiker, die die Soziologie begründet haben, sondern auch die Forschung der 40er und 50er Jahre in den USA relevant.

Die ideologischen Gründen, die zur Ablehnung und Aufgabe der systemtheoretischen Forschung geführt haben, beruhten vor allem auf der Vermutung, dass von deren Theoriegrundlagen aus keine ausreichend radikale Kritik an der modernen Gesellschaft möglich sei.

Die Normalisierung sozialer Zustände nach dem zweiten Weltkrieg hatte zunächst den positiven Aspekt, Vertrauen darauf zu erlangen, innerhalb moderner Gesellschaften Zustände verbessern zu können.
In den 60er/70er Jahren wurde deutlich, dass es entweder nur mit sehr hohen Kosten, bzw. vielleicht sogar gänzlich unmöglich ist, zu einer gerechten Verteilungsordnung, die die ganze Weltbevölkerung umfasst.
Auch wurde in der Soziologie sichtbar, dass bei aller Forschungsoffenheit des politischen Systems, es dennoch unmöglich war, soziologisches Wissen in die Praxis zu tragen.
Der Systembegriff wurde folglich als eher technisch, als Hilfsmittel für Planer verstanden, die daran interessiert sind, Verhältnisse zu verbessern und zu rationalisieren.

Damit sei erklärt, weshalb weniger die inhaltlichen Gesichtspunkte bezüglich der Systemtheorie, als vielmehr ideologisch geprägte Gründe ausschlaggebend für den vorläufigen Niedergang der Theorie waren.

Die verbreitete Vorstellung, die Theorie von Talcott Parsons sei dem Strukturfunktionalismus zuzuordnen wird von Niklas Luhmann nicht geteilt. Parsons habe diese Zuordnung nie geteilt und sich offen vom Strukturfunktionalismus abgewandt und seine eigenen Theoriebemühungen davon unterschieden. Wobei einzuschränken ist, dass Parsons mit seinem Buch “The Social Systems” dem Strukturfunktionalismus eine theoretische Rechtfertigung geliefert hat, auch wenn er den Strukturfunktionalismus selbst immer nur als zweitbeste Theorie charakterisiert hat.

Talcott Parsons Gesamtwerk kann nach Niklas Luhmann mit einem einzigen Satz “Action is System” zusammengefasst werden.
Das ist insofern bemerkenswert, als dass in der Zeit nach Parsons Handlungstheorie mit Rückgriff z.B. auf Max Weber und verschiedene Formen der Rational Choice Theorie modern wurde (siehe hier im Blog) und sich eine Kontroverse zu Systemtheorie entwickelt hat, als Stünde Handlungstheorie und Systemtheorie im Gegensatz zueinander, wobei Handlungstheorie eher als subjektorientiert und eher in der Lage psychische Zustände in die Soziologie aufzunehmen imstande erscheint und der Systemtheorie die Abbildung von Makrostrukturen unterstellt wird.

Handlung und System sind unvereinbare Paradigmen? Niklas Luhmann meint, dass Menschen dazu gebracht werden müssten, Talcott Parsons zu lesen, wenn sie dies meinen.

Parsons hat versucht eine Theorie zu entwickeln, in der sich Handlung und System nicht trennen lassen, bzw. dass Handlung nur als System möglich ist.
Der Ausgangspunkte für diese These war für Parsons eine Bestandsaufnahme soziologischer Theorie, also der Versuch zu erkennen, ob in Klassikern (Weber, Durkheim, etc.) etwas gemeinsames zu finden ist. Die gefundene Gemeinsamkeit war der Zusammenhang zwischen Systembildungen (übergreifende Ordnungen) und Handlungen. Parsons zieht, vereinfacht gesagt, die Handlungskomponente seines Systems aus dem Werk Max Webers und die Systemkomponente seiner Theorie aus dem Werk von Èmile Durkheim.

Talcott Parsons geht davon aus, dass eine einzelne Handlung eine emergente Eigenschaft der Realität ist.
Mit anderen Worten: Es gibt Komponenten, die zusammenkommen müssen, um Handlungen zu ermöglichen. Soziolog_Innen müssen diese Komponenten identifizieren und von dort aus eine analytische Theorie des Handelns entwerfen. Parsons spricht in diesem Zusammenhang von analytischem Realismus, womit er meint, dass es um die Emergenz wirklichen Handelns und nicht um eine nur begriffliche Konstruktion geht. Analytisch ist die Theorie insofern, als dass sie Komponenten beim Zustandekommen von Handlungen analysiert, die nicht selbst Handlungen sind.

Das Phänomen Handlung wird also in Einzelelemente zerlegt, von denen nicht alle Komponenten aus Minihandlungen, unter anderen Handlungen, bestehen, sondern etwas anderes sind.

Zunächst geht es bei Talcott Parsons dabei, in Anlehnung an Max Weber, um ein primäres Handlungsverständnis und daher um die Unterscheidung von Zweck und Mittel.
Diese Unterscheidung führt zu der Frage, welches Normschema der Wahl von Zwecken und der Zulassung von Mitteln zugrunde liegt. Dabei nahm Parsons einen Rückgriff auf Èmile Durkheim, und die Annahme, dass Gesellschaft nur möglich sei, wenn genügend moralischer Konsens besteht. Damit ist nachvollziehbar, dass es soziale Vorgaben geben muss und die Wahl von Zwecken und Mitteln nicht Einzelnen völlig frei überlassen ist.

Somit geht es bei Parsons nicht nur um eine Optimierung des Zweck-Mittel Verhältnis, sondern auch um die Bedingungen der Möglichkeit und Grade der Freiheit des Arrangements, die einem Individuum erlaubt sind. Wissenssoziologisch kann man diese Frage vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise sehen, auf die Parsons mit seiner Theorie reagiert, auch wenn er sich gegen eine rein utilitaristische Begründung von Soziologie gewandt hat.

Die Frage nach den Werten, durch die eine Gesellschaft die individuellen Wahlfreiheiten von Zwecken und Mitteln beschränkt, führt zu dem weiteren Problem, wie denn der Handelnde in den Handlungsbegriff eingeht.

Ausgehend vom Handlungsbegriff könnte man annehmen, dass Handelnde handeln und ohne Handelnde keine Handlung zustande kommt. Daraus könnte man folgern, dass Handlung Ausdruck des Willens von Handelnden ist und damit die gemeinten Elemente subsidiär zueinander stehen.

Talcott Parsons geht allerdings davon aus, dass Handlung zustande kommt, wenn Zwecke und Mittel unterschieden werden können, wenn es kollektive Wertvorgaben gibt und wenn ein Akteur (handelnde Person) zur Verfügung steht, die die Handlung durchführen kann.

Die handelnde Person ist also nur ein Element im Zustandekommen von Handlung. Handlung wird nicht den Handelnden untergeordnet, sondern die handelnde Person der Handlung.

So weit zur Ausgangslage in “The Structure of Social Action” 1937 von Talcott Parsons.

Im späteren Verlauf hat sich Parsons als Soziologe in den 40er und frühen 50er Jahren zunächst der Theorie sozialer Systeme zugewandt und ist daher mit dem Strukturfunktionalismus in Berührung geraten, aus dem sich seine Theorie nur allmählich freigearbeitet hat. Niklas Luhmann meint, dass dies in Rückgriff auf die Vorstellung “Action is System” geschehen ist und es sich in den Kreuztabellen als Ergebnis darstellt. Darin wird dargestellt, dass vier Komponenten zusammenwirken müssen, damit Handlung entsteht…

Soweit die ersten 40 Minuten aus der Einführung in die Systemtheorie. Da die Niederschrift der Aussagen kein ganz leichtes unterfangen ist und ich manche Stellen sehr oft nacheinander anhören muss, um sie intellektuell nachvollziehen und dann auch wiedergeben zu können, kann ich leider nicht versprechen, dass dieses Skript so regelmäßig erscheint, wie das bei meiner Zusammenfassung der Vorlesung zu Handlungstheorie geschehen ist. Da Niklas Luhmann aber offensichtlich ein nicht gänzlich unwichtiger Soziologe ist, werde ich mich bemühen, noch weitere Skripte liefern zu können. Mit inhaltlichem Feedback auf diesen Blogbeitrag und anregende, gehaltvolle, Diskussionen über den Inhalt des ersten Teiles, könnt ihr möglicherweise meine Motivation dazu steigern.

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