Leben wir in einer Wissensgesellschaft?

Kann man unsere Gesellschaft wirklich als Wissensgesellschaft bezeichnen?

Kann man unsere Gesellschaft wirklich als Wissensgesellschaft bezeichnen?

Professor Dr. Rudolf Kammerl hat zu diesem Thema, bzw. zu der Frage ob der Begriff “Wissensgesellschaft” auf unsere derzeitige Gesellschaft anwendbar ist, oder ob es sich dabei um einen Mythos oder eine Utopie handelt, im Rahmen einer Ringvorlesung (“Medien und Bildung“) einen Vortrag gehalten.

Die Aufzeichnung des Vortrages findet sich hier auf Lecture2Go. Im nachfolgenden kann man nachlesen, was ich persönlich besonders wichtig fand und aus dem Vortrag mitgenommen habe.

Um es vorneweg zu nehmen: Prof. Dr. Kammerl ist der Auffassung, dass “Wissensgesellschaft” keine zutreffende Beschreibung unserer Gesellschaft ist (seiner Meinung nach wäre der Begriff “Mediatisierte Gesellschaft” zutreffender), was für Diskussionsstoff während, bzw. nach dem Vortrag sorgte, weshalb man seine Begründung etwas genauer unter die Lupe nehmen muss, um diese Behauptung beurteilen zu können.

Prof. Dr. Kammerl geht bei seiner Argumentation von der Bedeutung des Begriffes “Wissensgesellschaft” aus, wie er durch seine Urheber geprägt wurde.

Der Begriff ist wohl zuerst (ca. 1966 “knowledgeable societies”) beim Politikwissenschaftler Robert E. Lane gefallen (andere Namen: Drucker, Bell, Stehr). Dieser verband mit diesem Begriff eine vorangig wissenschaftlich geprägte Gesellschaft (was sich mit dem Wissensbegriff, wie wir ihn verstehen könnten, bzw. wie er umgangssprachlich gebraucht wird, doch deutlich unterscheidet).

Bei Bell steht insbesondere die Ökonomie im Fokus der Betrachtung, die in einer Wissensgesellschaft nicht mehr von Industrie, sondern von Dienstleistungen abhängig ist. Berufsausbildungen würden in einer Wissensgesellschaft kaum noch eine Rolle spielen, weil eher die spontane Anpassung an ökonomische Bedürfnisse und lebenslanges Lernen wichtiger seien.

Das könnte man (wenn man wollte und entsprechenden Studien verwendet) wohl bereits von unserer Gesellschaft behaupten. Die Bildungsexpansion und der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft könnten vielleicht bereits als Begründung genügen, Deutschland als Wissensgesellschaft zu bezeichnen (obgleich auch der Ruf nach einer re-industrialisierung in Europa in den Medien präsent ist, wie Prof. Dr. Kammerl im Epilog seines Vortrages erwähnt).

Die, nach der Prognose zur Wissensgesellschaft, verlaufene Nutzung des Internets, die eher auf Unterhaltungs- und Kommunikationszwecke abzielte (Star Treck Newsgroups, Pornografie) anstatt auf eine wissenschaftlich geprägte Nutzung, sei dann nach Prof. Dr. Kammerl Grund, eher von einer “Mediatisierten Gesellschaft” statt einer Wissensgesellschaft zu sprechen.

Das ist meines Erachtens nachvollziehbar und schlüssig, obgleich wohl auch andere Interpretationen und Argumentationsstränge zulässig wären, womit ein endgültiges Urteil darüber ob der Begriff “Wissensgesellschaft” nun zutreffend sei oder nicht, letztlich nicht getroffen werden kann – es ist schlichtweg nicht eindeutig bzw. nicht exklusiv schlüssig (es gibt eine Reihe anderer Begriffsvorschläge zur Bestimmung unserer Gesellschaftsform).

Prof. Dr. Kammerl zieht auch noch andere Begründungen heran. Die Wertschöpfung des Wissenssektors in unserer Gesellschaft (20 OECD Länder) ist nach einer Studie von Dr. Daniela Rohrbach-Schmidt von 1970 bis 2002 von 14% auf 22% gestiegen. Das bedeutet, dass eine der ursprünglichen Thesen (Wissenssektor > 50%) für die Bestimmung einer Wissensgesellschaft bis heute nicht erreicht wurde.

Also. Zusammenfassend ist für mich entscheidend, dass mir der Vortrag einige wertvolle Hinweise geliefert hat, woran man den Begriff “Wissensgesellschaft” festmachen könnte und wo sein Ursprung lag. Des Weiteren, dass die Diagnose, ob er nun auf unsere Gesellschaft zutrifft oder nicht, durchaus streitbar ist. Persönlich schwierig, aber letztlich nachvollziehbar, finde ich die Fokussierung auf ökonomische Aspekte bei der Bestimmung unserer Gesellschaftsform da ich mir wünschen würde, dass ökonomische Faktoren nicht die entscheidende Größe bei der Bestimmung unserer Gesellschaft sein sollten. Letztlich gilt auch hier, dass die Verwendung ökonomischer Faktoren bei einer Begriffsbestimmung, die Assoziationen zu Wissen und Bildung zulässt (“Wissensgesellschaft”), zu einem funktionalistischen Bildungsverständnis beiträgt.

Hier geht es zum offiziellen Blogbeitrag zur Veranstaltung (im Blog der Veranstaltungsreihe Medien & Bildung).

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