Kommunikatives Handeln nach Jürgen Habermas

Jürgen Habermas hat in Auseinandersetzung mit normorientierten und zweckrationalen Handlungsmotiven festgestellt, dass es Grenzfälle gibt, die beiden Motiven gleichermaßen zuzurechnen sind.
Vor diesem Hintergrund wird die Kategorie des dramaturgischen Handelns in der Vorlesung “Handlungstheorie” vorgestellt, die auf Erving Goffman zurückgeht.

Diese wurde in Auseinandersetzung mit Parsons normativistischer Handlungstheorie entwickelt. Erving Goffman geht davon aus (The Presentation of Self in Everyday Life (1959); dt.: Wir alle spielen Theater), dass ein wichtiges Handlungsziel immer ist, sich selbst in einer bestimmten Weise zu repräsentieren. Wenn man sich in sozialen Zusammenhängen bewegt, hat das Reputationseffekte (dieses Vokabular entstammt der Rational Choice Theory), daher ist der eigene Ruf ein wichtiger Aspekt des Handelns, der sich bei Goffman verselbstständigt zur Frage, wer man in den Augen der anderen sein möchte.

Jedes Handeln ist daher unter dramaturgischen Gesichtspunkten zu sehen – wie, und mit welchem Erfolg, wird die eigene Identität in sozialen Situationen inszeniert?

Inszenieren wir unser Handeln? Foto: Werner Wittersheim Lizenz: CC: BY, SA, NC http://www.flickr.com/photos/wwwuppertal/

Inszenieren wir unser Handeln?
Foto: Werner Wittersheim Lizenz: CC: BY, SA, NC
http://www.flickr.com/photos/wwwuppertal/

Normkonformität und Rationalität ist bei Goffman nachrangig, weil diese oftmals nicht im positiven Sinne handlungsleitend sind. Normativ wäre beispielsweise strebsames Verhalten in der Schule angesagt, in der Realität wird aber oftmals genau entgegen dieser normativen Festsetzung gehandelt, um nicht als strebsam zu gelten.

Nach Jürgen Habermas beschreibt jeder Handlungstyp, auch das dramaturgische Handeln nach Goffman, eine bestimmte Grenzkonstellation, also ein einseitige Betrachtung des Handelns. Er sucht daher nach einem Handlungsbegriff, der die unterschiedlichen Handlungstypen umfasst und kreiert dabei den kommunikativen Handlungstypus. Seine Leitthese ist, dass alle anderen Handlungstypen Grenzfälle des kommunikativen Handelns sind.

Wie ist das Konzept des kommunikativen Handelns beschaffen?
Habermas analysiert bestimmte Handlungen, nämlich einfache Äußerungen. Dafür orientiert er sich an der Sprechakttheorie von Austin und Searle.

Eine einfache Äußerung wäre beispielsweise: “Ich verspreche dir, morgen zu kommen”, die sich analysieren lassen.
“Ich verspreche dir(…)” ist ein performativer Teilsatz (to perform – vollziehen). Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass mit diesem Teilsatz eine Handlung vollzogen wird. Die Handlung besteht darin, ein Versprechen abgegeben zu haben. Alternative, ähnliche, Sprechhandlungen wären beispielsweise Ankündigungen, Drohungen, Erklärungen, Mitteilungen, etc.
Mit Worten lassen sich also Handlungen vollziehen.

Äußerungen haben eine doppelte Struktur. Neben dem performativen Teil gibt es einen propositionalen Teil, der aus dem besteht, auf das sich die Handlung bezieht. Zusammengenommen ergeben diese Teilsätze einen Illokutionären Akt – Ein Akt, der in der Sprache vollzogen wird (Illokutionär ist aus dem lateinischen abgeleitet). Äußerungen, die nicht explizit performativ sind, sind gleichsam als implizit performativ zu analysieren. Um die Handlung zu verstehen, muss man den nicht versprachlichten, performativen, Teil mit verstehen.

Mit dieser Ausgangsanalyse beginnt Jürgen Habermas. In Rückgriff auf Searle fragt Habermas dann, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit solche Handlungen erfolgreich ausgeführt werden können. An “Behaupten” oder “Feststellen” sind etwa verschiedene Bedingungen geknüpft. Es gilt die Regel des propositionalen Gehalts – d.h. es gibt Einschränkungen für diese Handlungen. “Ich verspreche, gestern zu kommen” ist nicht möglich, weil die Einschränkung verletzt wurde, dass man keine Versprechen nachträglich in der Vergangenheit erfüllen kann.
Ferner gibt es Einleitungsregeln. Als Beispiel: “Die Probleme mit dem Euro werden in drei Wochen zu Ende sein”. Wenn diese Handlung “Behauptung” nur auf einem Gefühl beruht, wäre es fraglich, ob es sich überhaupt um eine Behauptung handeln kann, vielleicht wäre es eher eine wage Mutmaßung.
Nach der Regel der Aufrichtigkeit muss erwartbar sein, dass eine richtige Sachlage dargestellt wird.

Was macht Habermas damit?
Er kreiert eine Theorie, nach der es verschiedene Aspekte von Rationalität gibt, die sich nicht auf Zweckrationalität reduzieren, sondern als kommunikative Rationalität deuten lassen.
Wahrheit, als Prämisse, ist ein zentrales Geltungskriterium für kommunikative Rationalität bei dem kognitive Rationalität impliziert ist.
Wahrhaftigkeit ist eine weitere Geltungsdimension bei Habermas, mit der ebenfalls bestimmte kommunikative Funktionen erfüllt werden.

Erfreulicherweise geht es in der nächsten Aufzeichnung dieser Vorlesung nochmals um Jürgen Habermas, da insbesondere der letzte Teil durch die etwas verworrene Darstellung und die fehlenden Folien schwer nachvollziehbar ist. Soweit erstmal meine Zusammenfassung der sechsten Sitzung zu soziologischen Handlungstheorien.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

2 Gedanken zu „Kommunikatives Handeln nach Jürgen Habermas

  1. Nils B. sagt:

    Moin Michael,

    zu Habermas’ Theorie des Kommunikativen Handelns müsste man sich mal zusammensetzen. Da bin ich alleine schon mehrfach dran gescheitert. Vielleicht klappt es ja in einer Art Lesezirkel. Interesse?

    LG

    Nils

  2. Hey Nils,

    super Idee. Hast du eine Idee, wie man sich dem ganzen nähern könnte? Einfach mal mit dem Lesen des Hauptwerkes “Theorie des kommunikativen Handelns” anfangen und bei Bedarf in Sekundärliteratur recherchieren?

    Bist du den Sommer über in Hamburg (nach der Klausurphase)?

    Gruß
    Michael

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