Jürgen Habermas: kommunikatives Handeln und argumentativer Diskurs

Wie angekündigt, geht es in diesem Blogbeitrag weiter mit dem Thema “Kommunikatives Handeln bei Jürgen Habermas”, als Zusammenfassung und Reflexion über eine Sitzung aus einer Vorlesung über soziologische Handlungstheorie. Meine Zusammenfassung des vorangegangenen Teils findet sich hier.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Habermas nimmt an, dass durch jede Äußerung Geltungsansprüche erhoben werden.
In der Regel sind dies: Wahrhaftigkeit, normative Richtigkeit, Wahrheit und Verständlichkeit.

Wenn im Rahmen umgangssprachlicher Kommunikation alles glatt verläuft, kann damit gerechnet werden, dass Gesagtes akzeptiert und eingehalten wird.
Das muss aber nicht so sein. Es könnte beispielsweise der Geltungsanspruch Wahrhaftigkeit problematisch sein, wenn aufgrund früherer negativer Erfahrungen Gesagtes nicht mehr glaubwürdig ist.
Es stellt sich grundsätzlich die Frage, welcher berechtigte normative Anspruch an Aussagen und die Erwartung ihrer Erfüllung, je nach ihrer situiertheit, gestellt werden kann.

Argumentativer Diskurs hat die Funktion, problematisierte Geltungsansprüche durch Begründung einzulösen. Geltungsansprüche müssen zu Recht erhoben werden, weshalb sie zu begründen sind. Es findet damit ein Wechsel statt von einer Betrachtung einfachem kommunikativem Handelns, in dem Geltungsansprüche einfach akzeptiert werden, zu einer Kommunikationssitiation mit problematisierten Geltungsansprüchen, bei denen fraglich ist, ob sie zu Recht erhoben werden.
Damit Akteure glauben können, sich in einer Situation argumentativen Diskurses zu befinden, müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein. Beispielsweise liegt das Kriterium der Zurechnungsfähigkeit nicht vor, wenn man sich mit kleinen Kindern, oder alkoholisierten Personen unterhält. Daneben gibt es weitere Voraussetzungen, die für einen argumentativen Diskurs erfüllt sein müssen. Auch die Machtverteilung innerhalb des argumentativen Diskurses müsste gleich verteilt sein, die Diskursteilnehmenden müssen ferner zustimmen oder widersprechen können. Bei Habermas sind als weitere Voraussetzungen “Keine zeitliche Begrenzung” und “Freisetzung von Handlungsdruck und dem Zwang zur Verarbeitung neuer Erfahrungen” zu finden.

Inwiefern diese Ausdifferenzierung des Rationalitätsbegriffes bei Jürgen Habermas noch mit dem Begriff Rationalität vereinbar ist, ist eine häufige geführte Debatte, erklärt Professor Schneider.

In Abhängigkeit von den verschiedenen Geltungsansprüchen gibt es Typen von argumentativen Diskursen. Für alle gelten gleichsam die genannten Voraussetzungen, damit tatsächlich von einem Diskurs gesprochen werden kann.

Zu unterscheiden sind die Argumentationstypen zur Einlösung des Geltungsanspruchs:

  • theoretischer Diskurs
  • moralisch-praktischer Diskurs
  • ästhetische Kritik
  • therapeutische Kritik
  • sinnexplikative Kritik

Diese Argumentationstypen unterscheiden sich bezüglich des Kommunikationsmodus (kognitiv, moralisch-praktisch, evaluativ, expressiv), des thematischen Geltungsanspruches (Wahrheit, Richtigkeit von Handlungsnormen, Angemessenheit von Wertstandards, Wahrhaftigkeit und Verständlichkeit) und des Weltbezuges (objektive Welt, soziale Welt, soziale Welt, subjektive Innenwelt und Sprache).

Es stellt sich beispielsweise die Frage, wie in den Sozialwissenschaften zwischen einem theoretischen und einem moralisch-praktischen Diskurs klar differenziert werden kann. Dies exemplarisch dafür, dass die Differenzierung grundsätzlich schwer fällt.

Zur Verdeutlichung: Bei Verständlichkeit, als thematischem Geltungsanspruch, und sinnexplikativem Diskurs, als Argumentationstyp zur Einlösung des Geltungsanspruchs, wäre eine mögliche Frage, wie ein Text ausgelegt werden muss. Beispielsweise müssen Gesetzestexte interpretiert werden, wenn sich die Frage stellt, ob ein Tatbestand sich unter diese Gesetzesnorm subsumieren lässt. Um eine solche Frage könnte sich also ein argumentativer Diskurs entfachen.

Eine These von Jürgen Habermas ist, dass Geltungsansprüche und entsprechende Argumentationstypen nicht in allen Gesellschaften sauber unterschieden werden. In archaischen Gesellschaften seien etwa die Geltungsansprüche miteinander verschmolzen. Aus Sicht des Mittelalters könnte etwa der Geltungsanspruch “Wahrheit” problematisiert werden, für Aussagen, die als ketzerisch eingestuft werden konnten.

Typologie des Handelns vor dem Hintergrund des kommunikativen Handlungsbegriffs. Quelle: Schneider, Wolfgang (2005), Grundlagen der soziologischen Theorie: Band 2: Garfinkel – RC – Habermas – Luhmann, S. 208

Typologie des Handelns vor dem Hintergrund des kommunikativen Handlungsbegriffs.
Quelle: Schneider, Wolfgang (2005), Grundlagen der soziologischen Theorie: Band 2: Garfinkel – RC – Habermas – Luhmann, S. 208

Aus dieser Darstellung ist, dank des Einbezugs der dem Handlungsbegriff korrespondierenden Geltungsansprüche, ersichtlich, dass die Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas einen umfassenden Anspruch erhebt und die anderen Handlungsbegriffe als Reduktionsformen kommunikativen Handelns dargestellt werden können. Dies lässt sich insbesondere darauf zurückführen, dass die Handlungstheorie von Jürgen Habermas zu einem späteren Zeitpunkt entwickelt wurde, als die bislang behandelten Theorien, etwa von Goffmann, Parsons oder gar Max Weber.

Soweit zu Jürgen Habermas in der Veranstaltung Handlungstheorie. In meinem nächsten, zusammenfassenden Blogbeitrag, wird es um Alfred Schütz gehen, und um die Frage, wie man von einer Analyse einzelner Sprechakte zu einer Gesellschaftstheorie kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.