Integrative sozialökonomische Wirtschaftsethik

Meine Wahrnehmung in diesem Bereich könnte falsch sein, aber gefühlt sind spätestens seit der Banken- und Finanzkrise, die 2007 als US-Immobilienkrise begann, stärkere Stimmen wahrzunehmen, die die Form des Wirtschaftens in modernen Gesellschaften hinterfragen. Eine Konsequenz davon ist die Konjunktur von Lehrstühlen für Wirtschafts- und Unternehmensethik an betriebswirtschaftlichen Fakultäten.

In diesem Sommersemester hatte ich die Gelegenheit eine Lehrveranstaltung zu Wirtschafts- und Unternehmensethik bei Prof. Dr. Dirk Ulrich Gilbert zu besuchen. Bestandteil waren darin unter anderem die Behandlung der integrativen Wirtschaftsethik nach Prof. Dr. Peter Ulrich, die ich kurz skizzieren und vom Ansatz der ökonomischen Institutionenethik von Prof. Dr. Dr. Karl Homann abgrenzen möchte.

Ulrich geht davon aus, dass ein bestimmtes Wirtschaftsethos global als normative Orientierung fungiert, welches Ideologieträchtig sei, weil es nicht reflektiert wird (Ulrich S.61). Damit ist gemeint, dass das marktwirtschaftliche System als selbstverständlich hingenommen wird, obwohl die Etablierung und Beibehaltung eines solchen Systems willkürlichen Handlungen folgt, also auch alternative Systeme zulassen würde. Die Möglichkeit sichtbar zu machen, das bestehende marktwirtschaftliche System hinterfragen zu können, sieht Ulrich als Hauptaufgabe moderner Wirtschaftsethik an (ebd. S.61).

Die Konsequenz dieser Überlegung wäre es, eine neue sozialökonomische Rationalität auf Basis eines normativen, ethischen Unterbaus zu suchen und umzusetzen. Diesen Ansatz bezeichnet Ullrich als integrative Wirtschaftsethik und stellt sie anderen wirtschafts- und unternehmensethischen Ansätzen entgegen, bei denen Ethik entweder einer zu viel gewordenen Ökonomie entgegensetzt wird (korrektive Wirtschaftsethik), oder bei denen Ethik in Form von normativen Handlungslogik einem marktwirtschaftlichen System, welches selbst nicht als unethisch eingestuft wird, beigefügt wird (funktionalistische Wirtschaftsethik) (ebd., vgl. S. 62).

Der ökonomische Denkstil wähnt sich wertfrei... Foto "Armut in Lübeck" von Jean Pierre Hintze; Lizenz CC 2.0: BY, SA

Der ökonomische Denkstil wähnt sich wertfrei…
Foto “Armut in Lübeck” von Jean Pierre Hintze; Lizenz CC 2.0: BY, SA

Ein wirtschaftsethischer Ansatz, den Ulrich wohl als funktionalistisch einstufen würde, ist die ökonomische Institutionenethik von Prof. Dr. Dr. Karl Homann.

Die ökonomische Insitutionenethik zeichnet sich dadurch aus, dass Marktwirtschaft, bzw. Wettbewerb an sich als ethisch betrachtet wird, insofern, als dass moralisch bewertete Ziele als Nebenprodukt von Eigeninteressen erreicht werden können, sofern die Handlungsbedingungen  nicht zu Dilemmastrukturen bei den Akteuren führen (vgl. Homann, S. 29).

Die Marktwirtschaft soll sich also innerhalb von Spielregeln befinden, die verhindern, dass sich Akteure unmoralisch verhalten, weil ihnen dies kurzfristige Gewinne verspricht. Tatsächlich würden sich Akteure, entsprechend des Gefangenendilemmas, langfristig besser stellen, also mehr Rendite erwirtschaften, wenn durch die Ordnung der Wirtschaft sichergestellt wäre, dass sich Handelnde nicht durch unsolidarisches Verhalten unrechtmäßige Vorteile gegenüber Konkurrenten verschaffen könnten. Die Leitidee der Solidarität soll dabei das oberste Ziel der marktwirtschaftlichen Ordnung sein, was “sittlich geboten (sei), weil die Marktwirtschaft das beste bisher bekannte Instrument zur Verwirklichung der Solidarität aller Menschen ist.” (ebd. S. 56).

Soweit ein kurzer Einblick in zwei sehr unterschiedliche Ansätze von Wirtschafts- und Unternehmensethik. Mein persönlicher Favorit ist dabei die integrative Wirtschaftsethik von Ulrich, weil aus dieser Sichtweise nichts unhinterfragt bleibt und alles zur Diskussion gestellt wird. Tatsächlich macht diese aber nur einen Vorschlag, wie ein moralisch richtiges Wirtschaftssystem gefunden werden sollte (er verweist dabei für die praktische Suche eines moralischen Systems auf die Diskursethik von Jürgen Habermas).
Ob tatsächlich beim derzeitigen Stand der Menschheit ein gerechteres, bzw. ethisch und moralisch höherwertigeres, Wirtschaftssystem gefunden und erfolgreich etabliert werden kann bleibt dabei unbeantwortet. Insofern scheint der Ansatz von Homann doch wesentlich praktikabler, auch wenn ich Teile seiner Ansichten, beispielsweise dass der Niedergang des empirischen Sozialismus nach 1989 ein Beweis für die Überlegenheit marktwirtschaftlicher Systeme sei (vgl. ebd. S. 25), für fragwürdig halte.

Literatur:
Homann, Karl / Lütge, Christoph (2005): Einführung in die Wirtschaftsethik, 2. Auflage. Münster, S.24-88.
Ulrich, Peter (2008): Auf der Suche nach der ganzen ökonomischen Vernunft. In: Kersting, Wolfgang: Moral und Kapital. Grundfragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik, Paderborn, S.61-75.

3 Gedanken zu „Integrative sozialökonomische Wirtschaftsethik

  1. Heute, unter der Herrschaft der Monopole, widerstreitet die Betätigung des Eigennutzes oft genug dem gemeinen Wohl. Daher die gut gemeinten Ratschläge der Moralisten und Ethiker, den Eigennutz zu bekämpfen. Sie haben nicht begriffen, dass der Eigennutz an und für sich durchaus am Platze ist, und dass es nur einige rein technische Mängel unserer Wirtschaft sind, derentwegen der Eigennutz so häufig zu Ungerechtigkeiten führt. In einer monopolbefreiten Wirtschaft hingegen, in der es nur eine Art des Einkommens, den Lohn, geben wird, laufen Eigennutz und Gemeinnutz dauernd parallel. Je mehr die Einzelnen dann, ihrem Eigennutz gehorchend, arbeiten, umso besser werden sie den Interessen der Allgemeinheit dienen.

    Der heutige endlose Widerstreit zwischen Eigennutz und Gemeinnutzen ist eine ganz zwangsläufige Folge des herrschenden Geldstreik- und Bodenmonopols. Eine von diesen beiden Monopolen befreite Wirtschaft entzieht diesem Widerstreit für immer die Grundlage, weil in ihr der Mensch aus Eigennutz stets so handeln wird, wie es das Gemeininteresse erfordert. Die seit Jahrtausenden von Religionsgründern, Religionslehrern, Philosophen, Moralisten usw. aufrecht erhaltene Lehre von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur wegen ihrer Eigennützigkeit findet damit ein für allemal ihr Ende. Es ist keineswegs notwendig, dass wir, diesen Lehren folgend, uns durch Äonen hindurch abmühen, um uns selbst zu überwinden, um eines Tages vielleicht doch noch gemeinnützig zu werden – sondern wir können schon jetzt, heute, in dieser Stunde, die Verbrüderung der bisherigen Widersacher Eigennutz und Gemeinnutz vollziehen. Es ist dazu nicht erforderlich, dass wir den Menschen reformieren, es genügt vielmehr, wenn wir das fehlerhafte Menschenwerk, unser Geldwesen und Bodenrecht, ändern.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/12/die-losung-der-sozialen-frage.html

    Wie schon Friedrich Nietzsche – ohne dass er eine Vorstellung von Makroökonomie hatte, was seine Leistung umso erstaunlicher macht – in seiner “Genealogie der Moral” beschrieb, kann die letztlich sinnfreie Polarisierung in “gut” und “böse” als die Hauptursache angesehen werden, warum der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation bis heute auf sich warten lässt:

    http://www.deweles.de/willkommen/apokalypse.html

  2. Hallo Stefan Wehmeier,

    so lange die Kommentare meiner Leser_Innen inhaltlichen Bezug zu meinen Blogbeiträgen haben, lasse ich diese gerne zu, auch wenn es sich in meinen Augen um verblendeten, ideologisch geprägten, Nonsens handelt. Schon die Aussage, dass nicht begriffen wurde, dass Eigennutz an und für sich durchaus am Platze sei, zeigt, dass mein Blogbeitrag nicht, oder nicht vollständig, gelesen wurde.

    Trotzdem noch einen schönen Tag!

    Gruß
    Michael

  3. Hallo Michael Karbacher,

    ein “inhaltlicher Bezug” ist leider nicht möglich, denn Ihr Blogbeitrag hat keinen wissenschaftlichen Inhalt. Es gibt gar keine “Wirtschaftsethik”. Es geht allein darum, die makroökonomischen Rahmenbedingungen (die Geld- und die Bodenordnung) genau so einzustellen, dass es automatisch das Beste für alle bedeutet, wenn jeder Einzelne nur das Beste für sich anstrebt (Gemeinnutz = Eigennutz)! Die so genannte “Moral” oder “Ethik” verliert damit jede Bedeutung. Das habe ich Ihnen mit meinem Kommentar bewiesen, was Sie nicht wahrhaben wollen, und deshalb reagieren Sie ärgerlich.

    Ohne die wirkliche Basis allen menschlichen Zusammenlebens und die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung (Makroökonomie und Geld) zu verstehen,…

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/marktgerechtigkeit.html

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/01/geldtheorie.html

    …hängt die “Wissenschaft” der Soziologie frei im Raum und kann immer nur zu sinnfreien Aussagen führen.

    Ich sage nicht “denken Sie mal darüber nach”, sondern: Hören Sie auf, sich zu ärgern, und fangen Sie mit dem selbständigen Denken an! Dazu bedarf es der “Auferstehung aus dem geistigen Tod der Religion”:

    http://www.swupload.com/data/Das-Juengste-Gericht.pdf

    Mit freiwirtschaftlichem Gruß

    Stefan Wehmeier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.