Harold Garfinkel – Kommunikative Dekonstruktion von Intersubjektivität

Professor Dr. Ludwig Schneider leitet die Skizzierung der Perspektive von Harold Garfinkel ein, mit der Herleitung, dass bei George Herbert Mead alles daraufhin ausgerichtet ist, zu erklären, wie Intersubjektivität auf der Ebene gemeinsam geteilten subjektiven Sinnes möglich ist.
Da der “generalised other” bei Mead seinen Schwerpunkt in der Ebene der regelgeleiteten Kommunikation (game-Phase) hat, könnte man davon ausgehen, als Vereinfachung, dass gleich sozialisierte Menschen, mit dem gleichen subjektiven Sinn sozialisiert werden.
Zurückdenkend an Alfred Schütz ist jedoch die “Generalthese reziproker Perspektiven” eine Idealisierung, die Handelnde vornehmen müssen, um Handeln aufeinander abzustimmen. Diese Idealisierung, die durch Individuen vorgenommen wird, kann sich als falsch erweisen kann. In bestimmten Fällen ist das Risiko Missverständnissen zu unterliegen sehr hoch, insbesondere wenn zu viele Annahmen über das Vorverständnis des anderen getroffen werden.

Daraus ergibt sich die Frage, ob die Auswahl von Typisierungen auf Seiten der Interaktionspartner grundsätzlich so geartet ist, dass sich Schwierigkeiten ergeben. Harold Garfinkel versucht diese Hypothese empirisch durch Experimente sichtbar zu machen. In diesen Experimenten wird versucht, systematisch, Krisen zu provozieren.

Harold Garfinkel hat seine Studierenden damit beauftragt, Tic Tac Toe mit Versuchspersonen zu spielen. Sie wurden angewiesen, eine offene Regelverletzung vorzunehmen. Sie sollten das Kreuz (oder den Kreis) der anderen Person ausradieren und ihr eigenes Zeichen an diese Stelle setzen.

Was passiert, wenn Spielregeln offen verletzt werden? Tic-Tac-Toe; Foto von Katie Walker; Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Was passiert, wenn Spielregeln offen verletzt werden?
Tic-Tac-Toe; Foto von Katie Walker; Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Wie soll nun die Versuchsperson den subjektiven Sinn dieser Handlung, die offensichtliche Regelverletzung, interpretieren?
Harold Garfinkel wollte beobachten, wie Personen darauf reagieren. Zu den Reaktionen gehörten Verärgerung, Unverständnis und Verwunderung.

In diesem Experiment hatten die Spielregeln den Charakter, bzw. die Bedeutung von Normen. Andererseits dienen die Regeln als Einrichtung der Sinninterpretation – als Verknüpfung eines Verhaltens mit einem subjektiven Sinn.

Um diese erste Skizzierung besser einordnen zu können, verknüpft Prof. Dr. Schneider die empirische Herangehensweise Garfinkels mit Alfred Schütz und Talcott Parsons, deren Schüler Harold Garfinkel war. Bei Talcott Parsons stand noch das Problem sozialer Ordnung im Fokus, was bei ihm durch die gemeinsame Orientierung an normativen Standards gelöst ist. Harold Garfinkel ist stärker im Theorieuniversum von Alfred Schütz zu verorten, hat aber noch insoweit Kontakt zur Theorie von Parsons, als dass er danach fragt, welchen Gestaltwechsel das Problem sozialer Ordnung nach der Theorie von Alfred Schütz erfährt.

Er erklärt soziale Ordnung durch die regelgeleiteten Aktivitäten des Alltagslebens. Die Mitglieder der Gesellschaft erleben die Regeln moralischer Ordnung als selbstverständliche Alltagshandlungen. Harold Garfinkel spricht ferner von natürlichen Tatsachen des Lebens. Die Regeln erscheinen den Akteuren also nicht als soziale Normen, sondern als Selbstverständlichkeiten.

Harold Garfinkel möchte auf empirischem Wege erfahren, wie das Problem sozialer Ordnung kontinuierlich gelöst wird, an Stellen, an denen es durch Störungen manifest wird.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Da in den empirischen Tic-Tac-Toe Experimenten Harold Garfinkels keine Möglichkeit der Interpretation, innerhalb der Spielregeln, bestand, auch nicht als Spielbetrug, weil die Handlung sehr offensichtlich geschah, schienen die Spielzüge (ausradieren eines gesetzten Zeichens und Ersatz) als sinnlos.

Da in den Experimenten Störungen in artifizielle Situationen eingeführt werden, könnte man einwerfen, dass hier keine relevanten Übertragungen auf das alltägliche Leben möglich sind.
Harold Garfinkel hat diese Experimente jedoch lediglich als Anlass genommen um daraus Erkenntnisse über mögliche Basisregeln zu gewinnen und ob derartige Basisregeln auch in alltäglichen Situationen anzutreffen sind.

Die Antwort, die Garfinkel auf diese Frage gegeben hat, ist, dass die Generalthese reziproker Perspektiven, wie kennengelernt bei Alfred Schütz, eine Basisregel alltäglicher Kommunikation ist.
Wenn man versucht, diese Generalthese in alltäglichen Situationen zu durchbrechen, müsste dies durch ähnliche Verstöße wie in der Experimentsituation geschehen.

Ein Beispiel zwischen Personen A und B (die sich gut kennen) aus einem Alltagsgespräch könnte sein:

A: Ich hatte einen platten Reifen.
B: Was meinst du damit, “ein platter Reifen”?

Die Aussage von B macht hier keinen Sinn, weil sie unterstellt, dass die Aussage von A für den Adressaten (B) nicht verständlich ist. Als wüsste er nicht, was ein platter Reifen ist.
Die Versuchsperson A schien zunächst verblüfft und deutete Unverständnis darüber an, wie der Ausdruck “platter Reifen” nicht verstanden werden kann.

A: Was für eine verrückte Frage!

Durch diese Aussage wird angedeutet, dass keine normale Deutung der Frage zugewiesen werden kann. Bei ähnlich gelagerten Situationen wird teils am Geisteszustand der Person gezweifelt, die den Regelverstoß begeht.

In etwa formuliert Prof. Dr. Schneider: Dass die Motive des Regelverstoßenden für eine solche Frage nicht nachvollziehbar sind, bedeutet, dass der Versuch der Markierung einer Störung im Bereich der Übereinstimmung der Auslegungsrelevanzen weiter verarbeitet wird innerhalb einer Kommunikation, als eine Störung im Bereich der motivationalen Relevanzen.

Damit ist m.E. angedeutet, dass es nicht bei der Interpretation des Gesagten bleibt, sondern dass darüber hinaus Motivation für die unverständliche Aussage oder Frage gesucht wird. Teils bis zur Unterstellung von abnormalen Motiven (wie beispielsweise Geisteskrankheit).

In diesen empirischen Untersuchungen wurden Störungen provoziert, die aus Perspektive der Versuchspersonen völlig unplausibel waren. Daher waren auch keine leichten Reparaturen möglich.

Soweit der Einstieg in die Theorie kommunikativer Dekonstruktion von Intersubjektivität.

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