George Herbert Mead – Handlungssinn als Produkt sozialer Interaktion

Bislang wurde Handlungssinn in den Mitschnitten der Veranstaltung Handlungstheorie definiert, durch die Sinnvermeinung der Akteure im subjektiven Sinn. Handlungssinn ist also der Sinn, den Akteure selbst mit ihrem Handeln verbinden. Interaktion wurde definiert als der Prozess, in dem die subjektiven Sinnzuschreibungen, die Akteure mit ihrem Handeln verbinden, so miteinander verknüpft werden, das auch andere den Sinn in ausreichender Weise erraten.

Aus der Formulierung “Handlungssinn als Produkt sozialer Interaktion” lässt sich herauslesen, dass Sinn bei Mead erst durch den Kontext der Interaktion entsteht, so jedenfalls seine These. Die Abhängigkeitsbeziehung wird also umgekehrt, so dass sie so zu verstehen ist, dass Sinn, also intersubjektiv erzeugter Sinn, entsteht, und erst dann verinnerlicht, also subjektiviert wird.

Mead geht von einem elementaren Schema aus, das die objektive Sinnstruktur der Gestenkommunikation beschreibt. Zwei Organismen, die einander gegenüberstehen, vollziehen bestimmte Gesten und handeln den Sinn gemeinsam aus.
Der Begriff “Organismen” ist von Mead bewusst gewählt und soll verdeutlichen, dass die Individuen mit ihren Handlungen, bzw. Gesten, erst nach einem Aushandlungsprozess zu einem subjektiven Sinn kommen, der aus dem intersubjektiven Sinn, bzw. dem objektiv entstandenen Sinn, abgeleitet ist.

Mit diesem Video lässt sich diese These möglicherweise nachvollziehen:

Gesten, etwa der Knochen im Maul des Hundes auf der linken Seite, werden von anderen Akteur interpretiert. Was im Video leider noch fehlt, ist die Verdeutlichung, dass erst durch die Reaktion auf die Geste objektiver Sinn entsteht, den anschließend dann die Akteure auch verstanden haben, was nichts anderes meint, dass die Akteure ein subjektives Verständnis davon erlangen, was die Geste objektiv bedeutet.

Als Gedankenexperiment: Zwei Wesen sind noch nicht in der Lage, mit Verhalten Sinn zu verknüpfen. Jedoch verfügen diese Wesen, als Produkt biologischer Evolution, über bestimmte Verhaltensprogramme. Sie treten immer wieder in Interaktionen ein. Ferner gehen wir davon aus, dass beide Organismen auf der Basis der Interaktionen lernen können, also Erwartungen ausbilden.
Ein Ergebnis könnte dann sein, dass die Organismen in der Lage sind, mit ihren Gesten bestimmte Handlungsreaktionen zu beabsichtigen. So lässt sich erklären, wieso es zunächst so scheinen mag, dass bereits in einer vorgenommenen Handlung subjektiver Sinn vorhanden ist, was nach der These von Mead ja eigentlich nicht zutrifft. Subjektiver Sinn, der Interaktionen vorgelagert ist, wäre also eine Konsequenz aus bereits früher ausgehandelten Sinnobjektivierungen.

Vor diesem Hintergrund lässt sich auch erklären, weshalb der symbolische Interaktionismus von Mead auch eine der wichtigen Sozialisationstheorien in der Soziologie sind.

Schreien, als Geste eine Kleinkindes beispielsweise, könnte verschiedene Möglichkeiten anzeigen. Körperliches Unwohlsein aufgrund von Krankheit, Hunger, etc..
Wenn man dann als Reaktion versucht, das Kind zu füttern, ist dies Ausdruck einer Deutung des Verhaltens und erzeugt eine Interaktionssequenz. Das Kind kann daraufhin Erwartungen ausbilden und mit zunehmender Ausbildung des Bewusstseins wird es zukünftig dann möglicherweise nicht einfach schreien, nur als Ausdruck körperlichen Unwohlseins, sondern als ganz bewusste Handlung, um gefüttert zu werden, die aufgrund der Erinnerung ausgeführt wird, dass das Verhalten (schreien) in der Vergangenheit bestimmte Reaktionen (füttern) ausgelöst hat.

Wichtig ist hierbei insbesondere die Unterstellung, dass es sich nicht lediglich um eine Synchronisation von Verhaltensprogrammen handelt, wie etwa bei Instiktverhalten, sondern um sinnstrukturierte Verhaltensweisen.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Die Argumentationsfigur Meads gilt es weiter auszufüllen.

Das Modell der Gestenkommunikation Meads lässt sich sowohl auf die Beschreibung der Kommunikation von menschlichen, als auch nichtmenschlichen Organismen anwenden.

Wenn das Verhalten von Tieren deutend beobachtet wird, stellt sich die Frage, inwiefern der Bedeutungsaspekt innerhalb der Interaktion, von Tieren selbst realisiert wird. Nur wenn dies geschieht, also der Status einer Reaktionsankündigung realisiert wird, kann der Geste ein Sinn, bzw. eine Bedeutung, innerhalb der Interaktion der Tieren unterstellt werden. Nur unter dieser Voraussetzung kann die Reaktion auch verhältnismäßig erfolgen.
Ein Fluchtverhalten ist beispielsweise eine von verschiedenen angemessenen Reaktion auf eine Drohung. Bestimmte Reaktionsverhalten lassen sich mit einer gewissen Regelmäßigkeit beobachten, die eine Zufälligkeit unwahrscheinlich machen.
Wie ist der sinnhafte Zuschnitt der Reaktion zu erklären?
In der Biologie würde dies vermutlich durch Selektionsmechanismen erklärt werden. Tiere, die anders reagieren würden, haben verminderte Lebenschancen und sterben aus.
Mead fragt sich, unter welchen Voraussetzungen der objektiv strukturell verkörperte Sinn zu einem subjektiven Sinn wird.
Mead meint hierzu, dass wenn sich ein komplexes zentrales Nervensystem entwickelt, das zulässt, dass vergangene Verhalten mit zukünftigen Verhalten verknüpft werden, kann objektiver Sinn in subjektive Sinn umgewandelt werden. Wie dies (auch biologisch) genau von statten gegangen ist, ist bei Mead nicht herauszulesen.

Eine Voraussetzung dafür, objektiven Sinn zu subjektivem Sinn werden zu lassen ist ein Bewusstsein für das eigene Selbst.
Selbstbewusstsein unterstellt einen Dualismus zwischen demjenigen der spricht und demjenigen, auf den sich der Sprecher bezieht.
Der Bezug kann dabei auch auf die eigene Person erfolgen. Wenn ich beispielsweise über mein Studium nachdenke, beziehe ich mich dabei auf mich selbst.
Um zu erklären, wie dieser reflexive Selbstbezug, der Voraussetzung für die Fähigkeit ist, Absichten zu entwickeln, die man sich selbst zuschreibt, entstanden ist, macht Mead weiter vom Gebrauch der Integrationsfigur gebrauch.
Mead geht davon aus, dass das Selbstbewusstsein dialogisch strukturiert ist, also die Form inneren Sprechens hat. Es entsteht durch die eigene Reaktion auf andere.
Mit der Verinnerlichung der Reaktion anderer, übernimmt man selbst die Perspektive anderer Personen auf das eigene Verhalten, und damit eine Relation zu sich selbst.
Dabei ist zu unterscheiden zwischen der Übernahme der Perspektive bestimmter anderer, also zunächst etwa spezifischer sozialisatorischer Bezugspersonen, oder der Perspektive allgemeinerer Einheiten.
Mead unterscheidet zwischen einem specific other und einem generalised other. Es gibt verschiedene Abstraktionsstufen der Konstruktion eines generalisierten Anderen, etwa in der Zeit, oder über Individuen hinweg, oder nur über Handlungsmuster.

Play und Game sind wichtige Elemente bei George Herbert Mead. Foto von Rod (irodman), http://www.flickr.com/photos/streetwalker/8336863/ Lizenz: CC: BY, SA, NC (3.0)

Play und Game sind wichtige Elemente bei George Herbert Mead.
Foto von Rod (irodman), http://www.flickr.com/photos/streetwalker/8336863/
Lizenz: CC: BY, SA, NC (3.0)

Die Entwicklung der Übernahme der Perspektive anderer, unterscheidet Mead in die drei Stufen: play, game und universelle Kooperation.

Zunächst wird in der Play-Stufe die Erfahrung mit der/n sozialisatorischen Bezugsperson(en) verinnerlicht. Auf dieser Stufe ist das Kind noch strukturell egozentrisch und kann keine Entscheidung darüber treffen, ob Verhalten die als angenehm oder unangenehm wahrgenommen werden, als richtig oder falsch einzustufen sind.

In der Stufe des Game, bzw. der regelgeleiteten Kommunikation, ist die Fähigkeit entwickelt, zwischen Standardmustern und tatsächlich beobachtetem Verhalten zu unterscheiden. Entsprechend ist hier die Unterscheidung zwischen richtig oder falsch möglich, auch in Bezug auf das eigene Handeln.
Es stellt sich die Frage, welche Möglichkeiten bestehen, wenn in dieser Phase keine gemeinsamen Regeln zur Verfügung stehen, beispielsweise weil die Akteure unterschiedlich sozialisiert wurden und dementsprechend Handeln anders verinnerlicht haben.

Dieser Fall wird durch die Phase der universellen Kooperation skizziert. Es wird darin durch die Akteure versucht, im bestehenden Diskursuniversum auf Basis rationaler Entscheidungen, übergeordnete Regeln zu finden.
Im Bereich der Moralphilosophie etwa, wird versucht, Prinzipien zu finden, die Handlungen übergeordnet sind, und diese zu bewerten helfen.

Soweit der Einstieg in die Theorien von George Herbert Mead. Wie angekündigt werde ich dieses Thema nochmals für ein Referat über Sozialisation nach Nichtversetzung aufgreifen, wobei ich mich darin auch noch stark mit Herbert Blumer befassen werde. In der nächsten Sitzung der Veranstaltung Handlungstheorie wird es um Harold Garfinkel gehen.

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