ePortfolios als Prüfungsleistung – Möglichkeiten und Grenzen

Hier und da habe ich vorsichtig angedeutet, dass bestimmte Formen von ePortfolios ja möglicherweise auch als Prüfungsleistung herangezogen werden könnten, um eine Abkehr vom Bulimielernen zu erreichen und Studierende bei einer nachhaltigeren Form der Auseinandersetzung mit Studieninhalten zu untersützen. Es gibt unterschiedlichste Einsatzszenarien für ePortfolios, wenn ich also im nachfolgenden darstelle, dass sich ePortfolios für diverse Module und Veranstaltungen, entsprechend der genannten Prüfungsordnung, nicht als Klausurersatz eignen, dann ist damit noch nichts darüber gesagt, ob nicht andere Formen der ePortfolioarbeit hervorragend in diese Veranstaltungen integrierbar wären! Ich unterscheide zwischen persönlichen, z.B. studienbegleitenden ePortfolios und ePortfolioklausuren.

Anhand der Prüfungsordnung (in der aktuellen Fassung, gültig seit 2008) für den Fachbereich (FB) Sozialökonomie der Universität Hamburg möchte ich exemplarisch einige Möglichkeiten und Grenzen aufzeigen.

  • Zweck der Prüfungen

§2 Abs.1 Der Prüfungsordnung für den FB Sozialökonomie stellt das Ziel des Studiengangs und den Zweck der Prüfungen klar:

Das Bachelor- und Masterstudium soll den Studentinnen bzw. Studenten die Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, die erforderlich sind, um politische, soziale, rechtliche und ökonomische Zusammenhänge zu überblicken, übergreifende Probleme zu lösen sowie wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse selbständig anzuwenden. Die Prüfungen sollen feststellen, ob die Studentin bzw. der Student diese Kenntnisse und Fähigkeiten erworben hat, und zwar je nach angestrebtem Grad auf einem unterschiedlichen Niveau bzw. in einer unterschiedlichen Ausrichtung und Spezialisierung.

  • Prüfungsleistungen im ersten Studienjahr

§11 Abs. 4 besagt, dass Prüfungsleistungen des ersten Studienjahres, ohne Benotung, lediglich mit “bestanden” oder “nicht bestanden” bewertet werden. Das wären theoretisch hervorragende Voraussetzungen um für Veranstaltungen des ersten Studienjahres ePortfolios als Klausurersatz heranzuziehen, wäre da nicht §22, der für jede Veranstaltung entweder den Abschluss durch eine Klausur, oder teilweise durch eine Hausarbeit vorschreibt. Da ePortfolios wohl weder als Klausuren noch als Hausarbeiten zu werten sind, eignen sich ePortfolios meines Erachtens nicht um als Prüfungsleistungen im ersten Studienjahr Sozialökonomie herangezogen zu werden (jedenfalls nicht ohne vorherige Änderung der Prüfungsordnung).

  • Prüfungsleistungen im zweiten und dritten Studienjahr

§23 Abs. 8 legt folgendes fest:

Die Art der Leistungsnachweise bestimmen die Kursleiterinnen bzw. Kursleiter (bezogen auf eine vierstündige Lehrveranstaltung in der Regel
– Klausuren von mindestens 180, höchstens 240 Minuten Dauer, an-sonsten z.B.:
– protokollierte mündliche Prüfungen von 20-30 Minuten Dauer,
– Referate von etwa 15 Minuten Dauer mit einer 10-seitigen Verschriftlichung,
– Referate von etwa 15 Minuten Dauer mit einer mündlichen Prüfung von etwa 15 Minuten Dauer,
– Hausarbeiten in einem Umfang von 10 bis 12 Seiten).
Bei zweistündigen Lehrveranstaltungen halbiert sich die Bearbeitungszeit der Klausuren sowie der Umfang der Verschriftlichung eines Referats. Bei kurs-übergreifenden Arbeiten gemäß Absatz 10 kann der Umfang entsprechend verlängert werden.

Diese Regelungen sollten den Einsatz von ePortfolios als Klausurersatz meines Erachtens ermöglichen. Zunächst ist festzustellen, dass die Art des Leistungsnachweises grundsätzlich den Kursleiterinnen bzw. Kursleitern überlassen ist. Hier stellt sich lediglich noch die Frage, inwieweit denn das Abweichen von den genannten Regelfällen akzeptiert wird.

Doch selbst die genannten Regelfälle bieten Möglichkeiten um durch ePortfolios angereichert zu werden.

Ein Beispiel aus der Praxis liefert die TU Darmstadt. Dort werden teilweise mündliche Prüfungen auf ePortfoliobasis durchgeführt. Wie dies abläuft erklärte Prof. Dr. Regina Bruder im Rahmen eines Vortrages auf dem Fachforum ePortfolio der Goethe-Universität Frankfurt: Projekt dikopost – Digitales Kompetenzportfolio für Studierende.

Damit sind also grundsätzlich Voraussetzungen gegeben, die den Einsatz von ePortfolios als Klausurersatz möglich erscheinen lassen. Eine weitere Kleinigkeit gibt es jedoch noch zu berücksichtigen.

  • Benotung von ePortfolios

Hier wird es etwas haarig. §11 der Prüfungsordnung legt leider fest (mit der in §11 Abs. 4 genannten Ausnahme von Prüfungsleistungen des ersten Studienjahres), dass alle Prüfungsleistungen benotet werden.

Leistungsbeurteilung durch Noten ist grundsätzlich schwierig. Ein Einstieg in dieses Thema lieferte mir ein Podcast der TU Kaiserslautern in dem Prof. Dr. Henning Pätzold über Noten als Ergebnisse von Maßnahmen der Pädagogischen Diagnostik referiert.

Demnach sind für Diagnostik insbesondere drei Kriterien entscheidend: Objektivität, Reliabilität und Validität.

Objektiv ist dabei ein Urteil, wenn dieses unabhängig von der Person vorgenommen wurde, Reliabilität ist gegeben, wenn der Test unabhängig vom Zeitpunkt ist zu dem er erhoben wurde (keine Momentaufnahme) und valide sei er, wenn der Test misst, was er zu messen vorgiebt. Prof. Dr. Henning Pätzold betont dabei, dass Objektivität und Reliabilität der Validität unterzuordnen seien und dass es keine guten Leistungsbeurteilungen gibt, sondern dass das Ziel sein muss, eine möglichst wenig schlechte Lösung zu finden.

Für die Valididät lohnt sich an dieser Stelle erneut ein Blick in die Prüfungsordnung des FB Sozialökonomie, die ja den Zweck der Prüfungen nennt (siehe oben). Die Prüfungen sollen feststellen ob Studierende:

  • politische, soziale, rechtliche und ökonomische Zusammenhänge überblicken
  • übergreifende Probleme lösen
  • wissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse selbstständig anwenden

Das sollte sich wohl, je nachdem wie man ePortfolioarbeit integriert und dazu Aufgaben stellt, durchaus in einem ePortfolio feststellen lassen. An der grundsätzlichen Möglichkeit, ePortfolioklausuren valide gestalten zu können, habe ich jedenfalls keinen Zweifel.

Was die Reliabilität angeht, sollten ePortfolioklausuren-prüfungen gegenüber Standardklausuren sogar enorme Vorteile bieten, weil diese ja veranstaltungsbegleitend zu führen sind und demnach keine einmalige Arbeit am Ende des Semesters darstellen.

Was die Objektivität angeht bin ich etwas skeptisch. ePortfolios sehen in der Regel eine sehr individuelle Auseinandersetzung mit den jeweiligen Themen vor, als Prüfungsleistung hätten sie also einen verhältnismäßig hohen persönlichen Charakter, der die Objektivität gefährden könnte.

Für mich persönlich bleibt nur noch die Frage, woran man eine besonders gute ePortfolioklausur festmachen kann, bzw. wie hier sinnvolle Abstufungen zu wählen sind, die die Übersetzung in die von §11 Abs. 2 genannten Noten (von 1 = sehr gut bis 5 = nicht ausreichend) ermöglichen. Wie spiegeln sich beispielsweise durchschnittliche Anforderungen (Note befriedigend) in einer ePortfolioklausur wieder. Wann genügt eine ePortfolioklausur wegen erheblichen Mängeln den Anforderungen nicht mehr?

Möglicherweise kann man das erst anhand der Anforderungen konkreter Lehrveranstaltungen festmachen. Grundsätzlich steht einem Einsatz von ePortfolios als Klausurersatz in meinen Augen nichts grundlegendes entgegen, vermutlich müsste nur jemand damit anfangen.

Edit 17.01.2011: Erste Rückmeldungen die ich auf diesen Beitrag telefonisch und per Email erhalten habe (vielen Dank nochmals!!) haben mir nochmals die Probleme vor Augen geführt, die durch Benotungen von ePortfolios entstehen würden. Eine Frage, die ich noch nicht explizit behandelt habe ist ferner, wie sich ePortfolios als Basis für mündliche Prüfungen, entsprechend des Vorbilds der TU Darmstadt, auf Widerholungsklausuren bzw. Wiederholungsprüfungen auswirken würden.  Wer möchte darf auch gerne die Kommentarfunktion unter diesem Blogbeitrag benutzen um Feedback mitzuteilen.

3 Gedanken zu „ePortfolios als Prüfungsleistung – Möglichkeiten und Grenzen

  1. Daniel Spielmann sagt:

    Beim ePf-Workshop in Freiburg/Brsg. wurde von sehr positiven Resultaten einer summativen Produkt- und Prozessbewertung an der PH St. Gallen berichtet. Dort beschäftigt man sich seit Längerem mit der Frage der Bewertbarkeit von ePortfolios.

    http://api.ning.com/files/KrvBadVbpvzv**YYr8x6VA6PDxTBM6yM*qQUh5sHZlTlBl3aU1Hxs9T2ZDU5bMyxI9q9QWV8BhCNhfXTYAUdnB18XgzZdqaJ/Summative_Produkt_und_Prozessbewertung_von_EPortfolios_PH_St.Gallen2008.pdf

  2. Michael Karbacher sagt:

    Hallo Daniel,

    vielen Dank für diesen Hinweis, damit hat sich die Veröffentlichung meiner Überlegungen mal wieder gelohnt.

    Die unter “3.3 Instrumente” dargestellten Bewertungskriterien, die als Basis für die Verteilung von ETCS Punkten herangezogen werden, liefert ja schon eine Idee dafür, wie ePortfolios bewertet (benotet) werden könnten, um klassischen Klausuren und damit einigen negativen Konsequenzen aus dem Bolognaprozess den Garaus zu machen.

    Auf den ersten Blick müssten diese Kriterien allerdings erheblich auf den Zweck der Prüfung einzelner Veranstaltungen angepasst werden, um ein akzeptables Maß an Validität zu erreichen, der Einsatz von Multimedia, das Design, die Navigation und selbst Reflexion sind wohl in keinem Fall in den Prüfungsordnungen der Uni Hamburg als das zu prüfende Element genannt.

    Ich werde mich wohl noch tiefer informieren müssen. In dem verlinkten PDF sind einige Quellen genannt, die es zu sichten gilt.

    Danke nochmals!

    Gruß
    Michael

  3. Daniel Spielmann (@spani3l) sagt:

    Ja Michael, die verlinkten Seiten bieten einen guten Fundus und auf den Seiten der PHSG wirst du auch noch aktuellere Dokumente finden als das, welches ich oben erwähnte.

    Ich stimme dir zu – eine Anpassung an konkrete Veranstaltungen scheint angeraten. Die in dem Artikel dargestellten Bewertungskriterien stehen im Kontext des Studienbereichs “Berufs- und Studienkompetenzen” der PHSG und sind dort auch sinnvoll. Bei Überlegungen zur Anpassung von Bewertungskriterien finde ich Aspekte des Writing in the Disciplines-Ansatzes (etwa: Carter (2007) “Ways of Knowing, Doing and Writing in the Disciplines”) recht hilfreich: Erst überlegen, was Studierende am Ende einer Veranstaltung gelernt haben sollen, dann Aufgaben finden/konstruieren, die einen Erwerb der gewünschten Kompetenzen ermöglichen und für Assessmentzwecke schließlich überlegen, welches Lernerverhalten auf einen Erwerb dieser Kompetenzen rückschließen lässt.

    Insgesamt finde ich Überlegungen in diese Richtung (i.e. Etablierung von ePf als alternative “Prüfungs”leistung im BA/MA und damit (zum Glück) nötig werdende Schritte weg von einer bloßen Benotung zu einer prozesssensibleren Bewertung) gerade vor dem Hintergrund von Bologna nicht nur spannend, sondern auch durchaus angeraten. Angesichts der Reform nur zu Murren bringt uns nicht weiter; im ePf-Ansatz sehe ich da eine Möglichkeit, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen. Man kann sicher auch nach Bologna sehr spannende Sachen machen – man sollte sich aber eben evtl. auch auf Veränderung einlassen und nicht meinen, es könne alles bleiben wie gehabt. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir uns da relativ einig wären…

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