Einführung in die Systemtheorie: Das AGIL-Schema von Talcott Parsons

Nach “The Structure of Social Action” von 1937, hat sich Talcott Parsons in den 40er und frühen 50er Jahren zunächst der Theorie sozialer Systeme zugewandt und ist daher mit dem Strukturfunktionalismus in Berührung geraten, aus dem sich seine Theorie nur allmählich freigearbeitet hat. Niklas Luhmann meint, dass dies in Rückgriff auf die Vorstellung “Action is System” geschehen ist und es sich in den Kreuztabellen als Ergebnis darstellt. Darin wird dargestellt, dass vier Komponenten zusammenwirken müssen, damit eine Handlung entsteht.

Eine Darstellung dieser Kreuztabellen kann man hier finden. Da ich mir über die eingeräumten Nutzungsrechte nicht im klaren bin, verzichte ich darauf, das Bild hier direkt einzubetten.

In der Kreuztabelle werden je zwei Variablen gegenübergestellt.
Die Horizontale Achse steht für die handlungstheoretische Komponente des Satzes “Action is System”. “Instrumente” steht dabei für die Mittel des Handels und “Consummatory”, auch konsumatorisch, beschreibt, was Eintritt, wenn der Zweck erreicht ist und eine Perfektion des Systems zustandegekommen ist.
Die Vertikale Achse (Internal/External) steht für die systemtheoretische Komponente von “Action is System”.

Es gibt von Talcott Parsons selbst keine Anweisung für eine Deduktion der Inhalte dieser Kreuztabelle, sondern um plausible Benennungen dessen, was verstanden werden muss bezüglich der Kombination von Variablen.

Bei der Kombination von internaler und externaler Orientierung geht es um Anpassung. Das System instrumentalisiert die Außenbeziehungen und versucht einen Zustand zu erreichen in dem befriedigende Verhältnisse zwischen System und Umwelt hergestellt sind. Im Falle des sozialen Systems ist dies bei Parsons hauptsächlich die Wirtschaft.

In der Kombination von Außenbeziehungen und konsumatorischer Werteverwirklichung sieht Parsons “Goal attainment” (Zielerreichung) als relevant.
Im Bereich sozialer Systeme schreibt Parsons diese Aufgabe dabei dem Bereich der Politik zu.

Die Kombination von konsumatorisch und internaler Orientierung, wird als Integration charakterisiert. Ein System integriert Handeln und damit Handelnde, wenn es ihnen befriedigende konsumatorische Möglichkeiten beschafft.

Die Kombinationsmöglichkeit instrumentell und internal wird von Parsons mit dem merkwürdigen Ausdruck “latent pattern maintenance” versehen. Dahinter steht die Überlegung, dass Strukturen dauerhaft verfügbar sein müssen, wobei sie nicht ständig aktualisiert werden. Es entsteht die Frage, wie garantiert werden kann, wie Strukturen aktualisiert werden können, auch wenn sie in Zwischenphasen latent bleiben. Für Parsons

Das Ergebnis dieser Überlegungen ist das oben verlinkte AGIL-Schema. Ein vier-Funktionen Schema: Adaptation, Goal attainment, Integration, Latent patternment.
Parsons besteht darauf, dass es nur diese vier Funktionen geben kann und dass diese eine Gesamtrepräsentation der Handlungsmöglichkeiten des Handlungssystems ermöglicht und dass alle Ausweitungen eine Artikulation dieses vier-Funktionen Schemas sei.

Parsons ist damit einer der großen Theoriekonstrukteure, die ein eigentümliches Konstruktionsmuster ausprobieren und dann sichtbar machen, was man mit dem Theoriemuster erreichen kann, wie sich das Design der Theorie auswirkt und wie es etwa zu einer dialektischen Theorie kontrastiert. Parsons ist damit die Sichtbarkeit einer gewissen Theoriearchitektur zu verdanken, was auch deren Kritik ermöglicht.

Parsons wird, entsprechend dieser Vorgaben, ermöglicht, eine Schwerpunktsetzung vorzunehmen. Talcott Parsons spricht hier vom Primat einer Funktion, wodurch ein System um eine Funktion herum gebildet wird. Beispielsweise um die Funktion Adaptation im Bereich der sozialen Realisierung von Handlung, ein System von Wirtschaft.

Wie kann aber ein solches System überhaupt ein System sein? Wie kann in einem solchen abgesonderten Komplex Handlung zustandekommen? Nach Parsons muss dazu wiederum auch in dem für Adaptation reservierten Bereich alle Funktionen erfüllt sein müssen. Also muss auch wirtschaftliches Handeln wieder eigene adaptive Funktionen erfüllen, eigene Ziele erreichen (goal attainment), es muss eigene Strukturen im Zustand von Latenz erhalten können (latent pattern maintenance) und es muss wiederum integriert sein.

Das AGIL Schema

Das AGIL-Schema (einfache Version).
Bild von Bernd Oliver Suenderhauf CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

Also kommen auch in jedem einzelnen, ausdifferenzierten, funktionsspezialisierten Systems, alle anderen Funktionen wieder vor.

Das führt zu dem Gesamttheorem, dass das System in sich selbst wiederholt werden kann. Aus jeder der vier Boxen, können also wiederum vier Teilsysteme entstehen, woraus wieder je vier Teilsysteme entstehen können.
Wie oft dies möglich ist, ist eine praktische Frage an die erreichbare Komplexität des Systems und der Handlungswirklichkeit. Darüber braucht man kein endgültiges Urteil zu fällen, bzw. ist die Theorie in diesem Fall offen, die Frage lässt sich empirisch entweder nachweisen oder nicht.

Diese irritierende und störende Multiplikationsvorschrift des Systems, in sich selbst hinein, bietet historische, aktuelle realistische Interpretationsmöglichkeiten. Parsons versucht in seinen Entwicklungsüberlegungen diese auszunutzen, was nur in dem Maße gelingen kann, die Boxen mit Plausibilität zu versorgen, also welche Realität hinter einer kombinatorischen Möglichkeit tatsächlich steckt. Hierin liegt die Schwierigkeit, da dieses Problem, wie geschildert, nicht deduktiv gelöst werden kann. Auch theoretische Kreativität ist hier gefordert.

Eine der bemerkenswerten Einsichten von Talcott Parsons ist, dass Systemreferenzen unterschieden werden müssen, man muss wissen, auf welcher Systemebene der Detaillierung des Gesamtkomplexes argumentiert wird.

Zur Veranschaulichung zunächst ein Beispiel aus der Ebene des allgemeinen Handlungssystem, welches die allgemeinste Ebene ist, die in dieser Theorie vorgesehen ist. An dieser Stelle wird eine spätere Theorie der Human Condition außer Acht gelassen.
Was garantiert die Möglichkeit von Handlung als solche? Hier ist die adaptive Funktion durch einen “behavioural organism” gesetzt. Damit ist nicht die ganze Biologie, etwa die Anatomie eines menschlichen Körpers gemeint, sondern lediglich das Verhalten, was ein Organismus leisten muss, um die Verhaltenskomponente des Handelns zustande zu bringen.
Der Handelnde wird also aufgelöst und ein Teil von ihm ist der behavioural organism. Parsons platziert den behavioural organism in die Box instrumentell/passiv. Dies lässt sich kritisieren, zeigt jedoch, dass der Organismus bei Parsons als die Komponente von Handeln gesehen wird, die sich Außenbedingungen anpasst und sich langfristige Gleichgewichte mit externen ökologischen Bedingungen sucht. Es zeigt, dass die Ökologie auf das Handeln nur in dem Sinne einwirkt, dass sie den behavioural organism beeinflusst, nicht aber den kulturellen Aspekt des Handelns. Beispielsweise muss die Temperatur konstant gehalten werden können, in Anpassung an die Umwelt, um das Gehirn mit Blut zu versorgen.
Die Box der Zielerreichung (goal attainment) ist beim allgemeinen Handlungssystem durch die Persönlichkeit besetzt. Es wird durch die Psyche kontrolliert, ob Handlungen befriedigend ablaufen, bzw. ob sie sich an der Zielerreichung erfreuen können. Auch hier gibt es den Doppeleffekt, einerseits zu Fragen, wieso ausgerechnet diese Box gewählt wird, andererseits entsteht dadurch ein Anreiz herauszufinden, welche Erkenntnisse sich aus dieser Zuordnung gewinnen lassen.
Die nächste Box kombiniert konsumatorische und internale Richtlinien. Parsons setzt hier das soziale System ein.
Wieso dient das soziale System der Integration, verstanden als Herstellung einer internen Ordnung unter Gegenwartsaspekten? Nach Parsons kommt es darauf an, die Handlungen verschiedener Organismen und Personensysteme miteinander zu kombinieren. Personen müssen mit ihren Beiträgen in ein Handlungsnetz, bestehend aus mehreren Personen, eingesetzt werden.
Für den Fall des latent pattern maintenance, bzw. für die Kombination von instrumenteller Organisierung mit internalen Orientierungen, also auf das Handlungssystems selbst, setzt Parsons Kultur ein. Der Kulturbegriff Parsons deckt auch die Wiederverwendung sprachlicher Reden, von Werkzeugen und anderer Kulturgüter mit ein.

Das allgemeine Handlungssystem wird also aufgeteilt in die Funktionssysteme: Adaption, Persönlichkeit, Soziales System und Kultur.

Das adaptive Subsystem des integrativen Subsystems des Handlungssystems wird als Wirtschaft bezeichnet. Es kommt zur Ausdifferenzierung dieses Komplexes immer dann, wenn langfristige Adaptierung des Handlungssystems an Umweltsituationen eine Rolle spielt. Grob gesagt, wenn es zu Kapitalbildung kommt, also wenn ein Geldmechanismus eingeführt wird, der dafür sorgt, dass man immer auf noch unvorhergesehene Umweltreaktionen reagieren kann.

Der Realismus dieser Konzeption liegt darin, dass der Geldmechanismus die zentrale Rolle für die Ausdifferenzierung des Systems spielt. Die evolutionäre Errungenschaft “Geld” hat überhaupt erst dazu geführt, dass sich Wirtschaft als Teilsystem ausdifferenziert und sich dadurch die Anpassungsbedingungen an die Umwelt verbessern.

Die goal attainment Funktion wird bei Parsons im Bereich des sozialen Systems definiert als Politik. Dies hat ebenfalls Kritik hervorgerufen, weil es mit vorangegangenen Definitionen von Politik kollidierte. Die Besonderheit der Politik liegt in der Sicherung konsumatorischer, also in sich gegenseitig befriedigende Zustände. Dies kollidiert mit dem “normalen” Politikbegriff, als eine instrumentelle Einrichtung, die immer bessere Leistungen und Sozialzustände zu erreichen versucht. Politik muss nach Parsons in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, die im Moment der Entscheidung kollektiv binden, also anerkannt werden, die befriedigen und die auf dem Glauben an Politiker beruhen.
Die Integrationsfunktion wird für das soziale System erfüllt durch “Gemeinschaft”…..

An dieser Stelle benötige ich eine kleine Denk- und Verschnaufpause 🙂 So weit also der Einstieg in das AGIL-Schema von Talcott Parsons…

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