Einführung in den Poststrukturalismus

Nachdem mir die Auseinandersetzung mit dem Poststrukturalismus bereits empfohlen wurde, als ich mich dazu entschlossen habe, Soziologie als Schwerpunkt zu wählen, habe ich besonders aufmerksam die kürzlich veröffentlichte Folge des CRE (Podcast von Tim Pritlove) mit dem Thema Poststrukturalismus 2 verfolgt, die eine Fortsetzung der Folge Poststrukturalismus 1 war.

Diese erste Folge (Poststrukturalismus1) möchte ich nachfolgend zusammenfassen. Natürlich erhebe ich keinen Anspruch darauf hier eine völlig richtige und umfassende Zusammenfassung zu geben, bzw. groß Ahnung von diesem Thema zu haben! Daher würde ich mich freuen, dass wenn einige Punkte der Zusammenfassung streitbar erscheinen, ihr mich auf diese Punkte hinzuweist.

Zur Einführung aber zunächst mal, was mein Lexikon zur Soziologie zu dem Thema zu sagen hat:

Poststrukturalismus, auch: Neostrukturalismus, aus Frankreich stammende Denkrichtung (J. Lacan, J. Derrida, G. Deleuze, J.-F. Lyotard, J. Baudrillard), die kritisch an den linguistisch-ethnologischen Strukturalismus (F. de Saussure, C. Lévi-Strauss) anschließt, diesen jedoch weniger in methodischer Hinsicht weiterführt, als ihn aus einer philosophischen Richtung heraus radikalisiert. Insoweit der P. die Auffassung vertritt, dass die Bedeutung eines Zeichens ein Effekt der Ausdrucksseite desselben ist, knüpft er an gängige Arbeitshypothesen des Strukturalismus an, der sich gegen die metaphysische Tradition wendet, die lautlichen Zeichen seien eine Widerspiegelung psychischer und kognitiver Prozesse. Hingegen bestreitet der P. die Möglichkeit, die überindividuelle Struktur eines Kommunikationszusammenhanges als theoretisch überschaubares und abgeschlossenes System zu begreifen und damit beherrschen zu können. Darin drückt sich selbst im Strukturalismus noch das Streben abendländischer Theorie aus, Natur wissenschaftlich-theoretisch verfügbar zu machen. Der P. lehnt dieses Denken als ein Denken in Begriffen der Macht ab. Philosophische Bedeutung für soziologische Fragestellungen gewinnt der P. hinsichtlich der Frage nach der Repräsentation des Sozialen als Sinnzusammenhang insoweit, als er die klassische Idee eines sinnerzeugenden Zentrums (einer organisierenden Subjektivität) bestreitet. V.K.

Quelle: Fuchs-Heinritz, T. / Klinke, D. / Lautmann, R. / Rammstedt, O. / Stäheli, U. / Weischer, C. / Wienold, H. (2011): Lexikon zur Soziologie, 5.A., Wiesbaden 2011.

Die Thematik Poststrukturalismus würde ich als starken Tobak und nicht ganz leicht zugänglich bezeichnen, die Definition aus dem Wörterbuch erschließt sich ohne Erklärung nicht. Der CRE91 hat dies in meinen Augen allerdings ganz gut aufgeschlüsselt:

Der Poststrukturalismus sei die Philosophie zur Postmoderne, was ja zunächst mal ein Epochenbegriff ist. Da stellt sich jedoch die Frage, wie sich diese Epoche definiert, wo sie änfängt und was sie ausmacht. Im Podcast werden einige schlüssige Beispiele aus Musik, Architektur und Mode genannt (z.B. New Wave, kantige moderne Architektur wird abgelöst durch “Zuckerbäckerarchitektur”, lockere Mode (z.B. Jeans) werden abgelöst durch formalisierte (leicht ironische) Anzüge), die  letztlich den Beginn der Postmoderne in Deutschland Mitte der 80er Jahre verorten.

Charakteristisch für die vorangegangene Epoche der Moderne seien das Momentum des Wandels, welches sich auch in neuen Kommunikationsformen und Technologie allgemein ausdrückt, welches allerdings nur ein Aspekt sei. Wichtiger ist das zugrundeliegende geistige Programm, nämlich die Aufklärung, die als Emanzipation des Menschen durch die von ihm geschaffenen Widrigkeiten erklärt wird.

Im Bereich der Philosophie lässt sich bis in die Moderne (nicht Postmoderne) hinein feststellen, dass über einen Zeitraum von 2500 Jahren grundlegende Fragen gleich geblieben sind und auch zeitgenössische Antworten nicht zwangläufig denen der antiken Philosophen überlegen sind. Es lässt sich also ein hohes Maß an Überzeitlichkeit der Philosophie ausmachen.

Immanuel Kant stellt in gewisser Hinsicht den Abschluss dieser Epoche dar. Seine entscheidenden Fragestellungen waren: “Was kann ich wissen?”, “Was darf ich tun?”, “Was kann ich hoffen?”, “Was bin ich?”. Elementar war dabei für ihn und die Epoche der Moderne, dass Gott als eine Möglichkeit und nicht mehr als Tatsache angesehen wurde. Kant begründet damit die Vernunftemanzipation – was vorher Gott war ist ab diesem Zeitpunkt die Vernunft.

In seiner Beschäftigung mit diesen Fragen und seiner Grundarbeit zur Vernunft hat er die Grundlagen gelegt um die Menschen zu einem Problem zu führen, die sich in Kritik an Kants Werk äußerte. In einem Satz formuliert lautet diese: “Die Vernunft ist sich selbst gegenüber nicht transparent”.

Wesentliches Element ist dabei, dass die Beschreibung der Vernunft von Kant in einer Sprache (der deutschen) geschrieben ist. Wie kann man mit Sprache eine Struktur erklären, die ihr übergeordnet ist? Handelt es sich dabei nicht um einen möglichen Methodenfehler?

Diese Kritik hat dazu geführt, dass seit dem alle philosophischen Probleme erstmal als Sprachprobleme betrachtet wurden.

Es werden drei Richtungen genannt, wie mit diesem Problem umgegangen wird.

1. Der pragmatisch philosophische / anglo-amerikanische Ansatz: “Where is the beef”. Kurz gesagt: Das Problem wird beiseite geschoben.

2. Die Hermeneutik: Wahrheit ist trotdem möglich. Nur weil es grundsätzliche Schwierigkeiten mit der übergeordneten Struktur gibt, bedeutet dies nicht, dass in Einzelfällen nicht doch Wahrheiten liegen können.

3. Poststrukturalismus: Es gibt keine absolute Wahrheit. Die Vernunft ist anzuzweifeln. Sinnzusammenhänge ergeben sich innerhalb von konstruierten Systemen, Wahrheiten gibt es nur im spezifischen Kontext.

Das Problem am Poststrukturalismus ist dabei insbesondere, dass es keine Ideale/Werte/Moral gibt. Er gibt keinen Hinweis darauf wo das Gute in der Welt ist.

Alle vorangegangenen Satzungen waren ein Kompromiss aus widerstreitenden Meinungen und ihnen lag als Kompromissgedanke das gesellschaftliches Ideal zugrunde, dass wir in der Vernunft alle gleich seien. Der Poststrukturalismus erkennt darin nur eine Fiktion.

Soweit meine Impressionen von der CRE Podcast Sendung “Poststrukturalismus 1”.

3 Gedanken zu „Einführung in den Poststrukturalismus

  1. Peter sagt:

    Was spricht gegen eine Gleichordnung von Vernunft und Sprache, d.h. die Vernunft nicht mehr als übergeordnete Struktur anzusehen, sondern als Struktur auf gleicher Ebene? Oder macht genau das der Poststrukturalismus?

    • Peter sagt:

      Noch eine Erläuterung: Wenn der Poststrukturalismus die Vernunft anzweifelt (und diese als übergeordnet ansieht), muss es immer noch etwas geben, das diesen Zweifel ermöglicht. Was kann das anderes sein als die Vernunft?
      Deshalb bin ich auf meine Frage gekommen.

      • Ich denke mal, dass Gleichordnung von Vernunft und Sprache durch den Poststrukturalismus bestritten wird, weil Vernunft erst mit Sprache erdacht und insbesondere erklärt werden muss.

        D.h. wenn ich Vernunft erdenke, bediene ich mich dabei eines Systems (Sprache), das wohl kaum die perfekte Grundlage sein kann um dieses System (umfassend, vollkommen, perfekt) zu beschreiben.

        Wenn Zweifel tatsächlich durch Vernunft ermöglicht wird, dann ist damit noch nichts darüber ausgesagt, wie diese Vernunft (ganz exakt, Atom für Atom) aussieht. Dass es sowas wie Vernunft gibt dachten wohl auch schon vor Kant viele, aber erst als Kant diese auf den Punkt gebracht hat, hat er die Kritik (Poststrukturalismus) ausgelöst.

        Aber wie gesagt, alles was ICH über Poststrukturalismus weiß stammt aus den beiden CRE Folgen, daher keine Gewähr 😉

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