Diskussion um das ePortfolio. Teil 2 – öffentlich VS. privat

ePortfolios werden an deutschen Universitäten mittlerweile hier und da eingesetzt, auch wenn sie ein Nischendasein führen und eine breite Einführung in Massenstudiengängen nicht absehbar ist.

Dort wo noch über die Einführung von ePortfolios gesprochen wird, ist vorallem die Wahl des richtigen ePortfolio-Tools ein wichtiges Kriterium. Entscheidend ist für die Universitäten dabei wohl in der Regel, wie sich das ePortfolio in die bestehende eLearning-Infrastuktur integrieren lässt (Single Sign-on Möglichkeiten für zusätzliche Software-Systeme oder integrierte Lösungen in bestehenden Learning Management Systeme).

Die Behauptung, dass ein Großteil der Studierenden ohnehin ein so hohes Maß an Internetkompetenz hätten mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Plattformen, Zugängen, oder gar Identitäten umgehen zu können, dass es auch an großen Universitäten kein Problem sei auf Single Sign-on Lösungen verzichten zu wollen halte ich für eine falsche Schlußfolgerung. Die meisten Studierenden mögen in der Lage sein, mit unterschiedlichen Accounts umzugehen, es wird aber nicht als bequem oder benutzerfreundlich wahrgenommen. Studierende unterscheiden meiner Beobachtung nach sehr genau zwischen privat (und meistens tagtäglich) genutzten Plattformen wie Facebook/Gmail/GMX/etc., für die man sich freiwillig registriert und andererseits universitären Plattformen, die sporadisch und nur bei Bedarf (bzw. zwangsweise) genutzt werden.

Wer behauptet, dass man einfach zusätzliche Plattformen anbieten könnte und sollte, weil der Umgang damit zur “informationstechnischen Grundbildung / digital literacy” gehöre, sollte bedenken, dass man Studierenden auch nicht einfach Bücher in die Hand gibt, nur weil jeder Lesen kann. Jedenfalls nicht ohne ein Mindestmaß an notwendiger Betreuung, die bei universitären Internetplattformen exorbitante laufende Kosten verursacht und an Universitäten wie der UHH, an denen Mittel ohnehin nicht in dem Maße zur Verfügung stehen, wie dies wünschenswert wäre, nicht möglich erscheint.

Für nicht-Hamburger, die hier mitlesen und über die finanzielle Ausstattung der UHH nicht informiert sind, zur Verdeutlichung eine Aussage des Universitätspräsidenten Prof. Dr. Dieter Lenzen zur Vereinbarung zwischen Senat und Präsidium für die Universität Hamburg vom 21. Oktober 2011 (Quelle zwischenzeitlich nicht mehr vorhanden – toter Link entfernt):

Gleichzeitig ist nicht zu verkennen, dass aufgrund der durch den Hamburger Senat beschlossenen
Bewältigung der Schuldensituation eine Entwicklungsperspektive in Richtung Wettbewerbsfähigkeit mit
anderen großen deutschen Universitäten nicht ermöglicht wurde

Das ist meines Erachtens auch der Kern des Problems, der die offene Auseinandersetzung in Hamburg zwischen unterschiedlichen ePortfolio-Gruppierungen begründet, denn wenn ausreichende Mittel vorhanden wären müsste keiner die Plattform seiner Wahl (sei es nun Commsy, Olat, Mahara, WordPress) so stark verteidigen, dass die Abwertung anderer Plattformen, oder gar die offene Forderung, andere Plattformen nicht weiter zu finanzieren notwendig wäre. Das wird insbesondere vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig und von der selben Person gefordert wird, Studierenden eine Wahlfreiheit bezüglich der Tools zu ermöglichen, deutlich.

Dazu kommt als weiteres Argument gegen bestimmte Plattformen die merkwürdige Sichtweise, dass ein ePortfolio am besten öffentlich geführt werden sollte. Merkwürdig ist diese Behauptung für mich desshalb, weil sie mir unreflektiert, naiv und eingeschränkt erscheint, jedenfalls wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass es ausgerechnet Erziehungswissenschaftler sind, die derartige Forderungen aufstellen. Für Erziehungswissenschaftler ist eLearning nicht nur eine Methode im Unterricht, sondern auch ein Forschungsgebiet, deswegen würde ich eine etwas kritischere Sichtweise, bzw. eine Berücksichtigung negativer Aspekte der eigenen Forderungen erwarten. Bei den Hamburger Fachleuten zu diesem Thema suche ich leider vergeblich.

Sämtliche Systeme, die sich selbst als ePortfolio-System bezeichnen (also z.B. Mahara, die integrierten Lösungen in OLAT und STUD.IP sowie viele weitere) haben gemeinsam, dass sie grundsätzlich privat sind, und der Nutzer in der Lage ist einzelne oder alle Bereiche öffentlich sichtbar zu machen. Das hat den Vorteil, dass der Nutzer das ePortfolio verwenden kann um auch persönlichste Dinge zu reflektieren und in seine Überlegungen miteinzubeziehen. Selbst die Befürworter offener ePortfolios würden wohl ein öffentliches WordPress-Blog nicht nutzen um sich über gescheiterte Beziehungen, Geldsorgen, Krankheiten und andere Faktoren Gedanken zu machen. Gleichzeitig gibt es wohl aber nichts was für den Erfolg eines Studiums wichtiger wäre oder was schneller zu einem Scheitern führen könnte als derartige persönliche Probleme. Es macht aus meiner Sicht Sinn einen sicheren, geschützten Ort zu haben auf den Studierende von überall zugreifen können um solche Probleme zu artikulieren und vielleicht auch schon die Bewältigung zu planen. Ein persönliches ePortfolio in einer geschützten universitären Plattform kann diesen Platz bieten.

Persönliche ePortfolios bieten ferner den Vorteil, dass man sich in ihnen auf das Wesentliche, den Inhalt, konzentrieren kann.

Wer bloggt muss sich um einige Dinge Gedanken machen und kann sich leicht in den Rahmenbedingungen verlieren, die alle von der inhaltlichen Auseinandersetzung relevanter Themen abhalten, bzw. diesen vielleicht sogar abträglich sind. Wie bekomme ich Besucher? Wie sieht die Besucherstatistik für die letzten Tage aus? Wieso kommentiert niemand meine Beiträge? Sollte ich meinen Inhalt verändern um mehr gelesen zu werden? Muss ich anfangen zu twittern um zusätzliches Marketing für meine Inhalte zu betreiben? Wie muss mein Impressum aussehen? Welche Bilder aus dem Internet darf ich bei mir einbinden? Darf ich jedes Youtube Video bei mir einbinden? Welche Plugins sollte ich installieren? Wie kann ich Spam unter meinen Beiträgen verhindern?

Die Liste könnte ich praktisch endlos fortführen und sie erinnert mich an eine Aussage von Prof. Dr. Rolf Schulmeister, der sinngemäß gesagt hat, dass wir Studierende dequalifizieren, wenn wir die mediale Ausbildung auf die heutigen Medien beschränken. Ich finde es zwar grundsätzlich richtig und wichtig die Medienkompetenz Studierender soweit zu erhöhen, dass sie in die Lage versetzt werden die oben genannten Probleme und Fragen zu beantworten, allerdings verdient dieses Thema aufgrund seiner Komplexität einen eigenen Raum, und sollte nicht schlichtweg in die ePortfoliodiskussion miteingeworfen werden, die aufgrund ihrer Komplexität für sich genommen diskutiert und vermittelt werden sollte.

Die Anzahl meiner bloggenden (und twitternden) Kommilitonen, ist gemessen an der Gesamtzahl verschwindend gering. Das nur für diejenigen, die einer älteren Generation angehören, somit nicht mit dem Internet aufgewachsen sind und möglicherweise der Illusion ausgesetzt sind, dass alle Erstsemester diese aufgeworfenen Fragen beantworten könnten.

Ein weiterer wichtiger Grund dafür, dass sich WordPress als ePortfolio nicht eignet, ist, dass es sich nicht als Grundlage für eine universitäre Leistungsbewertung eignet, die im Zweifel auch vor Gericht stand halten sollte. Ich wünsche mir mit der Einführung von ePortfolios eine Abkehr vom Bulimielernen. Ich möchte dass die universitären Rahmenbedingungen mich darin unterstützen konstant und nachhaltig zu lernen, das ist durch die aktuellen Rahmenbedingungen nicht der Fall. Das OLAT-ePortfolio wird an anderen Universitäten bereits zur Leistungsbeurteilung herangezogen. Auch Prüfungsordnungen an der UHH bieten diese Möglichkeit, so legt z.B. §23 Abs. 8 der Prüfungsordnung für den Studiengang Sozialökonomie fest, dass die Art der Leistungsnachweise die Kursleiterinnen bzw. der Kursleiter bestimmt und dass diese in der Regel z.B. protokollierte mündliche Prüfungen sein können (oder auch Referate mit anschließender mündlichen Prüfung).

Man könnte also relativ leicht und bereits zum nächsten Sommersemester 2012 ePortfolios zur Leistungsbewertung einsetzen. Dies stelle ich mir so vor, dass Studierende verpflichtend angehalten sind, innerhalb einer Woche nach jeder Veranstaltung (mit maximal xy Fehltagen) in ihrem ePortfolio die Kursinhalte zu reflektieren. Der Dozent baut eine oder zwei Feedbackrunden während des Semesters ein und gibt den Studierenden Rückmeldungen auf Ihre Beiträge. Am Ende des Semesters wird durch eine mündliche Prüfung dann lediglich sichergestellt, dass das ePortfolio eine Eigenleistung des Studierenden ist und nicht etwa nur per Copy&Paste zusammengebastelt wurde. D.h. eigentliche Prüfung wäre bei diesem Konzept das ePortfolio, die mündliche Prüfung dient dann eher dem Aussieben von Betrugsfällen und erfordert von solchen Studierenden, die sich das ganze Semester über konstant mit den Kursinhalten auseinandergesetzt haben keinen Aufwand mehr.

Auch die mangelhafte Qualifikation der Lehrenden macht geschlossene Plattformen dringend notwendig. eLearning ist ein Randthema im universitären Alltag der meisten Studiengänge. Overheadprojektoren sind fast genauso verbreitet wie Beamer, und auch Copyshops (also Orte wo man Ordner aus dem Regal nimmt um dann Seite für Seite zu kopieren, auf Papier) erfreuen sich nach wie vor größter Beliebtheit. Daraus folgt, dass ein Großteil der Lehrenden sich mit Onlinemedien nicht auseinandersetzt und darüber keine oder völlig unzureichende Kenntnisse hat. Tatsächlich gibt es hier immense Ängste und Sorgen zu bekämpfen. Ohne geschlossene Lernplattformen wäre die Anzahl der Lehrenden, in deren Veranstaltung eLearning einen gewissen Einzugsgrad erhalten haben, und die sich ein Stückweit trauen, Onlineinhalte zur Verbesserung der Lehre einzusetzen, noch viel geringer als dies ohnehin der Fall ist. Diese Ängste muss man ernst nehmen und man muss durch Wissensvermittlung dazu beitragen, dass auch solche Lehrenden in die Lage versetzt werden ihren Studierenden wiederum den verantwortungsvollen Umgang im Netz weiterzugeben. Dazu ist noch viel Arbeit notwendig und bevor eine relevante Anzahl Lehrender in der Lage sind öffentliche Blogs zu betreiben sollte man zum Schutz Studierender vielleicht noch etwas warten bis man alle geschlossenen Lernplattformen abschafft und sämtliche Kursinhalte in die Öffentlichkeit verlagert.

Fazit:

Ich blogge sehr gerne (aktuell hier und bei Twitter und in einem seminarbegleitenden Blog als einer von mehreren hier), tausche mich gerne mit anderen aus und erkenne auch immense Vorteile.  Auch fände ich es eigentlich positiv, wenn die Universität Hamburg anfangen würde WordPress zu hosten. Genauso erkenne ich aber auch die Notwendigkeit geschlossener eLearning-Plattformen. Für komplexe ePortfolios halte ich Plattformen, die von der grundsätzlichen Veröffentlichung der Beiträge ausgehen, für ungeeignet.

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