Die Grounded Theory Methode

Auf diesen genialen Podcast, in dem die “Grounded Theory Methode” erklärt wird, bin ich zufällig gestoßen. Nachfolgend eine Zusammenfassung der für mich wesentlichen Inhalte.

Grounded Theory ist eine Sammlung von Forschungsmethoden zur Entwicklung einer Theorie, und ein eigener Forschungsstil, der die wissenschaftlichkeit von qualitativen Methoden zu begründen vermag.
Der Ansatz ist so umfassend, dass mit ihm auch quantitativ erhobene Daten in den Forschungsprozess integriert werden können.

Ausgangspunkt war die Veröffentlichung einer Monographie von Anselm Strauß und Barney Glaser 1967 mit dem Titel: “Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research”.

Die “eine” Grounded Theory Methode gibt es nicht, sie ist mittlerweile ein Oberbegriff für unterschiedliche erkenntnistheoretische und methodologische Positionen. Seit der Begründung in den 60er Jahren hat sich die Methode in verschiedene Richtungen weiterentwickelt.

Die Grounded Theory erlaubt die Entwicklung einer Theorie aus empirischen Datenmaterial heraus. Charakteristisch ist der kontinuierliche Analyseprozess und die Verwebung von Datensammlung und Datenanalyse im Rahmen des Theoretical Sampling. Datenerhebung und Datenauswertung finden also nicht nacheinander, sondern eher miteinander statt. Die Auswahl des nächsten Datenmaterials erfolgt als Konsequenz aus der Analyse des letzten Datenmaterials.

Vergleichen bildet dabei das Erkenntnisinstrument. Durch das Vergleichen sollen bis dahin implizit gebliebene Aspekte an die Oberfläche treten.

Man könnte beispielsweise einen Apfel analysieren. Für sich genommen lässt sich etwa Gewicht, Geschmack und die Größe feststellen. Um die Erkenntnis zu festigen, was einen Apfel ausmacht, kann man ihn vergleichen. Spezifische Eigenheiten des Apfels, wird man beispielsweise entdecken, wenn man ihn mit anderen Äpfeln vergleicht. Beim Vergleich eines Apfels mit einem Kraftwerk könnten Fragen über die nötige Energie beim Verspeisen eines Apfels in den Fokus rücken.

Beim Entwickeln und Entdecken von Theorien ist Kreativität nötig. Dabei soll die Grounded Theory helfen.
Unter dem Dach der Grounded Theory werden verschiedene Methoden der Datenanalyse vereinigt. Sie stellt Kodierverfahren und die Memotechnik zur Verfügung.
Daten werden aufgebrochen und zu Konzepten und schließlich zu Kategorien verdichtet. Begriffe werden gefunden, die verschiedene Datenausschnitte in Beziehung zueinander setzen und somit Zusammenhänge erkennbar werden lassen.
Der gesamte Forschungsprozess wird schriftlich in Form von Memos festgehalten. Die Auseinandersetzung mit Daten (kodieren und analysieren) wird in Memos festgehalten. Memos können Diagramme enthalten und Beziehungen zwischen Codes und Kategorien visualisieren. Planungsmemos können Hinweise und Fragen für den weiteren Datenerhebungsprozess enthalten. Theoretische Memos fassen relevante Aspekte in der Foschungsliteratur zusammen und integrative Memos fassen mehrere Memos zusammen. Alle Memos dienen zur Stimulierung des Schreibens und zum Vorantreiben der Theoriebildung. Bei jedem Nachdenken über den Foschungsprozess oder Beschäftigung mit den Daten sollte geschrieben und ein Memo angelegt, oder weitergeschrieben werden. Dadurch wird wissenschaftliches Schreiben geschult und am Ende steht Material zur Zusammenfassung zur Verfügung. Mir stellt sich dabei die Frage ob ein Memo nicht auch ein Eintrag in ein Blog sein könnte und ob ich an dieser Stelle bereits an einem Memo bezüglich einer Forschungsarbeit schreibe.

Wie bereits erwähnt, entwickelt sich die Grounded Theory fortlaufend weiter und wird auf unterschiedliche Bedürfnisse angepasst.

Günter May und Katja Muck haben in ihrem “Grounded Theory Reader” vier Entwicklungslinien ausgemacht.

Situational Analysis
Diese Entwicklungslinie geht von Anselm Strauß aus. Sie versucht die Grounded Theory von den positivistischen Wurzeln abzulösen und sie postmodern auszurichten. Charakteristische Begriffe sind dabei Multisite-Forschung und Maps.

Konstruktivistische Ausrichtung
Kathy Charmaz vollzieht diese Neuausrichtung hin zum Konstruktivismus. Theorien werden nicht entdeckt und emergieren nicht aus den Daten. Grounded Theories werden durch Interaktionen im Rahmen des Forschungsprozesses gemeinsam konstruiert und sind multi-perspektivisch. Empirische Phänomene werden relativ zu einem historischen Zeitpunkt verstanden.

Classic Grounded Theory
Hier ist Judith Holton zu nennen. Grounded Theorien sind dabei unabhängig von Zeit, Ort und Personen und bestehen aus Konzepten. Die Relevanz emergiert aus den Daten und darf nicht erzwungen werden. Emerging VS. Forcing ist dabei auch die häufig gefundene Abgrenzung dieser Entwicklungslinie zur Grounded Theory von Strauß und Glaser.

Reflexive Grounded Theory
Diese Grounded Theory geht auf Franz Breuer zurück und ist ein Versuch, die Grounded Theory in die Psychologie zu bringen, wobei sie auch für alle anderen Sozialwissenschaften anwendbar sein soll. Die Forschenden versuchen dabei nicht länger unsichtbar zu bleiben. Das Element der Reflexion und Selbstreflexivität wird erkenntnisproduktiv gemacht und in den Forschungsprozess integriert. Entscheidungen der Forschenden sollen auch in ihren personenaffinen Aspekten reflektiert und als Bestandteil des Forschungsprozesses ernstgenommen werden. Durch diese Auseinandersetzung wird man möglicherweise zu zusätzlichen, oder anderen Forschungserkenntissen gelangen.

Wie setzt man eine Stichprobe unter dem Grounded Theory Paradigma zusammen?
Die Grounded Theory hat dafür ein eigenes Verfahren, das Theoretical Sampling, entwickelt. Der Begriff könnte mit “theoriegeleitetes Erhebungsverfahren” übersetzt werden.
Wenn man eine Forschungsfrage untersucht, muss überlegt werden, wer gefragt wird oder wer beobachtet wird, und wohin man gehen muss, um Antworten auf eine Forschungsfrage zu erhalten. Das Theoretical Sampling leitet diese Entscheidungen methodisch, systematisch, reflektiert und begründet an. Die theoretische Sensitivität ist dabei ebenfalls bedeutend. Bei der Zusammenstellung einer Untersuchungsstichprobe weist es drei Besonderheiten auf. Zunächst sollen Forschungspartner_Innen gesucht werden, die möglichst unterschiedliche, oder widersprüchliche Antworten und Ideen bezüglich des Forschungsthemas geben. Je mehr unterschiedliche Fälle in einem Konzept integriert werden können, desto größer sind der Radius der Theorie und ihre Reichweite. Ferner soll die Stichprobe nicht zu Beginn des Forschungsprozesses definiert werden, sondern im Forschungsprozess gewählt werden, abhängig davon, welche Untersuchungsaspekte innerhalb der sich entwickelnden Theorie geklärt und abgebildet werden müssen. In einem offen angelegten Forschungsprozess entwickeln sich häufig Fragen, die vorher nicht absehbar waren, insofern macht die Auswahl der Stichprobe während des Forschungsprozesses Sinn. Abgeschlossen ist das Theoretical Sampling dann, wenn das Hinzuziehen weiterer ForschungspartnerInnen keine weitere Aussicht auf Erkenntnisse verspricht. Dies wird als theoretische Sättigung bezeichnet.

Die Grounded Theory bemüht sich in erkenntnistheoretischer Hinsicht um Zurückhaltung und Vorsicht, weil die Gültigkeit der Aussagen und Konzepte durch eine Spezifizierung der Bedingungen der Konzepte, entsprechend des Kodierparadigmas, zu bestimmen ist.

Was ist eine Kategorie?
Kategorien spielen in der gesamten Geschichte der Wissenschaft und Philosophie eine große Rolle. Im historischen Wörterbuch der Philosophie besteht der Eintrag dazu aus 180 Absätzen. Wenn man über das Nachdenken nachdenkt und betrachtet, was beim Denken geschieht, werden Kategorien relevant. Aristoteles entwickelte eine eigene Theorie über Kategorien die bei ihm Aussageschema sind, mit dem Ziel, Mehrdeutigkeit zu vermeiden.
Das Kategorienverständnis der Grounded Theory ist verwurzelt im Kategorienverständnis vom Philosophen Alfred North Whitehead. Kategorien sind bei ihm ein kohärentes, notwendiges, logisches System allgemeiner Begriffe, das sich in der Interpretation der Erfahrungswelt als anwendbar und adäquat erweisen muss. Kategorien erscheinen als Begriffe, durch die das menschliche Erkennen sich den allgemeinsten Bestimmungen der Wirklichkeit annähert.
Kategorien sind also Begriffe die das, was wir zu verstehen glauben, beschreiben, ordnen und zusammenfassen. Bei der Grounded Theory ist das besondere, dass Ähnlichkeiten und Beziehungen der Daten zu einer fortschreitenden Entwicklung der Kategorien und ihrer Beziehungen zueinander herangezogen werden.
Bei Kategorien müssen immer auch Codes und Konzepte mitgedacht werden, weil diese drei Begriffe von den Begründern der Grounded Theory nicht durchgängig einheitlich voneinander getrennt wurden. Eine konsequente Unterscheidung ist für die Entwicklung einer Grounded Theory nicht notwendig, da die Übergänge von Kategorien, Codes und Konzepten auch im Prozess der Datenanalyse fließend sind. Zentral für den Prozess der Datenanalyse und den Theorieentwicklungsprozess ist das Konzeptualisieren der Daten, worunter man das Benennen von Phänomenen mit Hilfe von abstrakteren und prägnanteren Begriffen, als dies bei oberflächlichen Beschreibungen üblich wäre, versteht.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung, bei dem die selbe Handlung unterschiedlich beschrieben wird:

Beobachtung:
Zwei Menschen sprechen miteinander.

Konzeptualisiert:
Ein Mensch berät einen anderen.

Beraten ist hier eine konzeptualisierte Beschreibung, weil eine Rollenverteilung impliziert ist und Fragen nach der Beziehung zueinander, dem Gegenstand der Beratung, der Qualität der Beratung, etc. aufgemacht werden.

Die Konzeptualisierung von Daten führt durch die Generierung von Fragen zu einem Aufbrechen der Daten, die dadurch zusammengefasst, geordnet und zum Sprechen gebracht werden. Diese Charakterisierung trifft gleichermaßen auf Konzepte, Codes und Kategorien, weshalb eine weitere Differenzierung nicht sinnvoll ist. Kategorien stehen im Mittelpunkt der Bemühungen des Forschenden.

Unterscheidungen treffen und Dimensionalisieren gehört nach Strauß zur Basis der Grounded Theory. Dimensionalisieren bedeutet dabei zunächst ebenfalls, Unterscheidungen zu treffen, diese führen jedoch zu Dimensionen eines Themas, bzw. Codes oder Kategorien führen. Dimensionalisierungen sind also eine Teilmenge aller Unterscheidungen die getroffen werden können. Dimensionen werfen Fragen nach anderen Fällen auf, Dimensionierungen helfen also auch, Kriterien zu entdecken, nach denen man weitere Daten sucht oder durchforstet.

Wie findet man Kategorien?
Diese Frage ist wichtig, weil üblicherweise in Forschungsarbeiten große Unsicherheit darüber herrscht, ob man eine Kategorie oder einen Code gefunden hat. Es ist allerdings kein Automatismus Kategorien zu finden. Das Prinzip der Analyse und Konzeptionalisierung ist eher, als die Suche nach Kategorien, in den Fokus zu nehmen (auch wenn es dabei bleibt, dass Kategorien im Mittelpunkt der Bemühungen stehen, es scheint, als wäre die Perspektive hier entscheidend und nicht der Gegenstand). Strauß schlägt vor, für die Analyse gesammelter Daten verschiedene Kodierverfahren (offenes-, selektives-, axiales-Kodieren) zu nutzen. Diese Verfahren werden nach Faustregeln angewendet, sind also eher ungenaue Analysemethoden. Dahinter steckt jedoch die Überzeugung, dass jede Forschungsfrage anders ist und die Methode dem Forschungsgegenstand angepasst werden muss. Damit dies möglich ist, besitzen die Methoden der Sozialforschung eine gewisse Offenheit und Flexibilität.

Der Podcast geht an dieser Stelle noch weiter (meine Zusammenfassung ist bis Minute 48 ziemlich ausführlich). Das genügt mir für den Anfang jedoch.

Ein Gedanke zu „Die Grounded Theory Methode

  1. […] und weil es schon andere gefunden haben… hier die ZF: http://www.socioeconomics.info/blog/2013/06/die-grounded-theory-methode/ […]

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