Der Arbeitskraftunternehmer (Textarbeit)

Textzusammenfassung: Voß, Gerd Günter/Pongratz, Hans J. (1998): Der Arbeitskraftunternehmer: eine neue Form der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 50. 131-158.

Ausgehend von der Annahme, dass Arbeitskraft und Waren strukturell gleich sind und der Unterschied zwischen beiden darin liegt, dass Arbeitskraft fest zu einer Person gehört, während Waren beliebigen Personen zugeordnet werden können, entwickeln die Autoren ein theoretisches Konstrukt. Zur Darstellung soziologischer Zusammenhänge wird ein „Arbeitskraftunternehmer“ als „gesellschaftliche Form der Ware Arbeitskraft“ (S.139) herausgearbeitet, welcher als neuartige Entwicklung dem Modell des verberuflichten Arbeitnehmers gegenüber gestellt wird.

Dieses Modell entspringt der Beobachtung von gesellschaftlichen Veränderungen, die im Gegensatz zur „hochregulierten Arbeitsordnung der Nachkriegszeit“ (S.132) mit einer Deregulierung von Arbeits- und Sozialgesetzen einhergeht.

Kennzeichen des Arbeitskraftunternehmers sind die Selbstkontrolle, Selbstorganisation und Flexibilisierung was auch die Ausrichtung der Ware Arbeitskraft auf mögliche Einsatzszenarien miteinschließt. Daraus lässt sich schlußfolgern, dass der Arbeitskraftunternehmer also sein ganzes Leben, welches untrennbar mit der Ware Arbeitskraft verknüpft ist, darauf ausrichten muss, möglichst attraktiv für den Arbeitsmarkt zu sein.

Meiner Einschätzung nach ist der Arbeitskraftunternehmer eine realistische Idealform einer gewissen Anzahl zeitgenössischer und wohl zunehmend zukünftiger Arbeitnehmer. Die zunehmende Ausrichtung der Ware Arbeit am Arbeitsmarkt lässt sich beispielsweise an vielen Hochschulen ablesen, deren festgelegte Qualifikationsziele für Studiengänge den Anforderungen der Wirtschaft entsprechen sollen. Nicht vergessen werden darf dabei allerdings, dass wir in einer heterogenen Gesellschaft leben an deren unteren Rand eine erhebliche Anzahl an Menschen lebt, die nicht in der Lage ist, und wohl auch zukünftig nicht in der Lage sein wird, den Anforderungen, die an den Arbeitskraftunternehmer gestellt werden, erfüllen zu können. Die Einbeziehung dieser unteren Gesellschaftsschichten in das Modell des Arbeitskraftunternehmers sehe ich mit der Nennung des „Arbeitskraft-Kleingewerbetreibenden“ (S. 154) als zu wenig beachtet.

Es ist zu befürchten, dass formal unselbstständige Arbeiter in zwei Gruppen aufgeteilt werden könnten – auf der einen Seite flexible, selbstprogrammierte Alleskönner und auf der anderen Seite eine Unterschicht in Tätigkeiten mit geringen Anforderungen an das Bildungsniveau, die der Willkür deregulierter Arbeitgeber ausgesetzt ist.

Letztlich ist der Arbeitskraftunternehmer auch für diejenigen Menschen als ambivalent anzusehen, die tatsächlich in der Lage sind, die genannten Anforderungen zu erfüllen. Der soziale Druck nimmt zu. Sei es etwa der Zwang zu lebenslangem lernen oder der geographischen Flexibilität – alle Eigenschaften des Arbeitskraftunternehmers lassen sich, je nach Betrachtungsweise, als positive Auswirkung zu mehr persönlicher Freiheit und systemgestützter Weiterentwicklung, sowie als unfreiwillige, sanktionierte Zwangsanordnungen betrachten.

Insgesamt wird sich die angefangene Entwicklung weg vom typischen Beschäftigungsverhältnis, welches der verberuftlichte Arbeitnehmer wohl einst darstellte, ohnehin nicht völlig umkehren lassen. Die Abminderung sozial negativer Folgen durch die Politik wäre zu wünschen.

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