Das schleichende Ende von Lecture2Go ?

Prekäre Arbeitsverhältnisse an der Universität

“Von einem festen Arbeitsvertrag können die meisten Wissenschaftler an unseren Universitäten nur träumen. Viele hangeln sich von einem Zeitvertrag zum nächsten. Das dicke Ende ist vorherzusehen.” 1

Prekäre Arbeitsverhältnisse sind auch an der Universität Hamburg Realität. Während sich wenige, handverlesene, WissenschaftlerInnen über unbefristete Stellen freuen dürfen, hangelt sich die Mehrheit von Befristung zu Befristung. Oft mit einer Perspektive die nicht mehr als 6 Monate in die Zukunft reicht. Langfristige Planung wird so unmöglich, auch für Projekte die für die Zukunft der Universität entscheidend sind.

Die Bedeutung von Lecture2Go für die Universität Hamburg

Ein solches Projekt, einst eingerichtet dank Studiengebühren, welches für die zukünftige Gestaltung von universitärem Lernen entscheidend ist, ist Lecture2Go.

Das Lecture2Go System besteht aus verschiedenen Komponenten: Ein Rucksack mit Kamera und Stativ, mit dem Vortragende gefilmt werden können. Ein Koffer mit einem Laptop, der zwischen den Rechner des Vortragenden und einem Beamer geschaltet wird um in ihm die Präsentation des Vortragenden, mit dem Videobild des Vortragenden zu verbinden. Eine Postproduktionssoftware, die den Export des Vortrages in verschiedene Formate (unter anderem für Mobiltelefone) exportiert. Sowie einer Medienplattform (lecture2go.de), auf der die Vorträge der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden (Nähere Informationen findet man hier).

Es ist beeindruckend, und zollt mir Respekt ab, dass dieses umfassende System bisher von lediglich drei Festangestellten (Martin Kriszat, Iavor Sturm und Jan Torge Claussen) aufgebaut und betreut werden konnte (man möge nur bedenken, wieviele Mitarbeiter andere Videoplattformen, z.B. Youtube, zur Verfügung haben).

Es geht bei dem Lecture2Go System dabei um weit mehr, als nur die Möglichkeit Vorträge zu rekapitulieren, wobei auch darin ein empirisch untersuchter, nachgewiesener Mehrwert besteht 2. Es geht auch um innovative eLearning-Szenarien, beispielsweise in Form von Flipped Classroom Konzepten 3, deren Bedeutung von anderen Universitäten, die nicht über ein solch ausgereiftes und umfängliches System verfügen, bereits erkannt wurde 4.

Mangelnde Unterstützung des Lecture2Go Systems durch das Präsidium der Universität Hamburg

Vor dem Hintergrund der Bedeutung des Lecture2Go Systems fällt es mir schwer nachzuvollziehen, wieso die Bemühungen des Lecture2Go-Teams, eine Verstetigung der aller drei Mitarbeiter zu erreichen über die letzten Monate hinweg, keine Früchte getragen haben. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass beispielsweise der Vizepräsident für Studium und Lehre, Professor Dr. Holger Fischer erst kürzlich im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung die Bedeutung des Lecture2Go Systems betont hat 5.

Dass nun einer dieser drei Mitarbeiter, Herr Jan Torge Claussen, die Konsequenzen aus dieser mangelhaften Unterstützung gezogen hat und sich künftig anderne Aufgaben widmen wird, ist eine logische Folge aus der Unfähigkeit des Präsidiums, zukunftsweisende Projekte angemessen zu unterstützen.

Ich kann nur hoffen, dass dieses ungebührliche Verhalten des Präsidiums nicht konsequenzlos bleiben wird.

  1. http://www.tagesspiegel.de/wissen/akademische-karrieren-prekaere-arbeitsverhaeltnisse-an-universitaeten-nehmen-zu/5942506.html (zuletzt aufgerufen am 27. 6. 2012)
  2. http://lecture2go.uni-hamburg.de/konferenzen/-/k/13306 (zuletzt aufgerufen am 27. 6. 20120)
  3. http://wiki.zum.de/Flipped_Classroom
  4. http://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2012b/invertedclassroom (zuletzt aufgerufen am 27.6. 2012)
  5. http://lecture2go.uni-hamburg.de/veranstaltungen/-/v/13820 (zuletzt aufgerufen am 27. 6. 2012)

9 Gedanken zu „Das schleichende Ende von Lecture2Go ?

  1. Prof. Dr. Peter Faulstich sagt:

    Ich halte jede Einschränkung von lecture2go für problematisch. Gerade im Zusammenhang “Öffentlicher Wissenschaft” ist es damit möglich ein Publikum zu erreichen, das sonst nicht in normale LV käme. Unsere Erfahrungen z.B. bei der Unterstützung des Seniorenstudiums ist, dass diese Möglichkeit für dieAdressaten sehr wichtig ist.
    Peter Faulstich

  2. Daniel Spielmann (@spani3l) sagt:

    Leider nicht das erste – und sicher auch nicht das letzte – seltsame Signal, das die Institution hier sendet.
    Nur um aus den vielen möglichen jenes zu nennen, was mich aktuell beschäftigt: wenn ich recht informiert bin, ist es mir nicht gestattet, das Universitätslogo auf Handreichungen/Materialien zu verwenden, die ich als Urheber gerne mit einer CC-Lizenz versehen möchte?
    Ausgesprochen ungeschickt (von und für die Uni), v.a., wenn ich in Veranstaltungen CC-Materialien verwende, die mir KollegInnen anderer Hochschulen zur Weiterverarbeitung zur Verfügung gestellt haben…
    Nun, da werde ich künftig gut überlegen, bevor ich mich für eines der beiden Logos (Uni oder CC) entscheide, ebenso wie ich überlege, wie ich meinen weiteren professionellen Werdegang gestalte…

  3. Heiko Witt sagt:

    Dass Jan-Torge Claussen geht und das ohnehin schwach aufgestellte Lecture2Go-Team somit noch dezimiert wird, sehe ich mit Stirnrunzeln und Sorge. Das Lecture2go-System war zwar immer störanfällig und ist es noch, so dass man sich schon mal fragen konnte, wann wir Anwender in den Fakultäten – v.a. die eLearning-Büros – damit endlich einen verlässlichen Service anbieten können. Doch die Fehleranfälligkeit sollte niemand vorschnell den Kollegen im RRZ oder dem Eigengewächs Lecture2go zuschreiben. Ihre Ursache dürfte hauptsächlich in der Besonderheit mobiler Aufzeichnungssysteme, in der vielfältigen Medientechnik unserer Hörsäle und in der Verschiedenheit der Notebooks von Dozentinnen und Dozenten liegen. Wenn das Lecture2go-Team mir berichtet, an anderen Hochschulen mit eigenen Aufzeichnungssystemen kämpfe der eLearning-Support mit ganz ähnlichen Problemen, glaube ich ihm.

    Was wir brauchen, ist also vielmehr eine Verstetigung – und ja: auch mehr Professionalisierung (keine neuen Features, besser an der Stabilität arbeiten; und die Usability des Portals hinkt der Zeit hinterher!).

    Wenn wir das L2G-Team weiter schwächen, erwarte ich ebenfalls ein schleichendes Ende des Angebots an Vorlesungsaufzeichnungen an der UHH. Damit hätten zwar mehr als 70% der Lehrenden zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich kein Problem. Die Studierenden – zumindest die der Wirtschaftswissenschaften – sehen das aber anders. Fast alle schätzen die Videos zur Wiederholung der Inhalte und für flexibleres Studieren. Das zeigen nicht nur die Ergebnisse der Befragungen von mehr als 600 Kommilitoninnen und Kommilitonen zur Akzeptanz und Funktion der Videos (https://www.wiso.uni-hamburg.de/fileadmin/einrichtungen/elearning/lecture2go_Evaluation_2008sose.pdf und http://www.e-teaching.org/praxis/erfahrungsberichte/witt_nilsson). „Mehr eLearning“ fordern auch studentische Listen immer wieder vor den Wahlen zum Studierendenparlament (und damit sind vor allem Aufzeichnungen gemeint).

    Nicht nur für Lecture2go, sondern auch für eine Verstetigung und Ausweitung des eLearning-Angebots spricht außerdem:

    Exzellente Universitäten gehen mehr und mehr dazu über, mit freien eLearning-Angeboten Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben (vgl. etwa http://www.sueddeutsche.de/digital/massive-open-online-courses-an-us-elite-unis-computerkurse-zum-nulltarif-1.1370624 beziehungsweise MIT Open Courseware, Academic Earth, Coursera oder Udacity).

    Und der eLearning-Aspekt soll ja auch bei Hochschulrankings nicht mehr unbedeutend sein…

  4. Klar ist Lecture2Go nicht frei von Problemen, diese sind allerdings von solcher Art, dass sie m.E. eher durch mehr Unterstützung und Ressourcen behoben werden könnten als durch weniger.

    Ich weiß von keiner systematischen Evaluation von Lecture2Go an meinem Fachbereich, aber in der Evaluation von Veranstaltungen, die auf Lecture2Go verfügbar sind, wird dies von den Studierenden immer wieder sehr positiv hervorgehoben. Ich selbst nutze die Plattform gern und viel, sowohl als Konsument als auch als Anbieter von Inhalten.

    Wenn ich die Lage richtig interpretiere, ist die Beschäftigungspolitik der Uni noch nicht mal ein spezielles Lecture2Go-Problem sondern eine übergreifende Situation, was die Lage nicht besser macht. Sehr schade, dass es sich nun an dieser Stelle auf diese Weise äußert, allerdings kann ich Jan da sehr gut verstehen.

    Saubere Arbeit in der Zusammenfassung, Michael!

    P.S. Zu CC und UHH-Logo sei mir ein wenig Eigenwerbung auf meine satirische Lösung für dieses Problem gestattet: http://www.julian-fietkau.de/uhh_anti_logos

  5. Daniela Friedrich sagt:

    Direkt vorab: Ich bin studentische Mitarbeiterin bei Lecture2Go und alleine deshalb schon eine Verfechterin dieser Plattform. Aber meine Mitarbeit im Team von Jan Torge Claussen, Martin Kriszat und Iavor Sturm ist längst nicht der einzige Grund für meine Begeisterung. Denn ich bin auch – und das am meisten – Studentin. Und als diese möchte ich hier gelesen werden Denn ich bin eine von denen, um die es an dieser Universität geht. Gehen sollte.

    Als ich im Oktober 2011 mein Studium aufnahm, ging ich voller Elan zur Eröffnungsveranstaltung für uns Studienanfänger. Auch unser Präsident Prof. Dr. Dieter Lenzen sprach zu uns “Neuen”. Giovanni di Lorenzo war ebenfalls als Redner eingeladen. Welcher der beiden mich an dem Abend mehr bewegt hatte, spielt hier keine Rolle. Die Worte beider waren klar: “Es geht um uns Studierende. Wir sind die Zukunft. Die Uni ist nicht ohne uns. Wir sind die Uni.” Motiviert mit diesen warmen Worten zweier Menschen, vor denen ich aus Prinzip schon gehörigen Respekt hatte, startete ich also in das Studium. Es würde jetzt so schön in meine kleine Geschichte passen, zu sagen: “Ihr habt ja gelogen! Gar nicht geht’s um uns.” Aber ganz so ist es nicht. In dem Institut, in dem mein Studienfach angesiedelt ist, habe ich tatsächlich das Gefühl, dass es um uns geht. Ich habe das Gefühl, ich kann Teil haben, ich habe eine Stimme, die mindestens gehört und ernst genommen wird. Fachschaftsräten, Professoren und Lehrenden begegnen mir auf Augenhöhe. Wir Studenten haben Einfluss. Dieses Gefühl rührt allerdings auch daher, dass unser Fachschaftsrat und die Professoren aktiv auf uns zu gehen und uns mit einbeziehen. Sie fragen uns: „Wie gefällt es euch? Was können wir besser machen?“. Und das immer wieder. Wie selbstverständlich.

    Dass Sie mich morgen nicht fragen werden, wie mein Tag so war und ob ich noch Verbesserungsvorschläge hätte, ist mir schon klar. Ich möchte meine Stimme hier nicht für “liquid democracy” an der Universität erheben. Ich möchte aber sagen, lieber Herr Präsident, liebe Vizepräsidentin und Vizepräsidenten, liebe Kanzlerin:
    Wenn Sie mich fragen, was ich von Lecture2Go halte, was ich von neuen, innovativen, mutigen Lehr- und Lernmethoden halte, dann würden Sie – noch bevor ein Wort meinen Mund verlässt – die Begeisterung in meinen Augen sehen. Und wenn Sie mich dann fragen, was ich von den Einsparungen bei Lecture2Go halte, dann würde ich Ihnen als Studentin, alleinerziehende Mutter und Mitarbeiterin meine Empörung, meine Enttäuschung und mein Unverständnis entgegenbringen.

    Und dann würde ich Sie fragen: “Um wen geht es hier eigentlich?”

  6. Michael, Du findest klare Worte. Das ist gut. Auf jeden Fall wird Lecture2Go fortgesetzt, nur wird der Personalmangel für alle Beteiligten mit erheblichen Einschränkungen  verbunden sein. Für die gute Zusammenarbeit, möchte ich Dir, den eLearning-Büros und vielen weiteren Kolleginnen und Kollegen danken. 

    Angebote wie Lecture2Go sind für eine wettbewerbsfähige Universität enorm wichtig. Flexibilität, Mobilität und Transparenz wird Lehrenden und Lernenden gleichermaßen abverlangt. Ohne die dazu notwendigen Online-Angebote hinkt die Hochschule der gegenwärtigen Informationsgesellschaft hinterher, obwohl sie ihr doch eigentlich mit Innovationen vorangehen sollte. Ich teile die meisten der im vorangegangen getroffenen Aussagen, selbstverständlich halte ich die prekäre Beschäftigungspolitik in der Wissenschaft für falsch. Um so leichter fällt mir jetzt die Wahrnehmung neuer beruflicher Herausforderungen.

  7. […] Lecture2go-Team verliert mit dem Weggang von Jan-Torge Claussen einen von drei Mitarbeitern. Formal verantwortlich für die Gesamtkonzeption und das Webdesign des […]

  8. Michael Karbacher sagt:

    Die Antwort, die ich heute vom Präsidium (Herr Prof. Dr. Holger Fischer, Vizepräsident für Studium und Lehre) erhalten habe, habe ich in einen neuen Blogbeitrag, der unter folgendem Link aufrufbar ist, gepackt:

    http://www.michael-karbacher.de/2012/07/betreff-ihr-mail-an-das-prasidium-v-27-6-mangelhafte-unterstutzung-fur-lecture2go/

  9. […] im Zentralen eLearning-Büro, hatte dem Präsidium mangelnde Unterstützung für Lecture2go vorgeworfen, nachdem Claussen das Projekt vor einigen Wochen verlassen und sich beruflich neu orientiert […]

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