Bildungsprozesse über die Lebensspanne: Lebenslanges Lernen

Textbearbeitung: Alheit, P./Dausien, B. (2010): Bildungsprozesse über die Lebensspanne: Zur Politik und Theorie lebenslangen Lernens In: Tippelt, Rudolf (Hrsg.): Handbuch Bildungsforschung. Opladen, S. 713-734

Altheit und Dausien greifen die bildungspolitischen Diskussionen um den Begriff des lebenslangen Lernens auf und definieren diesen als Programm zur Entstehung von Lernumwelten, in denen sich formale, nicht-formale sowie informelle Lernprozesse ergänzen(S.713, f.). Ausgehend von modernen bildungspolitischen und biografietheoretischen Herausforderungen, wie der veränderten Bedeutung von Arbeit (S.716), der zunehmenden Bedeutung von Wissensmanagement (S.716), der Dysfunktionalität von Bildungsinstitutionen (S.717), sowie der, mit der Individualisierung von Lebensläufen einhergehenden Planungsunsicherheit (S.718), wird die Bedeutung lebenslangen Lernens als innovatives Steuerungselement (S.4) und prädestiniertes Rahmenkonzept (S.717) hervorgehoben.

Auch im universitären Alltag, begleitet von Hochschul- und Mediendidaktikern, spiegeln sich Konsequenzen aus vorangegangene Diskussionen um lebenslanges Lernen wieder, was sich in einer zunehmenden Fokussierung auf den Kompetenzbegriff, als Alternative zur klassischen Wissensvermittlung, sowie der Institutionalisierung von Methoden wie der Portfolioarbeit oder der Integration von Personal Learning Environments, wiederspiegelt. So wurde beispielsweise an der Technischen Universität Hamburg-Harburg bereits im April 2008 ein Portfolioprojekt zur Unterstützung individueller Lern- und Entwicklungsprozesse sowie der Förderung von Eigenverantwortung und Selbststeuerung universitätsweit eingeführt1.

An der Universität Hamburg spiegeln sich Konsequenzen aus der Diskussion um Lebenslanges Lernen im Universitätskolleg wieder2, in dessen Rahmen beispielsweise Selbstreflexivität und Self-Assessment der Studierenden gefördert werden sollen, was eine Abkehr von der klassischen Wissensvermittlung bestätigt.
Insofern ist der Appell von Altheit und Dausien, klassische Bildungsinstitutionen “müssen ihrerseits akzeptieren, “lernende Organisationen” zu werden” (S.8) vielerorts bereits angekommen, insbesondere durch empirische Begleitforschung, die die geforderte institutionelle Selbstreflexivität unterstützt. Nach wie vor unzureichend berücksichtigt scheint dagegen die Frage danach, in “welchen Lernkulturen und Abhängigkeiten von überindividuellen Mustern, Mentalitäten und Milieus” sich individuelles Lernen entwickelt (vgl. S.18). Die Behauptung, selbstorganisiertes Lernen solle “bereits in der Schule erlernt und gefördert werden, damit Lernende in ihrem weiteren Lebensverlauf sowohl in formalen wie auch in informellen Lernprozessen in der Lage sind, den eigenen Qualifikationsbedarf zu erkennen und diesen gezielt zu decken”3 scheint mir die eigentliche Herausforderung an alle Beteiligten zu sein um soziale Fehlentwicklungen die durch eine Institutionalisierung lebenslangen Lernens entstehen könnte, zu verhindern.

  1. vgl. Meyer, T. / Mayrberger K. / Münte-Goussar S. / Schwalbe C. (2011): Kontrolle und Selbstkontrolle – Zur Ambivalenz von E-Portfolios in Bildungsprozessen, S. 123
  2. Universitätskolleg Hamburg http://www.uni-hamburg.de/unikolleg/projekte/index.htm (5. Juni 2012)
  3. Biel, C. (2011): Personal Learning Environments als Methode zur Förderung des selbstorganisierten Lernens, S. 103

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