Alfred Schütz – Das Problem der Intersubjektivität

Da ich mich als Vorbereitung auf ein Referat über Sozialisation nach Nichtversetzung gerade mit dem symbolischen Interaktionismus und mit George Herbert Mead beschäftige, freut es mich, dass der Name Mead auch im Titel der neunten Sitzung Handlungstheorie enthalten ist.

Zunächst geht es jedoch, anschließend an die letzte Sitzung, erneut um intersubjektives Verstehen und das, was Alfred Schütz zu diesem Thema niedergeschrieben hat.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Mead und Schütz werden dennoch gleich zu Beginn gegenübergestellt. Alfred Schütz versucht zunächst subjektiven Sinn zu fassen, um dann danach zu fragen, wie daraus intersubjektiver Sinn wird. Mead dagegen stellt diese Frage auf den Kopf. Bei Mead liegt intersubjektiver Sinn vor dem subjektiven Sinn. Da ich mich bereits etwas mit symbolischen Interaktionismus beschäftigt habe, gehe ich davon aus, dass damit beispielsweise Gesten gemeint sind, die erst dadurch intersubjektiv verständlich werden, in dem auf die Gesten in einer bestimmten Art und Weise reagiert wird. Mead hat übrigens von Schütz keine Kenntnis erlangt (umgekehrt schon).

Dies ist allerdings nur eine Vorwegnahme und Umrisslinie um Schütz und Mead miteinander in Bezug zu setzen.

Es geht weiter mit einer Frage, die bereits in der letzten Sitzung aufgeworfen wurde:
Wenn es so ist wie Schütz behauptet, dass der subjektive Sinn eines Akteurs von einem anderen nie vollständig erfasst wird, wie ist dann intersubjektives Verstehen möglich?
Die Antwort von Schütz lautet, dass nie der vollständige, sondern ein reduzierter, typischer Sinn, verstanden wird. Dadurch wird eine Differenz in den Sinnbegriff eingezogen. Beispielsweise können Begriffe Gegenstände bezeichnen (Denotation; Beispielsweise “Orange”), aber es ist auch Möglich, dass Unterscheidung eine Rolle spielt, bzw. bei dem auch Eigenschaften des beschriebenen Gegenstandes relevant sind (Konotation; Beispielsweise könnte mit dem Begriff “Orange” ja vielleicht auch eine Blutorange gemeint sein). Wobei selbst der Begriff der Blutorange eine Vielzahl von Objekten bestimmten Typs fassen kann. Die einzelnen Objekte können noch immer enorm voneinander abweichen. Eine vollständige Beschreibung, die von keinem Aspekt mehr ergänzt werden kann, ist nicht möglich. Ein Beispiel welches mir dazu einfällt, ist die unter Juristen berühmte Definition des Begriffes “Eisenbahn” durch ein Urteil des Reichsgericht 1879.

Was markiert den Bezugspunkt von Typisierungen?
Bestimmte Eigenschaften scheinen bei Typisierungen konstant zu sein. Ein Tisch beispielsweise kann sehr unterschiedliche Formen haben um noch als Tisch wahrgenommen zu werden. Möglicherweise hängt die Möglichkeit der Wahrnehmung als Tisch davon ab, ob die Verwendung als Tisch noch möglich ist. Schütz generalisiert diesen Gedanken. Die Problemrelevanz konstituiert die Typisierung. Begriffe zielen also auf Zwecke des Handelns. Die Subsumtion eines Gegenstandes unter einen Begriff hängt davon ab, ob sich der Gegenstand für den Zweck eignet, der mit dem Begriff verknüpft ist.
Für Personen gilt dies gleichermaßen, Handlungsmuster bestimmter Personenkategorien sind relevant, bei denen die Individuen austauschbar sind. So sind beispielsweise wir nicht auf persönliche Personenkenntniss angewiesen um Ärzten vertrauen zu schenken.
Der Bereich möglicher Interaktionspartner expandiert damit sehr stark, weil hinreichend intersubjektives Verstehen erreicht ist damit das persönliche, zeitintensive, intime Kennenlernen anderer Individuen für die meisten zwischenmenschlichen Beziehungen wegfallen kann.

Dieses Gedankenexperiment dient auch als Nahtstelle zur qualitativen Sozialforschung, bei der Handlungssequenzen aufgezeigt und analysiert werden. Beispielsweise bei der Transkription festgehaltener natürlicher Interaktionsverläufen, die anschließend empirisch analysiert werden. Die vorgestellte Theoriebildung, im Rahmen der Handlungstheorie, ist eine kategoriale Vorbereitung einer solchen Analyse. Die Unterscheidung etwa, zwischen Rollentypischen Handlungsmustern oder individualspezifischen Handlungsmustern ist dabei höchst relevant.

Ungeklärt ist noch die Lösung des Problems der Koordinierung der Auswahl von Typisierung durch die Individuen. Dies geschieht innerhalb der Kommunikation, durch die Verwendung von Markierungen – bestimmte kleine Hinweise werden in Gesprächen gegeben, die bestimmte Eigenschaften des angesprochenen Typs markieren. Dadurch verständigen sich Personen darüber, welche Typisierung gerade die relevante Handlungsgrundlage innerhalb der Kommunikation ist. Auch dabei können Konflikte entstehen.

Generalthese reziproker Perspektiven
Das Problem der Koordination von Typisierungen ist auch dabei relevant. Man kann sich das zunächst räumlich vorstellen: Wenn sich Personen auf gegenüberliegenden Seiten eines Objektes befinden, beschreiben sie das Objekt aus ihrer Perspektive. Wenn Sie den Standpunkt tauschen, beschreiben sie den Standpunkt aus der Perspektive, die vorher die andere Person eingenommen hat. Die Beschreibungen dürften ein hohes Maß an Ähnlichkeit aufwerfen. Diese Idealisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte ist insbesondere bei großen räumlichen Distanzen relevant. Etwa Reiseliteratur – Leser_Innen gehen davon aus, dass sie das beschriebene auch so gesehen hätten, wenn sie selbst vor Ort gewesen wären. Auch für die zeitliche Ebene gilt dies, es wird eine Individualisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte unterstellt, wenn gedacht wird, dass man aus einer Beschreibung über Vergangenheit davon ausgeht, dass man den beschriebenen Sachverhalt auch so erlebt hätte, wäre man dabei gewesen.

Es ist jedoch denkbar, dass diese Individualisierung der Austauschbarkeit der Standpunkte offensichtlich nicht gegeben ist. Darin müsste nicht strategische Absicht stecken, es könnte auch an dem eingeschränkten Blick (kognitiver Zentrismus) des beschreibenden liegen.

Neben der räumlichen und zeitlichen Idealisierung, ist also auch die Anlegung der Gesichtspunkte der Bedeutsamkeit, bzw. die Selektionskriterien die verwendet werden um Beschreibungen anzufertigen, für die Austauschbarkeit der Standpunkte Idealisiert.

Schütz unterscheidet drei Typen von idealisierten Relevanzsystemen, die zur Beschreibung von Sachverhalten verwendet werden. Diese werden in der Vorlesung nur angedeutet, sind also bei Interesse in der Literatur zu recherchieren. Grundsätzlich werden motivationale- (Um-zu; Weil), thematische-, und Auslegungsrelevanzen bei Schütz unterschieden.

Zusammenfassend lässt sich der Ansatz Schütz zusammenfassen mit der Feststellung, dass Intersubjektivität als Ergebnis eines Konstruktionsprozesses erscheint, der innerhalb von Kommunikation ständig mitläuft. Dies wird später in der Veranstaltung in Zusammenhang mit Konversationsanalyse vertieft werden.

George Herbert Mead wird am Ende der Veranstaltung noch angefangen, um eine inhaltliche Einheit zu schaffen werde ich das das Thema: “Handlungssinn als Produkt sozialer Interaktion” zusammen mit der Fortsetzung des Themas in der nächsten Sitzung Handlungstheorie, in einem späteren Blogbeitrag behandeln.

Ein Gedanke zu „Alfred Schütz – Das Problem der Intersubjektivität

  1. Alexandre sagt:

    Hallo Michael,

    vielleicht würde dich folgendes Paper interessieren: http://www.scirp.org/journal/PaperInformation.aspx?PaperID=27782

    Christian Etzrodt arbeitet hier die methodologischen Implikationen der Schütz-Parsons-Debatte heraus. Für ein tieferes Verständnis von Schütz lassen sich, meiner bescheidenen Meinung nach, auch die anderen Arbeiten von Christian Etzrodt gewinnbringend lesen.

    Liebe Grüße,
    Alexandre

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