„A Plea for Earthly Sciences“ – Eine Auseinandersetzung mit einem Vortrag Bruno Latours

„A Plea for Earthly Sciences“ – Eine Auseinandersetzung mit einem Vortrag Bruno Latours, der anlässlich des Treffens der British Sociological Association im April 2007 gehalten wurde.

  1. Bruno Latour

„A Plea for Earthly Sciences“ ist Titel des Vortrages Bruno Latours (*1947), der anlässlich der jährlichen Versammlung der British Sociological Association im April 2007 gehalten wurde. Bruno Latour, bekannt für seine programmatischen Werke „Wir sind nie modern gewesen“ von 1997 und „Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft“ von 2007 gilt als Begründer der Actor-Network-Theory und steht stellvertretend für ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften, das sich ausgehend von Frankreich seit Beginn der 1990er Jahre weltweit verbreitet hat. Neben Jürgen Habermas dürfte Bruno Latour zu den am häufigsten sozialwissenschaftlich rezipierten lebenden Personen zählen. Daher erscheint die Beschäftigung mit Bruno Latour insbesondere aus Aktualitätsgründen besonders reizvoll, wobei die vorliegende Arbeit versuchen wird darzustellen, dass aus Perspektive Latours der damit zum Ausdruck kommende Fortschrittsglaube auf eine Fehleinschätzung zurückgeht.

  1. A Plea for Earthly Sciences

Als Ausgangslage für sein Plädoyer erdgebundener Wissenschaften referenziert Bruno Latour das Buch „The Revenge of Gaia“ von James Lovelock. Darin wird Latour zufolge aufgezeigt, dass das herausragende Merkmal der menschlichen Weltgesellschaft darin besteht, kollektive Handlungen hervorgebracht zu haben, die nicht mehr durch negatives Feedback ausgeglichen werden (vgl. Latour 2007, S. 1).
Diese zentrale Einschätzung Latours lässt sich mit Hilfe kybernetischer, bzw. systemtheoretischer Perspektiven verstehen, unabhängig davon, dass Latour die Systemtheorie Luhmanns explizit mit den Worten „(…) there are no systems and no sub-system (…)“ kritisiert (ebd. S. 7).
Ein zunächst ungeklärtes Ziel, bzw. eine Funktion, wird vom menschlichen Kollektiv anvisiert und die kollektiven Handlungen entsprechend des Feedbacks der Umwelt reguliert. Unter Systemumwelt ist in diesem Fall „Gaia“ als Bezeichnung für das Lebenserhaltungssystem unseres Planeten zu verstehen.

Latour sieht zwei mögliche Zukunftsszenarien für dieses kybernetische System, ausgehend von einem unveränderlichen Ziel. Die erste Möglichkeit besteht darin, dass die kollektive Menschheit ihr Ziel erreicht, was die Vernichtung von Gaia und damit letztlich der Zivilisation zur Folge hat, die ohne Lebenserhaltungssystem nicht existieren kann. Die zweite Möglichkeit besteht darin, dass es Gaia doch noch gelingt, negatives Feedback hervorzubringen, um das Ziel der kollektiven Menschheit zu verhindern. Dadurch bliebe zwar Gaia erhalten, die Zivilisation wird jedoch auch in diesem Szenario, aufgrund ihrer mangelnden Fähigkeit das Ziel ihrer Bestrebungen zu verändern, ausgelöscht (vgl. ebd, S. 1).
Die Funktion des kybernetischen Systems, dem unsere kollektive Menschheit angehört, gleichsam das Ziel welches diese anvisiert und welches die Zerstörung des Lebenserhaltungssystems unseres Planeten zur Folge hat, wird mit dem Begriff „Emanzipation“ umschrieben (vgl. ebd. S. 3). Der Begriff der „Emanzipation“ geht einher mit dem Begriff „Moderne“, der als Bezeichnung für dieses spezifische kybernetische System interpretiert werden kann (vgl. ebd. S. 3). Als binärer Code für dieses Funktionssystem stellt Latour die Unterscheidung „society“/“nature“ zur Verfügung (vgl. ebd. S. 6).

Mit den Begriffen „Moderne“ und „Emanzipation“ versucht Latour eine Fehleinschätzung der Menschen über sich selbst zum Ausdruck zu bringen, die auf der falschen Annahme beruht, sich immer weiter frei und unabhängig von der eigenen Systemumwelt machen zu können (vgl. ebd. S. 3). Stattdessen stellt sich die Moderne als Lernprozess dar, der die vielfältigen Abhängigkeiten zur Umwelt erst explizit gemacht hat.
Latour behandelt die Frage nach dem Ende der Zivilisation oder nach menschlich verursachten Naturkatastrophen nicht konkreter (vgl. ebd, S. 2). Es offenbart sich vielmehr als Prämisse Latours, dass die Entwicklung der Menschheit, mit der wohl vor allem Wachstum und in Konsequenz die Zerstörung der Natur gemeint ist, bereits kurzfristig nicht aufrecht erhalten werden kann (vgl. ebd, S. 2). Stattdessen wird ein alternatives Gesellschaftssystem angedeutet, dessen Funktion im Explizieren von Abhängigkeiten statt in einer Emanzipation von der Umwelt liegt und das nicht länger nur aus Menschen, sondern „Earthlings“ besteht, wodurch bereits eine Verbundenheit zur Umwelt, statt einer Unterscheidung von dieser zum Ausdruck gebracht wird (vgl. ebd. S. 3).
Soziologisch relevant wird dies vor dem Hintergrund, dass in Anbetracht des Scheiterns bisheriger kollektiver menschlicher Aktivitäten und vor dem Hintergrund sich anbahnender drastischer Veränderung von Lebensumständen der Gegenstand der Soziologie neu in Erfahrung gebracht werden muss, bzw. nach Latour die Frage nach dem Sozialen auch in den Sozialwissenschaften neu beantwortet werden muss (vgl. ebd. S. 2).
Bezug nehmend auf den Philosophen Peter Sloterdijk (vgl. Sloterdijk 2004) stellt Latour dar, dass die Bedingungen der Lebenserhaltung in dem Ausmaß explizit und damit Gegenstand von Auseinandersetzungen werden, in dem sie problematisch werden. Damit ist auch gemeint, dass etwa die Frage nach sozialer Ordnung nicht mehr innerhalb gegebener Umstände beantwortet werden kann, sondern zunächst die Umstände als nicht länger starr gegeben erfasst werden können, also hinterfragt werden müssen. Daraus lässt sich eine Kritik an den auf Émile Durkheim zurückgehenden Grundlagen der Soziologie auffassen, zu denen es gehört, Soziales aus sich selbst heraus erklären zu wollen. Latour bezieht sich dabei auf eine Auseinandersetzung zwischen Émile Durkheim mit Garbriel Tarde, der Durkheim regelmäßig vorwarf, Ursachen und Wirkungen zu verwechseln, also statt einer Erklärung für das Soziale, das Soziale selbst als Ursache für Erklärungen anderer Sachverhalte anzusehen (vgl. Latour 2007, S. 4).
Die Moderne und die Emanzipation des Menschen sind nach Latour das historische apriori für die Entstehung der Frage nach dem Sozialen (vgl. ebd. S. 3). In der jetzigen Zeit, in der dieses historische apriori der Vergangenheit als solches wahrnehmbar wird, kann, so Latour, die Antwort auf die Frage nach dem Sozialen nicht mehr auf die gleiche Art beantwortet werden (vgl. ebd. S. 3).

Der Vorschlag Latours, um die Sozialwissenschaften mit der Möglichkeit auszustatten fehlgeleitete Perspektiven zu überwinden, lautet, vom Studium des Sozialen zum Studium von Assoziationen überzugehen (vgl. ebd. S. 4). Hintergrund dieses Appels ist die Einschätzung, dass bereits das Wort „Sozial“ eine ausgrenzende Unterscheidung zum nicht-sozialen markiert. Was unter dem nicht-sozialen zu verstehen ist, bleibt zwar vage, jedoch subsumiert Latour eine Vielzahl an Themen darunter, die regelmäßig zur Soziologie in Opposition gebracht werden. Etwa die Natur, das Materielle, die Biologie, die Psychologie und vieles mehr, das von der Fokussierung des Sozialen unterscheidbar ist (vgl. ebd. S. 4).

Das Studium von Assoziationen soll neben der Anpassung der Sozialwissenschaften an zeitgemäße Erfordernisse auch dazu befähigen, die einengenden Grenzen funktional differenzierter Wissenschaftsdisziplinen zu überwinden, die das Studium der nach Latour offensichtlich disziplinüberschreitenden Verbindungen der Probleme unserer Gesellschaft erschweren oder gar verhindern (vgl. ebd. S. 4). Als weitere Prämisse in der Argumentation Latours wird demnach deutlich, dass die Probleme der jetzigen Gesellschaft unter der Bedingung funktional differenzierter Wissenschaftsdisziplinen nicht zu lösen sind.

Bereits in einer Formulierung Latours aus dem Jahr 1988 findet sich seine fundamentale Epiphanie, die mit zu dieser Einschätzung, Soziales nicht aus sich selbst heraus erklären zu können, beigetragen haben dürfte: „Nothing can be reduced to anything else, nothing can be deduced from anything else, everything must be allied to everything else“ (Latour 1993, S. 163). In diesem Zitat wird deutlich, dass neben der Ausgrenzung nicht-sozialer Bereiche bzw. der Thematisierung disziplinüberschreitender gesellschaftlicher Probleme, ein fundamental-epistemologischer Einwand gegen die Erklärung des Sozialen mit Sozialem spricht. So lässt sich aus dieser Behauptung Latours ein epistemologischer Einwand gegen viele soziologische Ansätze und empirische Herangehensweisen ableiten, etwa wenn ein Museumsbesuch als Indikator für eine bestimmte soziale Stellung gewertet wird, oder funktionale Differenzierung als wesentliches Merkmal der Gesellschaft herausgestellt wird, mit der selbst Alltagshandeln von einzelnen Individuen zu erklären versucht wird.

Derartige Theorien werden damit zu Gunsten einer flachen Soziologie kritisiert, die Verbindungen nachgeht, diese explizit macht und das Aufzeigen der vielfältigen Verbindungen sowie deren Qualität als relevante Erkenntnisse markiert. Oder in den Worten Latours: „(…) society, or rather the collective, is the consequence of all the different types of association –and not its cause“ (Latour 2007, S. 7).

Die kritische Perspektive Latours macht auch nicht vor dem eigenen Ansatz halt. So wird an der Actor-Network-Theory, die Theorie und empirische Methode der Soziologie kollektiver Verbindungen, die weder Theorie noch Methode sein will, kritisiert, sich vorwiegend dadurch auszuzeichnen darauf hinzuweisen, dass jede Form der Verbindung einzigartig ist, ohne angeben zu können, inwiefern diese einzigartig sei (vgl. ebd. S. 7).

Dennoch hält Latour daran fest, dass es einen Gegenstand für die Sozialwissenschaften gibt, der nicht neben den Gegenständen anderer Disziplinen steht, sondern das darstellt, welches unterscheidbares verbindet (vgl. ebd. S. 4).

Dieser Gegenstand muss, so Latour abschließend, durch eine stärkere und radikalere Form des Empirismus erforscht werden, die der erfahrbaren Wirklichkeit nichts hinzufügt, dieser insbesondere jedoch auch nichts abzieht, wobei Latour in Rückgriff auf William James (vgl. James 1996) explizit auch sprachliche Verbindungswörter, Konjunktionen und Präpositionen meint (vgl. Latour 2007, S. 8).

  1. Abschließende Bemerkungen

Offensichtlich genügt die intensive Auseinandersetzung mit einem Vortrag eines Soziologen wie Bruno Latours noch nicht, der seit über 30 Jahren Werke publiziert, um den epistemologischen Grundlagen und den vielfältigen Konsequenzen seiner Erkenntnisse detailliert nachzugehen. Auch lässt sich so kaum ein Urteil über die teils drastisch anmutende Kritik Latours an der Soziologie der letzten hundert Jahre fällen, egal wie nachvollziehbar diese erscheint.

Auffallend ist jedoch, wie sehr die Ideen Bruno Latours einem Wunsch nach verhältnismäßig radikaler Erneuerung in den Sozialwissenschaften entgegenkommen zu scheinen, wodurch das Ausmaß der Verbreitung der Actor-Network-Theory erklärbar wäre. So dürften wohl insbesondere moderne Kommunikationsmedien eine Irritation unter Sozialwissenschaftler verursachen, die den expliziten Einbezug nichtmenschlicher Akteure, im Sprachgebrauch der Actor-Network-Theory als Aktanten bezeichnet, in sozialwissenschaftliche Perspektiven wünschenswert erscheinen lässt.

Konnte früher in empirischen Arbeiten das Zusammenleben von Menschen in Fahrstühlen, auf Rolltreppen oder zu Hause beim Abendessen noch relativ ungestört, innerhalb einer bestimmten Umwelt beobachtet werden, so scheint dies unter der Bedingung technisch beeinflusster Kommunikation zunehmend erschwert. Es bleibt abzuwarten, ob die Actor-Network-Theory in der Lage sein wird, befriedigende Erklärungen über den Menschen bzw. Erdlinge hervorzubringen, oder ob sich ihre Leistung auf die Kritik an bestehendem reduziert.

 

Literatur

James, William (1996): Essays in Radical Empiricism. Neuauflage. London
Latour, Bruno (1993): The Pasteurization of France. Neuauflage. London
Latour, Bruno (2007): A Plea for Earthly Sciences. http://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/102-BSA-GB_0.pdf (zuletzt aufgerufen am 14. September 2014)
Sloterdijk, Peter (2004): Sphären III. Schäume. 1. Auflage. Frankfurt

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