Werte und Normen als Orientierungsgrundlage bei Talcott Parsons

Talcott Parsons versuchte mit seinem Werk von 1937, The Structure of Social Action, eine allgemeine Theorie des Handelns zu entwickeln, die nach seiner Ansicht bei Max Weber, Émile Durkheim, Alfred Marshall und Wilfried Pareto bereits angelegt ist.

Parsons geht es gleich zu Beginn darum, eine allgemeine Theorie des Handelns zu entwickeln, er hat also, im Gegensatz zu Weber, keine Idealtypen aus empirischem Material herausbilden wollen. Er formuliert einen Referenzrahmen des Handelns (Action frame of reference). Die Orientierung an Zielen wird dabei für Handeln als universell gesetzt. Ohne Zielsetzung kommt man nicht aus. Auch affektuelles Handeln wird mit Zielen verknüpft (z.B. eine affektuelle Handlung als Rache). Über die Rationalität der Handlung ist damit noch nichts gesagt.

Dieser Kernbereich genügt Parsons jedoch noch nicht, um Handeln zu beschreiben.

Bei Parsons spielen Werte und Normen eine Rolle Foto von are, Lizenz: CC, BY http://www.flickr.com/photos/evangelisch_de/3389858650/

Bei Parsons spielen Werte und Normen eine Rolle
Foto von are, Lizenz: CC, BY
http://www.flickr.com/photos/evangelisch_de/3389858650/

Normative Standards sind bei Parsons eine weitere Ressource, die bei jedem Handeln involviert sind – dies stellt einen Gegensatz zu Weber dar.

In der modernen Gesellschaft ist man nach Parsons mit einer Leistungsethik konfrontiert. Leistung muss optimiert werden, was eine normative Forderung ist, die an jeden gestellt ist (von wem bleibt mir erstmal unklar).

Auch im Konzept der Selbstentfaltung ist eine normative Zumutung enthalten, weil die Nicht-Inanspruchnahme von Selbstentfaltung mit einem Defizit gleichgesetzt wird. Rationalität von Handeln ist also keineswegs frei von Normen, sondern wird an das Individuum herangetragen und ist Institutionalisiert.

Die systematische Ebene der Argumentation bei Parsons wird erreicht mit der Frage, wie ein Handeln zu denken ist, dass die verschiedenen Komponenten (Ziele, Bedingungen, Mittel, Energieverwendung) auseinanderhält und Handeln als etwas deutet, was auf der (voluntaristischen – freiwilligen) Wahl eines Akteurs beruht.

Um Ziele, als willentliche Entscheidung, von Mitteln unterscheiden zu können, werden normative Standards für die Auswahl benötigt. Das scheint so zu sein, weil Parsons keine Alternativen zu den normativen Standards findet. Wenn beispielsweise nämlich Bedürfnisse im Organismus verankert wären, könnten Bedingungen und Ziele nicht unterschieden werden, weil der Organismus zu den Bedingungen des Handelns gehört. Die Unterscheidung würde zusammenbrechen und der Begriff des Handelns könnte nicht beschrieben werden.

Ich nehme das auch nur zur Kenntnis, werde aber wohl nochmals darüber nachdenken müssen 😉

Offene Frage an dieser Stelle ist nach wie vor, ob voluntaristisches Handeln überhaupt existiert. Soweit zu Parsons am Ende der dritten Sitzung der Vorlesung Handlungstheorie.

Für die vierte Sitzung geht es direkt weiter mit Talcott Parsons und mit der Frage:

Wie kann Parsons zeigen, dass tatsächlich Handeln, bei dem die Auswahl der Ziele an normativen Standards orientiert sind, Voraussetzung dafür ist, dass soziale Ordnung möglich ist?

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Parsons Handlungstheorie ist eine Gegenposition zum Utilitarismus. Im Utilitarismus werden Ziele auf Basis von Bedürfnissen ausgewählt, und von Handelnden zweckrational angestrebt, wobei eigenständige normative Orientierungen nicht notwendig vorausgesetzt werden, weshalb sich der Utilitarismus in das Dilemma verstricke, entweder die Zufälligkeit der Variationen von Zielen annehmen zu müssen, oder davon ausgehen zu müssen, dass Ziele von organischen Verankerungen bestimmt werden und damit von Bedingungen nicht zu unterscheiden seien.

An dieser Stelle erfolgt bei Parsons ein zweiter Schritt. Er empirisiert seine Handlungstheorie allmählich, lässt die reine Begriffsanalyse also hinter sich, und möchte zeigen, dass sein Handlungsbegriff empirisch adäquat ist. Er knüpft dabei an die philosophische Tradition, etwa Thomas Hobbes, an. Bei Hobbes ist der Naturzustand der Individuen, regiert zu sein von ihren Leidenschaften (Bedürfnissen) und alle Akteure versuchen nichts anderes als ihre Bedürfnisse so weit wie möglich zu erfüllen, ohne moralische Rücksichtnahme, also ohne normative Standards.

Mit diesem Gedankenexperiment lässt sich nicht erklären, wie gesellschaftliche Ordnung, als verankerte, normative Ordnung, möglich ist. In einer solchen Gesellschaft müsste ständig damit gerechnet werden, beraubt, versklavt oder getötet zu werden. Jede und jeder einzelne müsste also Vorkehrungen treffen um nicht in eine solche Situation zu geraten. Auch Eigentum wäre unter dieser Voraussetzung kaum möglich.

Es stellt sich die Frage, ob dieses Gedankenexperiment zutrifft. Empirisch gesehen gibt es zwar Regionen, in denen solche Zustände der weitgehenden Auflösung sozialer Ordnung existieren (Krisengebiete, Bürgerkriegsgebiete, etc.), da derartige Szenarien allerdings eher als Ausnahmefall zu sehen sind und eng begrenzt sind, kann sozialer Frieden als grundsätzlich gegeben gesehen werden. Bei Hobbes ist für den Widerspruch zu seinem Bild des Naturzustandes dafür ein Gesellschaftsvertrag ursächlich, dem die Gesellschaftsmitglieder zustimmen und ihn einhalten. Hobbes sieht die Furcht vor dem Tode, als alles dominierende Leidenschaft, als ursächlich, diesem Gesellschaftsvertrag zuzustimmen, womit durch Aufgabe von Freiheit, Sicherheit für Leib und Leben erhalten wird. Motivierendes Element ist also wieder die Bedürfnisnatur des Menschen und nicht normative Standards.

Parsons meint, dass innerhalb des Utilitarismus ein Übergang, also eine Form des Gesellschaftsvertrages wie bei Hobbes, nicht konstruiert werden kann. Beispielsweise ist ein kollektiver Beschluss Waffen zu vernichten nicht denkbar. Eine Instanz, die die Einhaltung eines solchen Vertrages erzwingen könnte, existiert zu dem Zeitpunkt, zu dem sie benötigt würde, nicht. Sie müsste erst eingerichtet werden.

Bei Parsons hat die Situation des Vertragsschlusses die Struktur eines Gefangenendilemmas (das Gefangenendilemma wird zu einem späteren Zeitpunkt der Vorlesung nochmals genauer behandelt werden). Unter verschiedenen Akteueren muss sich jede/r fragen, ob die anderen Akteure den Vertrag erfüllen werden und auch selbst überlegen, ob er/sie selbst den Vertrag erfüllen will. Das eigene Handeln hängt also auch davon ab, ob andere den Vertrag voraussichtlich einhalten werden.

Ich werde den Vertrag selbst nicht erfüllen, bei angenommenem rationalem handeln, wenn ich annehme, dass die anderen den Vertrag nicht annehmen.
Für den Fall, dass ich annehmen würde, andere würden den Vertrag annehmen, könnte ich selbst auf die Idee kommen, selbst durch Zurückhaltung von Waffen mich besser zu stellen (andere unterwerfen oder ähnliches), also einen Vorteil zu verschaffen.
Daraus lässt sich schlussfolgern, dass für mich als nutzenmaximierenden Akteur auf jeden Fall die Nichteinhaltung des Vertrages am sinnvollsten ist. Genauso denken jedoch die anderen Akteure, also kommt kein Gesellschaftsvertrag zustande.
Innerhalb der Weltsicht von Hobbes, in der Akteuere nicht von normativen Orientierungen geprägt sind, ist ein Gesellschaftsvertrag also nicht zu denken.

Folglich muss die Hürde zum friedlichen Zusammenleben, das wie dargestellt als empirisch belegte Realität gilt, anders genommen worden sein. Bei Parsons eben mit normativen Standards.

Normative Standards wirken auf zwei Weisen. Einerseits bei der Auswahl, bzw. Bestimmung erstrebenswerter Handlungsziele. Normative Standards beschränken aber auch die zulässigen Handlungsmittel. Letzte Werte werden spezifiziert auf einzelne Handlungen hin, und wirken dann einschränkend als normative Regeln. Anders formuliert: Allgemeine Werte werden in einzelnen Handlungen spezifiziert.

Der Wert der Gerechtigkeit ist so weit gefasst, dass er unter Umständen zu gegensätzlichen Normen führt. Die Ebene der letzten Werte kann also eine Integrationsfunktion erfüllen, in Relation zu unterschiedlichen, situationsspezifischen normativen Orientierungen. Die Ebene der Werte und Normen können auseinander gezogen werden. Je differenzierter eine Gesellschaft ist, desto mehr ist mit einer Unterscheidung der Differenz von Werten und Normen zu rechnen. Umgekehrt: Je weniger differenziert eine Gesellschaft ist, desto weniger sind Werte und Normen unterschiedlich.

Wie sind normative Werte und Normen in der Persönlichkeit der Akteure verankert?
Es geht um die persönlichkeitstheoretischen Implikationen und die Subsysteme von Handlungssystemen. Parsons knüpft bei seiner Erklärung an die Persönlichkeitstheorie von Sigmund Freud, und der Verinnerlichung normativer Orientierung von Kindern durch Sozialisation, an. Das Individuum hat eine Instanz der Selbstzensur (das Über-Ich), die das Individuum auch bestrafen kann, wenn es in seinem Handeln nicht mit seinen Werten und Normen übereinstimmt. Das tue ich evtl. nicht nur, in dem ich beurteile, wie andere mich beurteilen (kognitiv), sondern ich identifiziere mich ggf. zugleich mit der Perspektive anderer (identifikatorisch).
Wenn ich das Gefühl habe, eine Regel ist nicht verpflichtend, bzw. nicht moralisch anerkannt, (sie könnte auch lediglich nützlich sein), wird sie grundsätzlich nicht verpflichtend anerkannt, so die These Parsons. Verbindlichkeit muss anerkannt sein. Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass Regeln erstrebenswert sein müssen, sie bezeichnen etwas positives. Bei Immanuel Kant rückt beispielsweise der Gesetzescharakter von Normen stärker in den Vordergrund.

Parsons kommt in seiner Auseinandersetzung der Rolle normativer Standards und Untersuchung der Binnenstruktur von Menschen zu einer Theorie, die Handeln als System analysiert, in der jedes Handlungssystem in Subsysteme differenziert ist. Die Grundlagen der Interpretation sind generalisierte Symbole und Werte. Werte müssen zu normativen Orientierungen spezifiziert werden. Wenn normative Orientierungen gebündelt werden, entstehen normative Rollen, beispielsweise Berufsrollen oder typisch männlich oder weibliches Verhalten. In den sozialen Rollen werden wir auch beobachtet von Interaktionspartnern unter dem Gesichtspunkt, inwiefern wir den normativen Anforderungen entsprechen. Entsprechend erhalten wir Kooperation oder Sanktion. Normative Anforderungen sind also institutionalisiert. Normative Orientierungen müssen auch in das Persönlichkeitssystem integriert sein und zu einem inneren Bedürfnis werden. Diese Orientierungen müssen also internalisiert sein. Es gibt folglich auch äußere und innere Kontrolle.

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