Soziologische Perspektive auf die vernetzte Öffentlichkeit

Wie ich das bereits in einem anderen Beitrag kurz angerissen habe, möchte ich mich im Rahmen meines empirischen Praktikums mit Bloggen, als einer sozialen Handlung, auseinandersetzen.

Genauer möchte ich in einer handlungstheoretischen Perspektive, explorativ, mit Hilfe von qualitativen Interviews, versuchen darzustellen, inwiefern einerseits ein eigenes Blog, andererseits Facebook, nach Meinung der Allgemeinheit, zu nutzen sind.

Vereinfacht gesagt, möchte ich Menschen danach befragen, wie man ihrer Meinung nach Facebook nutzen kann, und andererseits, wie man ihrer Meinung nach Blogs nutzen kann.

Ich erwarte mir davon, sichtbar machen zu können, dass Facebook als ein Medium wahrgenommen wird, dass sich für alles mögliche eignet, während Blogs eher für spezifischere Dinge genutzt werden.

Dieser Hypothese liegt die Annahme zugrunde, dass Blogs etwas wiederspiegeln können, was in der Bourdieu-orientierten Habitusforschung beispielsweise Fotos zugeschrieben wird.

Bourdieu selbst etwa hat sich den “sozialen Gebrauchsweisen der Photographie” gewidmet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass “die der Photographie zugeschriebene Bedeutung und Funktion unmittelbar an die Struktur der Gruppe, an deren mehr oder weniger ausgeprägte Differenzierung und insbesondere an deren Stellung in der gesamtgesellschaftlichen Struktur gebunden sind” (Bourdieu, S. 20).

Ich versuche also entsprechend nachzuweisen, dass Blogs sowohl inhaltlich, als auch alleine in ihrer Existenz, Auskunft über die soziale Stellung ihrer Betreibenden geben. Insbesondere insofern, als dass Bloggen, weitläufig schon an sich von einem eher gehobeneren Publikum betrieben wird, während andere Onlinemedien, wie Facebook auch vom “Pöbel” genutzt werden.

Die Relevanz einer solchen Fragestellung möchte ich kurz anhand eines Beispiels darstellen, auf das ich in den Mitschnitten der Vorlesung “Vernetzte Öffentlichkeit” von Jan-Hinrik Schmidt gestoßen bin. Das verlinkte Video ist ein Ausschnitt aus der ersten Sitzung der Vorlesungsreihe und zielt genau auf die Stelle, die ich meine: Hier ansehen (ca. 5 Minuten).

Tessas Facebook-Party und die mediale Reaktion auf die Ereignisse ist ein sehr schönes Beispiel, für etwas, man wissenssoziologisch mit “Vom Diskurs zum Dispositiv” umschreiben könnte. Es ist dafür nahezu perfekt geeignet, weil der Diskurs einen relativ klaren Anfang hat und sich eines der Dispositive im Video klar benennen lässt.

Vom Diskurs zum Dispositiv in Lichtgeschwindigkeit. Foto: Colors! von Andrew Hart, Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Vom Diskurs zum Dispositiv in Lichtgeschwindigkeit.
Foto: Colors! von Andrew Hart, Lizenz: CC 2.0: BY, SA

Tessa hat hier eine bestimmte soziale Handlung vollzogen, nämlich auf Facebook eine Veranstaltung erstellt, zu der sich jede Person einladen kann. Diese Handlung hat bestimmte Auswirkungen, wie beispielsweise, dass viele Menschen sich auf Facebook als Teilnehmende eintragen und eine große Anzahl Menschen am festgelegten Tag und Ort erscheint.

Der Diskurs über Facebookpartys und insbesondere darüber, welche Einstellungen man bei Facebookpartys vornehmen muss, damit sich nicht jede Person selbst einladen kann, ist damit entbrannt.

Hier entsteht etwas, was etwa Berger und Luckmann als Institutionalisierung bezeichnet haben.

Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden. Jede Typisierung, die auf diese Weise vorgenommen wird, ist eine Institution. (Berger, Luckmann, S. 58)

Innerhalb des Diskurses wird das Bild geformt, dass man die Einstellungen bei Facebookpartys restriktiv wählen sollte. Wie man die Einstellungen für eine Facebookparty zu wählen hat, wird zu einer Institution.

Es geht sogar so weit, dass Sanktionen gegen Personen vorgenommen werden (Dispositive), die weiterhin die Einstellungen für Partys so wählen, wie das vor Tessas Party sicher häufiger gemacht wurde. Im verlinkten Video wäre das etwa die MoPo-Überschrift, die Akteure als Trottel beschimpft, die gegen die Institutionalisierte Facebook-Handhabung verstoßen.

Das also, als schönes Beispiel aus der Praxis, um zu veranschaulichen, dass es sehr zentral ist, wie wir soziale Medien nutzen und wofür wir sie nutzen, weil dies Auswirkungen hat, die bestimmen, wie unsere Welt aussieht.

Literatur:
Bourdieu, Pierre (1981): Einleitung. In: Bourdieu, Pierre/Boltanski, Luc/Castel, Robert/Chamboredon, Jean-Claude/Lagneau, Gérard/Schnapper, Dominique (1981): Eine illegitime Kunst: Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie. Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt, S. 11-21.
Berger, Peter L./Luckmann Thomas (1980): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (2012) Frankfurt a.M.

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