Konversationsanalyse nach Harvey Sacks, Emanuel Schegloff und Gail Jefferson

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Bei der Konversationsanalyse steht im Mittelpunkt, die routinierte Herstellung von Intersubjektivität innerhalb der Kommunikation, insbesondere durch sequentielle Abläufe, zu erklären.
Es wird dabei versucht zu beobachten, wie interpretative Beziehungen zwischen Äußerungen hergestellt werden. Eine Voraussetzung dafür ist, da wir reine Gedanken nicht lesen können, sich mit Kommunikationsmechanismen zu beschäftigen.
Bestimmte Äußerungsformen, die in paarweiser Verknüpfung miteinander auftreten, wie Frage und Antwort, oder Kritik und Rechtfertigung, liefern dabei aufgrund ihrer Struktur besondere Einblicke bezüglich der Frage, wie intersubjektives Verständnis erzeugt wird.

Bei der Analyse paarweiser verknüpfter Äußerungsformen ist dies einzig aus den sprachlichen Äußerungen heraus schwierig, wenn eindeutige Verknüpfungswörter oder verknüpfende Aussagen fehlen.

Ein Beispiel von Konversationsanalytikern zur Verdeutlichung der Interpretationsressourcen verknüpfter Äußerungen:

A: Was ist mit dem Braten geschehen?
B: Der Hund sieht sehr glücklich aus.

In dieser Situation muss mit der Beschreibung des Aussehens des Hundes noch keine Verknüpfung mit dem Verbleib des Bratens bestehen. Sprachlich ist hier keine Verknüpfung der beiden Aussagen vorhanden, lediglich die zeitliche Abfolge der Äußerungen legt den Schluss nahe, dass der Hund möglicherweise mit dem Verschwinden des Bratens in Zusammenhang steht.

Die Regel für die Verknüpfung von Äußerungen, die zur Konversationsanalyse gehört, liefert hier also eine Interpretationsressource. Da Aussagen nicht für sich genommen, sondern in einem Verhältnis zu anderen Äußerungen stehen, liefert die Verknüpfung von Äußerungen eine Ressource, um Äußerungen zu interpretieren.

Auch Schweigen, als schuldigbleiben einer Antwort, wird zugerechnet, was mit folgendem Beispiel verdeutlicht wird:

A: Gibt es etwas, das dich beunruhigt?
B: (schweigen)
A: Ja, oder Nein?
B: (schweigen)
A: hm?
B: Nein.

A geht hier offensichtlich davon aus, dass die Frage verstanden wurde, was sich daran zeigt, dass die Frage nicht wiederholt wurde. Mit dem “hm?” wird eine Erinnerung zur Beantwortung der Frage zum Ausdruck gebracht.

In der Konversationsanalyse findet sich also eine Überführung der vergangenheitsbezogenen biographischen Elemente, oder zukunftsgerichteter Handlungspläne, wie sie Alfred Schütz für die Interpretation subjektiven Handlungssinns eingeführt hat, in Form von kommunikativen Anschlussmöglichkeiten in Relation zu einer Äußerung.

Die Anschlussmöglichkeiten von kommunikativen Äußerungen sind nicht mehr nur auf der Ebene des subjektiven Sinnes eines Individuums verankert, wie dies beim Handlungsbegriff noch der Fall war, sondern als öffentliche Ereignisse, potenziell sehr viel weitreichender. Bei gravierenden Ereignissen, wie beispielsweise dem 11. September, als terroristisch enkodierte Mitteilung und damit als kommunikatives Ereignis, kann Anschlusskommunikation auch global relevant werden.
Wobei die Einbeziehung von Massenkommunikation selbst noch kein ausgeprägter Bestandteil der Kerntätigkeit konversationsanalytischer Betrachtung selbst ist, sondern sich beispielsweise in der Systemtheorie finden, und hier nur das Potenzial kommunikativer Äußerungen gegenüber dem subjektiven Sinn von Einzelhandlungen verdeutlichen soll.

Bei der Konversationsanalyse werden kommunikative Äußerungen im Kontext analysiert. Foto: "Give Me Something to Say" von Cynthia Chang; Lizenz: CC 2.0: BY, NC

Bei der Konversationsanalyse werden kommunikative Äußerungen im Kontext analysiert.
Foto: “Give Me Something to Say” von Cynthia Chang;
Lizenz: CC 2.0: BY, NC

Damit soll zunächst der Rahmen verdeutlicht sein, wie man von einer Perspektive auf den subjektiven Handlungssinn, wie dies bei Alfred Schütz der Fall war, zu einer Perspektive kommt, die sich auf die kommunikative Zuweisung von Sinn stützt.

Bei der Konversationsanalyse ist die elementare Einheit von Kommunikation eine Verknüpfung von zwei Mitteilungsereignissen. Daher ist bei der Konversationsanalyse die Sorte von Äußerungen von Interesse, die als Nachbarschaftspaare bezeichnet werden, etwa Frage und Antwort, Einladung und Ablehnung/Annahme.

Das Beispiel Einladung und Ablehnung/Annahme verdeutlicht bereits, dass Nachbarschaftspaare aus unterschiedlichen Kommunikationshandlungen bestehen können. Wobei das Fehlen einer Reaktion in diesem Beispiel wieder konfliktbehaftet sein könnte.

Äußerungen, die als Glied eines Nachbarschaftspaares aufgefasst werden können, werden also innerhalb der Kommunikation produktiv, weil sie die Erwartung auf eine Folgeäußerungen bestimmten Typs aufspannen. Die Kommunikation läuft störungsfrei, solange diese Erwartungen erfüllt werden. Abweichungen verlangen nach Interpretation. Damit werden Abweichungen sinnproduktiv. Es wird mit ihnen ein Horizont von möglichen Interpretationsmöglichkeiten eröffnet, eine eindeutige Interpretation scheint dagegen nicht möglich.

Aus konversationsanalytischer Perspektive sind Abweichungen besonders relevant.

A: Wieso kommst du so spät?
B: Ich hatte starke Zahnschmerzen und musste daher zum Zahnarzt.

Diese Konversation ist ein Beispiel für eine conditional relevance. Die Aussage von B wird vor dem Hintergrund der Aussage von A interpretiert und nicht etwa als eigenständige, losgelöste Äußerung. Sie wird unter dem Aspekt betrachtet, inwiefern oder inwiefern auch nicht, sie als Antwort auf die vorangegangene Frage in Betracht kommt.

A: Es geht ihr gut.
B: Nun, sie ist noch nicht zurück.

Auch hier ist es möglich sich zu Fragen, inwiefern die Äußerung von B auf die Aussage von A zu beziehen ist, ohne den äußeren Kontext der Äußerungen zu kennen.
Die Äußerung von B erhält eine Bedeutung, die nur vor dem Hintergrund des pragmatischen Kontextes (der unmittelbar vorangegangenen Aussage von A) zu erkennen ist.

Die Beispielsweise sind bewusst so gewählt, dass sie keine Elemente enthalten, die die zweite Äußerung durch eine interne Markierung mit der ersten Aussage in ein Verhältnis setzt. Dennoch lassen sie sich interpretativ mit der vorangegangenen Aussage verknüpfen und erhalten dadurch einen Interpretationsspielraum, der über die eigentliche Aussage hinaus geht.

A: Was ist mit dem Braten geschehen?
B: Der Hund sieht sehr glücklich aus.

Dieses Beispiel hatten wir schon, aber es verdeutlicht einen weiteren Aspekt, nämlich, dass Wissen über die Welt Voraussetzung dafür ist, intersubjektiv übereinstimmende Bedeutung beider Konversationsteilnehmer herzustellen.
Wenn Person A beispielsweise davon ausgehen würde, dass Hunde Vegetarier sind, könnte sie aus der Aussage des B nicht interpretieren, weshalb der Hund glücklich aussehen könnte.

Bereits Kommunikation unter Anwesenden kann sich ein Stück weit abwenden von den Mitteilungsabsichten, die die Akteure mit Ihren Äußerungen verbinden.
Es geschieht ständig, dass beispielsweise humorvolle Äußerungen nicht verstanden, oder falsch interpretiert werden.

A: Gibt es etwas, was dich beunruhigt?
(1 Sekunde Pause)
B: (keine Antwort)
A: Ja oder Nein?

Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung Pausen haben können. In diesem Fall scheint sie als bedeutungsvolle Handlung durch Unterlassen interpretiert werden zu können. Es handelt sich hier um ein Tun durch Unterlassen.
Wie schon Max Weber feststellte, kann Handeln auch durch Unterlassen vollzogen werden. In diesem Beispiel wird durch die Frage “Ja oder Nein?” des A, ein Unterlassen durch Kommunikation zugewiesen. Wenn A beispielsweise die Frage wiederholt hätte, wäre die Interpretation gewesen, dass B die Frage nicht verstanden hat.

Im nächsten zusammenfassenden Blogbeitrag zur Vorlesung Handlungstheorie wird es um eine Überleitung zur handlungstheoretischen Perspektive auf die Systemtheorie gehen, welches gleichsam der letzte Themenblock aus dieser Veranstaltung ist.

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