Handlungstheorie nach Max Weber: Handeln und Handlungsverstehen

Diese Veranstaltungsreihe von Prof. Dr. Wolfgang Ludwig Schneider habe ich auf der Youtube-Plattform gefunden. Insgesamt gibt es dreizehn Sitzungen, die ich in Form von Blogbeiträgen zusammenfassen, kommentieren und reflektieren möchte.Beginnend mit der Einführungssitzung.

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Literatur zur Veranstaltung: “Grundlagen der Soziologischen Theorie Band I und II” (im System der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg als elektronische Ressource abrufbar).

Im Fokus: Der Handlungsbegriff.
Handlungstheorien schauen auf einzelne Akteure. Das ist eine Alternative dazu, die Gesellschaft als Ganzes zu betrachten (was auch gemacht wird). Vom Handeln des Einzelnen kommt es zu sozialen Beziehungen und dann zum Gesamtzusammenhang. Wobei umstritten ist, wie sich die Mikro- und Makroebene zueinander verhalten. Meines Erachtens wird ein theoretisches Erklärungsmodell wohl meistens unterkomplex sein und daher selten über seine eigenen Kernfokus hinaus für Erklärungen brauchbar sein.

Max Weber ist der klassische Theoretiker für den Begriff des Handelns. Schon in §1 seiner soziologischen Grundbegriffe, wird die Soziologie als Wissenschaft vom sozialen Handeln definiert.

Vom Handeln muss man direkt auf Handlungsverstehen übergehen. Man kann Handlungen beobachten und interpretieren. Handlungen erklären sich wohl in der Regel nicht von selbst. Wenn man danach fragt, wieso jemand handelt, kommt man auf die Ebene der Motive. Motive können unterschiedliche Formen annehmen… Sie können beispielsweise rational oder gewohnheitsmäßig motiviert sein.

Die Frage, unter welchen Voraussetzungen zweckrationales Verhalten zunimmt, führt in den Bereich der Gesellschaftstheorie. Insbesondere, wenn gesellschaftliche Institutionen etabliert sind, scheint rationales Handeln gefördert zu werden, bzw. es ist erwartbar. In Intimbeziehungen sind affektuelle Handlungen eher zu erwarten.

-> Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem zustimmen kann. Sogenanntes affektuelles Handeln könnte aus subjektiver Sicht durchaus rational motiviert sein, vielleicht sind die rationalen Umstände einfach schwer zu beobachten.

Das Problem sozialer Ordnung (wie ist es möglich, dass Menschen sich an soziale Ordnungen halten?) ist für Parsons entscheidend. Der Fokus der Betrachtung ist also anders, weil bei ihm die unverzichtbarkeit der normativen Dimension des Handelns konstatiert wird. Parsons versucht die Entwicklung eines kategorialen Systems: Welche analytischen Komponenten müssen gegeben sein, um soziales Handeln zu erfassen? Es geht bei Parsons also auch um die Methodik der empirischen Sozialforschung scheint mir.

Müssten wir nicht wissen, was handeln ist, weil wir ständig selbst handeln? Nein. Es bestehe ja auch ein Unterschied darin, eine Sprache (Muttersprache) zu können und die Grammatik der Sprache zu rekonstruieren und aufzuzeigen. Synchron dazu, werden in der Veranstaltung werden vertraute Phänomene aus dem Alltag in einer verfremdeten, theoretischen Perspektive, zum Gegenstand gemacht.

Auch persönlichkeitstheoretischen Implikationen des Handlungsbegriffs nach Parsons werden Bestandteil der Vorlesung werden.

Eine Begriffsbildung, die von der Handlungstheorie abhebt ist die Systemtheorie. Bei Parsons sind die beiden Theorien noch eng gekoppelt, jedenfalls ist dies sein Anspruch.

Die “Rational-Choice-Theorie” steht eher kritisch zu Parsons Ansichten, genauso lässt sich jedoch aus Parsons Ansichten eine Kritik an Nutzenrationalität ablesen, weil daraus das Problem sozialer Ordnung nicht lösbar sei. Utilitarismus, also Handeln, das festgemacht ist am Nutzen für den Einzelnen, ist Vorläufer der Rational-Choice-Theorie.

Ebenfalls mit dem Rationalitätskonzept, jedoch kritisch gegenüber Theorien rationaler Wahl, geht die kommunikative Rationalität von Jürgen Habermas einher. Es handelt sich hierbei um einen anderen Typ von Rationalität der im Vordergrund steht… man spricht von argumentativer Rationalität.

Damit einher geht die Verknüpfung intersubjektiver Einlösung von argumentativen Ansprüchen der Geltung und Rechtfertigung, an das Konzept der Rationalität – als neuer Schritt innerhalb der Handlungstheoretischen Konzeption.

Hört sich gut an, kann man vermutlich auch weniger kompliziert ausdrücken. Es scheint zu bedeuten, dass Rationalität aus dieser Blickrichtung eher durch Aushandlung, bzw. Kommunikation festgelegt wird, als durch eine allgemeine oder subjektive Norm. Rationalität ist eingebaut in Kommunikationszusammenhänge.

Die Entfaltung der Intersubjektivität wird dann im Rest der Veranstaltung Thema sein. Unter anderem anhand von Alfred Schütz, der eine Rückkehr zu Weber darstellt, wobei die Thematik im Fokus ist, was die Lebensdaten angeht, stehen die Konzeptionen nicht in chronologischer Abfolge. Die im Fokus stehende Fragestellung von Alfred Schütz wird sein, wie subjektiver Sinn intersubjektiv zugänglich gemacht werden kann.

Danach geht es um George Herbert Mead, von dem ich insbesondere in wissenssoziologischen Zusammenhänge schon gehört habe. Ein amerikanischer Pragmatist und Zeitgenosse Webers. Nach ihm gibt es zunächst intersubjektiven Sinn, der dann, beispielsweisen in Prozessen der Sozialisation, subjektiv angeeignet wird.

Derartige Argumentationen schöpfen aus unmittelbarer Anschaulichkeit, an Partizipation alltäglichen Handelns. Das ist noch keine erfahrungswissenschaftliche Form des Zuganges zu handeln – dieser wird im weiteren realisiert, prominent bei Garfinkel – als ethnomethodologischer Zugang. Es geht hier stärker um einen empirischen Zugang – weniger jedoch durch Beobachtung alltäglichen Verhaltens, sondern Krisenexperimente.

Von derartigen Experimenten habe ich schon gehört und man kann das auch im Selbstversuch nachstellen, indem man versucht in alltäglichen Situationen bewusst Wissen, welches man durch vorangegangene Interaktionen mit den betroffenen aussen vor lässt. Kleines fingiertes, selbsterdachtes Beispiel:

Bekannte Person: “Hallo, wie geht es dir”
Ich: “Wie soll es mir gehen?”
Bekannte Person: “Na ob es dir gut geht, alles in Ordnung?”
Ich: “Was meinst du mit gut? Was genau soll in Ordnung sein? Welche Ordnung ist gemeint?”
Bekannte Person: “Kannst du mir einfach mal antworten?”
Ich: “Ich antworte auf jede Frage.”
Bekannte Person: “Du hast einen an der Klatsche…!”

Also… man erkennt anhand solcher Beispiele sehr gut soziale Praktiken. “Hallo, wie geht es dir” ist eine alltägliche belanglose Frage, eine Art höfliche Floskel. Derartige Floskeln sind nicht immer wörtlich zu nehmen und detailliert zu hinterfragen. Wir verstehen derartiges Verhalten und verhalten uns entsprechend. Meist unterbewusst.

Wenn solche Erwartungen verletzt werden, können intersubjektive Erwartungen sichtbar gemacht werden… Naja… vielleicht muss man die intersubjektiven Erwartungen aber auch schon kennen um sie verletzen zu können. Oder mindestens erahnen. Zweifelhaft ist mir noch, ob man intersubjektive Erwartungen verletzen kann, deren man sich nicht bewusst ist, bzw. derer man sich bewusst zu machen außerstande ist.

Handeln ist ereignisförmig und damit vergänglich. Ihre Erforschung ist erst möglich, seitdem durch technische Hilfsmittel (Tonaufzeichnung, Kamera) Aufnahmen möglich sind. Erst dadurch ist das Herausarbeiten von Feinstrukturen möglich.

Handlungstheorie und die Methoden der empirischen Analyse von Handlungsprozessen sind dadurch eng verknüpft. Konversationsanalyse ist die prominenteste Methode der qualitativen Sozialforschung in diesem Bereich, welche die sequenzielle Abfolge von Handlungen sichtbar macht.

In den letzten Sitzungen geht es um die theoretisierung des Zugriffes auf kommunikatives Handeln, unter anderem zu finden in der Luhmannschen Systemtheorie. Sie macht nicht anderes als die theoretischen Konsequenzen aus einer Analysestrategie kommunikativen Handelns zu ziehen. Die systemtheoretische Kommunikationstheorie weitet den Fokus aus, über die Kommunikation, bzw. Interaktion zwischen Anwesenden, hin zu Massenkommunikation. Das bereitet innerhalb der Konversationsanalyse Schwierigkeiten, weil die Sequenzialität verloren geht.

Damit beginnt der inhaltliche Teil mit:

Max Weber

In §1 seiner soziologischen Grundbegriffe findet sich folgende Definition:

“Soziologie (im hier verstandenen Sinn dieses sehr vieldeutig gebrauchten Wortes) soll heißen:…”

Hier wird schon durch den Einschub in Klammern erkennbar, dass es sich um ein Definitionsangebot handelt, welches keinen alleinige Deutungshoheit über den Begriff beansprucht.

 

“…eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will…”

Anschließend geht es um den Begriff des “Handeln”:

“…»Handeln« soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. »Soziales« Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.”

Um es in eine Formel zu packen:

Handeln = menschliches Verhalten + subjektiver Sinn

Der subjektive Sinn ist nicht immer offensichtlich. Ein Clown der im Zirkus stolpert, könnte dies absichtlich tun, dann wäre es eine Handlung. Wenn es ein Versehen ist, wäre es eher ein Verhalten.

Damit reicht der Handlungsbegriff stark in die psychische Dimension hinein und ist dort verankert. Der Behaviourismus hat versucht Verhaltensprozesse so zu analysieren, dass subjektiver Sinn ausgeblendet wird. Weber dagegen macht es der Soziologie zur Aufgabe den subjektiven Sinn von Handeln zu rekonstruieren.

Teilweise sind Verhalten und subjektiver Sinn bei Beobachtungen zu trennen, insbesondere, wenn das Verhalten Interpretationsspielräume bezüglich des subjektiven Sinnes zulässt.

Die Frage nach den spezifischen Motiven einer Handlung spielt zunächst keine Rolle, um das Vorhandensein subjektiven Sinnes zu ermitteln, kann aber bedeutsam sein. Als Beispiel werden intime Beziehungen genannt (“Warum hast du mich betrogen”). Es gibt auch Berufsgruppen, die auf die Ermittlung von Motiven spezialisiert sind, etwa Staatsanwaltschaften: Welche Handlung lag bei einer Tötung vor? War es eine Körperverletzung mit Todesfolge, Totschlag oder Mord? Auch für Psychologen sind Motive ihrer Patienten relevant.

Motive sind Antriebsfaktoren, die bestimmtes Verhalten verursachen.

“…eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will…”

Sozialtypische Motive sind die Motive, die Soziologen interessieren. Diese können für Angehörige bestimmter Gesellschaften und Kulturen zunächst trivial sein, weil diese innerhalb dieser Gesellschaften allgemein bekannt sind. Bei interkulturellem Verstehen lassen sich ggf. bestimmte ungewöhnliche Verhaltensweisen registrieren, für die man dann Motive suchen muss, um diese zu verstehen. Sozial geltende Normalitätsvorstellungen, die hinter verbreiteten Mustern des Verhaltens angenommen werden können, sind also zu hinterfragen und soziologisch zu rekonstruieren.

Weber etwa hat die Frage aufgeworfen, wie es dazu kam, dass das Motiv, durch wirtschaftliche Investitionen Gewinn zu erzielen, sozial normalisiert worden ist. Eine Frage, die für mich, als Sozialökonom, besonders interessant ist. Historisch ist diese Frage durchaus erklärungsbedürftig, da es als abweichendes Verhalten charakterisiert werden kann (das Annehmen von Zinsen war beispielsweise lange Zeit sozial geächtet). Weber sieht dafür eine Umstrukturierung religiöser Deutungsmuster als ursächlich, genommen durch den asketischen Protestantismus.

Zum Abschluss der Sitzung noch kurz ein Fokus auf soziales Handeln.

“…»Soziales« Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.”

Damit ist das subjektiv sinnhafte Verhalten anderer gemeint, wie aus den Erläuterungen Webers hervorgeht.

Ein Gedanke zu „Handlungstheorie nach Max Weber: Handeln und Handlungsverstehen

  1. […] Verdeutlichung dient ein Beispiel, das bereits in der ersten Veranstaltung über Max Weber genannt wurde. Folgendes Verhalten wird […]

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