Gefangenendilemma und Rational Choice Theorie

An dieser Stelle hatte ich ursprünglich ein Youtube-Video verlinkt. Die Aufzeichnungen der Veranstaltung “Handlungstheorie” von Professor Dr. Ludwig Schneider sind allerdings noch über das Medienportal der Universität Osnabrück aufrufbar. Über das Suchformular, sollte sich die Veranstaltung finden lassen, die zu diesem Blogbeitrag gehört.

Die Bezeichnung “Gefangenendilemma” geht auf Albert William Tucker zurück, ist aber als soziales Dilemma schon vorher in Erklärungsansätzen für soziales Handeln immanent und ist der Wert-Erwartungstheorie zuzurechnen, bei der Handlungsalternativen so bewertet werden, dass der wahrscheinlich eintretende persönliche Nutzen am höchsten ist.

Die Herleitung erfolgt über die offene Frage bezüglich des Überganges vom Naturzustand bei Thomas Hobbes, dem Krieg aller gegen alle, zum Gesellschaftsvertrag, der als Erklärungsursache dafür dient, dass wir trotzdem in einer grundsätzlich eher friedlichen Gesellschaft leben (siehe hier).

Das Gefangenendilemma lässt sich mit einer Geschichte über Straftäter veranschaulichen und die möglichen Ergebnisse in einer Matrix darstellen:

gefangenendilemmaEs geht darum, dass zwei egoistische Menschen, A und B, erwiesenermaßen gemeinsam eine Straftat begehen, deren Höchststrafmaß bei 6 Jahren Haft liegt.

Beim Gefangenendilemma geht es um die Situation im Verhör. Jede der beiden Personen kann entweder schweigen, oder gestehen.

Wenn beide schweigen, bekommen sie jeweils 2 Jahre Haft. (Zusammen 4 Jahre)
Wenn beide gestehen, bekommen sie jeweils 4 Jahre Haft. (Zusammen 8 Jahre)
Wenn eine Person schweigt, die andere gesteht, bekommt die schweigende Person 6 Jahre, die gestehende 1 Jahr. (Zusammen 7 Jahre)

Letztlich wäre es also, gemeinschaftlich betrachtet, am günstigsten, beide würden schweigen. Zu diesem Verhalten kommt es aber wohl empirisch nicht, weil immer eine Person versucht, sich durch gestehen besser zu stellen (im günstigsten Fall bekäme diese Person dann nur 1 Jahr Haftstrafe).

Das Gefangenendilemma beinhaltet eine Paradoxie, aus der man ein Folgeproblem ableiten kann. Aus der Sicht rationaler Nutzenoptimierer wäre es wünschenswert, wenn es eine soziale Norm gäbe, aus der hervorgeht, dass beide Beteiligte schweigen.
Diese soziale Norm könnte beispielsweise in der Vereinbarung bestehen, nach der Haftstrafe für das Gestehen vor Gericht ermordet zu werden, wie dies beispielsweise, aus Sicht der Akteure, in mafiösen Strukturen denkbar ist.

Wenn man davon ausgeht, dass die Rational Choice Theorie zutrifft, also davon ausgeht, dass Menschen rational und egoistisch, entsprechend des im Gefangenendilemmas prognostiziertem Verhalten handeln (auch bei mehr als nur zwei Beteiligten), kann ein erwünschtes, gesamtgesellschaftlich rationales Verhalten nur normiert werden, wenn die Etablierung der Normen, einschließlich der Sanktionsmöglichkeiten, gesellschaftlich gewünscht, also rational erstrebenswert, sind.

Lösung: Da für alle einzelnen Akteure zunächst das Betrügen am vorteilhaftesten wäre, stellt sich die Fragen, wer sanktionieren könnte. Dieses Gefangenendilemma zweiter Ordnung bleibt strukturell ungelöst, sofern das Problem der Sanktionskosten nicht gelöst wird. In der Rational Choice Theorie gibt es die Möglichkeit, dieses Dilemma zu überwinden, indem die Zeitdimension mit betrachtet wird. Die These dazu lautet, dass wenn sich die Betrogenen erneut begegnen und eine erneute Transaktion möglich wird, wäre es attraktiver nicht zu betrügen. Dies wird als Reputationseffekt bezeichnet. “Klatsch”, als schwache Sanktion, dient also als Mechanismus sozialer Kontrolle in kommunikativen Netzwerken (und zwar nur dort). Damit fallen alle Sanktionskosten weg, weil auch für die Betreibenden von Klatsch positive Effekte anfallen, insofern als dass diejenigen sich selbst durch das Erzählen als interessant darstellen können.

Soweit die (für mich) vorläufig wichtigsten Erkenntnisse aus der Rational Choice Theorie

Ein Gedanke zu „Gefangenendilemma und Rational Choice Theorie

  1. […] von Eigeninteressen erreicht werden können, sofern die Handlungsbedingungen  nicht zu Dilemmastrukturen bei den Akteuren führen (vgl. Homann, S. […]

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